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Seit Anfang 2020 hat die COVID-19-Pandemie Einfluss auf alle Bereiche der medizinischen Versorgung (1). Speziell Patienten mit Tumorerkrankungen können sekundär durch reduzierte Vorsorgeuntersuchungen, Verzögerungen der Diagnostik sowie reduzierte operative Kapazitäten betroffen sein. Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Abrechnungsdaten der BARMER Krankenkasse hinsichtlich Tumoroperationen im Zeitraum April bis Oktober 2020 im Vergleich zu den Vorjahren analysiert.

Methoden

Analysiert wurden 9 Millionen Versicherte zwischen Januar 2017 bis Oktober 2020. Eingeschlossen wurden ICD-Codes C15–C16, C18–C20, C25, C34, C50, C61, C64 und einem zugehörigen Verfahrenscode für Tumoroperation (5423–26, 542411–12, 5435–38, 5455–56, 5484–5485, 5524–25, 5323–25, 5527–28, 5870, 5872, 5874, 5877, 5604, 5554 [ausgenommen 5554.9]). Berechnet wurde die relative Häufigkeit einer Tumoroperation pro 10 000 Versicherte pro Monat und hierbei die Zeiträume April bis Oktober 2017/18/19 gegen 2020 verglichen.

Ergebnisse

Von April bis Oktober 2017–2019 wurden pro Monat durchschnittlich 2,24 ± 0,14/10 000 Versicherte aufgrund eines Tumors operiert, im selben Zeitraum 2020 waren es 2,06 ± 0,18/10 000 Versicherte (−8 %; p < 0,05).

Bei separater Betrachtung der Zeit des Lockdowns von April bis Juni 2020 wurden 14,3 % weniger Tumoroperationen als im Vergleichszeitraum 2017–19 durchgeführt (2,24 ± 0,14 versus 1,92 ± 0,17/10 000 Versicherte/Monat, p = 0,009). Ein signifikanter Rückgang fand sich bei Kolon- (−20,0 %), Mamma- (−17,9 %), Rektum- (−17,6 %) und Lungenkarzinomoperationen (−14,3 %). Eine nicht signifikante Abnahme zeigte sich bei Ösophaguskarzinom- (−11,5 %), Magenkarzinom- (−10,2 %), Pankreaskarzinom- (−5,4 %) und Nierenzellkarzinomoperationen (−11,8 %). Bei Prostatakarzinomen fand sich ein nicht signifikanter Anstieg von 0,24 ± 0,03 auf 0,26 ± 0,02/10 000. In diesem Zeitraum wurde bei 113 der operierten Patienten (2,2 %) eine COVID-19-Infektion verschlüsselt (Tabelle).

Karzinomresektionen vor, im und nach dem Lockdown für den Zeitraum April bis Oktober 2020
Tabelle
Karzinomresektionen vor, im und nach dem Lockdown für den Zeitraum April bis Oktober 2020

Im Zeitraum Juli bis Oktober 2020 fand sich eine 4 % geringere Tumoroperationsrate (2,25 ± 0,15 versus 2,16 ± 0,11/10 000). Für die einzelnen Entitäten ergab sich ein nicht signifikanter Anstieg der Operationszahlen bei Ösophagus- (+10,5 %), Pankreas- (+10,1 %) und Lungenkarzinomen (+5,6 %). Operationen bei Kolonkarzinomen waren um 9,8 % niedriger als in den Vorjahreszeiträumen. Die Anzahl an Rektum- (−23,5 %) und Magenkarzinomresektionen (−25,8 %) war jeweils signifikant niedriger als in den Vorjahren. In diesem Zeitraum wurde bei 68 der operierten Patienten zusätzlich eine COVID-19-Infektion (0,9 %) verschlüsselt.

Um den Effekt der Reduktion der Operationen mit dem ersten Lockdown zu modellieren wurde eine unterbrochene Zeitreihenanalyse durchgeführt, wobei April 2020 als Interventionszeitpunkt angenommen wurde (2). In diesem Modell zeigte sich eine stabile Operationsrate im Vergleichszeitraum mit einer signifikanten Reduktion der Krebsoperationen sowohl für die kumulierte Anzahl von Resektionen (−0,34/10 000 (95-%-Konfidenzintervall: [–0,456; 0,225], p < 0,001) als auch individuell für Lungen-, Mamma-, Kolon- und Rektumkarzinomresektionen im Jahr 2020. Es bestand zudem ein signifikanter positiver Trend des Regressionskoeffizienten seit April für alle Entitäten, was auf einen möglichen Aufholeffekt hinweist (+0,039/10 000 [0,013; 0,065]), p = 0,004). Ausgenommen hiervon waren Rektumkarzinome mit einer weiteren Abnahme.

Diskussion

Diese Kohortenstudie stellt erstmals klare Hinweise für einen Sekundäreffekt der COVID-19-Pandemie auf Tumoroperationen in Deutschland vor. Sie zeigt, dass die Gesamtrate der Krebsoperationen signifikant zurückgegangen ist. Die Mehrzahl dieser Fälle betrifft Krebserkrankungen, welche im Rahmen strukturierter Vorsorgeuntersuchungen zu detektieren sind und mit einer insgesamt guten Prognose, wenn sie in einem frühen Stadium diagnostiziert werden. Zudem gibt es für diese Entitäten nur einen begrenzten Nachholeffekt. Zudem ist der Rückgang bei Patienten über 70 Jahren stärker als darunter.

Extrapoliert man die Daten der Barmer Versicherten auf die Gesamtbevölkerung von 83 Millionen Bundesbürger zeigt sich, dass innerhalb April bis Juni 2 656 Patienten möglicherweise nicht diagnostiziert oder behandelt wurden (3). Der Hauptanteil entfällt auf Mammakarzinome (circa 1 600 Patienten) und kolorektale Karzinome (circa 900 Patienten). Unter Berücksichtigung eines möglichen Aufholeffekts beläuft sich die Anzahl auf circa 1 500 Patienten zwischen April bis Oktober (circa 600 Mamma- und 750 kolorektale Karzinomen[KRK]-Operationen).

Hypothetische Berechnungen zur Auswirkung einer um sechs Monate verzögerten Therapie von KRK kalkulieren im Stadium II nach fünf Jahren für Patienten zwischen 30 und 39 Jahren bei Diagnosestellung eine 16,7 % geringere Überlebensrate beziehungsweise 4,8 % für Patienten über 80 Jahre. Bei Patienten im Stadium III zeigt sich eine um 30 % verringerte altersunabhängige Fünf-Jahres-Überlebensrate (4). Im britischen Gesundheitssystem wird innerhalb von fünf Jahren eine Zunahme der KRK bedingten Todesfälle zwischen 15,3 und 16,6 % angenommen, was etwa 1 500 Patienten entsprechen würde (5).

Limitation

Unsere Studie weist mehrere Einschränkungen auf. Zunächst bildet die BARMER-Kohorte nur 10 % der Gesamtbevölkerung ab. Es können deshalb Verzerrungen in Hinblick auf soziökonomische Faktoren vorliegen. Zweitens liegen keine Informationen zum Tumorstadium vor. Drittens wird in den letzten Jahren eine sinkende Inzidenz für verschiedene Tumorentitäten, wie das KRK, beobachtet, dieser Rückgang war bislang aber deutlich geringer als der beobachtete Effekt im Jahr 2020.

Resüme

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass neben den direkten Auswirkungen von COVID-19 auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung, zeitgleich ein deutlicher Rückgang an onkologischen Operationen zu beobachten war. Dies betrifft vor allem Patienten mit einer Tumorerkrankung, die in einem frühen Stadium operativ behandelt werden und durch eine Therapieverzögerung möglicherweise nicht mehr einer kurativen Resektion zugeführt werden könnten.

Johannes Diers, Laura Acar, Philip Baum, Sven Flemming, Carolin Kastner, Christoph-Thomas Germer, Helmut L’hoest, Ursula Marschall, Johan Friso Lock, Armin Wiegering

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations-, Gefäß- und Kinderchirurgie, Universitätsklinik Würzburg (Diers, Baum, Flemming, Kastner, Germer, Lock, Wiegering) Wiegering_A@ukw.de

BARMER, Wuppertal (Acar, L´hoest, Marschall)

Lehrstuhl für Biochemie und Molekularbiologie, Universität Würzburg (Kastner, Wiegering)

Comprehensive Cancer Center Mainfranken, Universitätsklinikum Würzburg (Germer, Wiegering)

Abteilung für Thoraxchirurgie, Thoraxklinik, Universitätsklinikum Heidelberg (Baum)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 29. 4. 2021, revidierte Fassung angenommen: 9. 6. 2021

Zitierweise
Diers J, Acar L, Baum P, Flemming S, Kastner C, Germer CT, L’hoest H, Marschall U, Lock JF, Wiegering A: Fewer operations for cancer in Germany during the first wave of COVID-19 in 2020—a cohort study and time-series analysis.

Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 481–2. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0265

Dieser Beitrag erschien online am 25. 6. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Rommel A, von der Lippe E, Plass D, et al.: The COVID-19 disease burden in Germany in 2020—years of life lost to death and disease over the course of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 145–51 VOLLTEXT
2.
Wagner AK, Soumerai SB, Zhang F, Ross-Degnan D: Segmented regression analysis of interrupted time series studies in medication use research. J Clin Pharm Ther 2002; 27: 299–309 CrossRef MEDLINE
3.
Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
4.
Sud A, Jones ME, Broggio J: Collateral damage: the impact on outcomes from cancer surgery of the COVID-19 pandemic. Ann Oncol 2020; 31: 1065–74 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Maringe C, et al.: The impact of the COVID-19 pandemic on cancer deaths due to delays in diagnosis in England, UK: a national, population-based, modelling study. Lancet Oncol 2020; 21: 1023–34 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Karzinomresektionen vor, im und nach dem Lockdown für den Zeitraum April bis Oktober 2020
Tabelle
Karzinomresektionen vor, im und nach dem Lockdown für den Zeitraum April bis Oktober 2020
1.Rommel A, von der Lippe E, Plass D, et al.: The COVID-19 disease burden in Germany in 2020—years of life lost to death and disease over the course of the pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 145–51 VOLLTEXT
2.Wagner AK, Soumerai SB, Zhang F, Ross-Degnan D: Segmented regression analysis of interrupted time series studies in medication use research. J Clin Pharm Ther 2002; 27: 299–309 CrossRef MEDLINE
3.Baum P, Diers J, Lichthardt S, et al.: Mortality and complications following visceral surgery—a nationwide analysis based on the diagnostic categories used in German hospital invoicing data. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 739–46 VOLLTEXT
4.Sud A, Jones ME, Broggio J: Collateral damage: the impact on outcomes from cancer surgery of the COVID-19 pandemic. Ann Oncol 2020; 31: 1065–74 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Maringe C, et al.: The impact of the COVID-19 pandemic on cancer deaths due to delays in diagnosis in England, UK: a national, population-based, modelling study. Lancet Oncol 2020; 21: 1023–34 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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