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Im Jahr 2019 wurde das Anspruchsalter für die Vorsorgekoloskopie für Männer in Deutschland von 55 auf 50 Jahre herabgesetzt. Weiterhin werden jedoch nur maximal zwei Vorsorgekoloskopien im Abstand von zehn Jahren angeboten. Dies bedeutet ein oberes Alterslimit von 60 Jahren für die Darmkrebsvorsorge bei voller Inanspruchnahme des neuen Angebots. Angesichts einer prognostizierten zukünftigen Lebenserwartung von über 80 Jahren auch für Männer erscheint ein derart niedriges oberes Alterslimit problematisch. Ferner ist unklar, wie die neue Vorsorgeoption hinsichtlich der Effektivität im Vergleich zum bisherigen und weiterhin verfügbaren Angebot abschneidet, dem jährlichen quantitativen immunologischen Stuhltest (FIT) im Alter von 50–54 Jahren gefolgt von Vorsorgekoloskopien im Alter von 55 und 65 Jahren.

Methode

Für diese Studie wurden deshalb die Langzeiteffekte des neuen (NEU) im Vergleich zum bisherigen (ALT) Angebot durch eine Modellierung anhand von COSIMO (Colorectal Cancer Multi-state Simulation Model) geschätzt. COSIMO ist ein validiertes Markov-basiertes Simulationsmodell, das auf Grundlage umfangreicher Daten zur Darmkrebsvorsorge in der deutschen Bevölkerung konzipiert wurde (1). Zusätzlich wurden alternative Vorsorgestrategien bewertet: Koloskopien im Alter von 50, 60 und 70 Jahren (A1) sowie Koloskopien im Alter von 50 und 60 Jahren gefolgt von zweijährlichem FIT im Alter von 70–78 Jahren (A2). Für jede Strategie bestand die simulierte Population aus 100 000 zuvor nicht gescreenten Männern im Alter von 50 Jahren bei Start der Modellierung, für die von einer vollständigen Annahme der Screeningangebote ausgegangen wurde. Für NEU, A1 und A2 versus ALT wurden jeweils die prozentualen Veränderungen hinsichtlich der Darmkrebsneuerkrankungen, der Darmkrebssterbefälle sowie der potenziell verlorenen Lebensjahre (YPLL, „years of potential life lost“, ein gewichtetes Maß zur Berücksichtigung der verbleibenden Lebenserwartung bei vorzeitigem Ableben) ermittelt. Zusätzlich wurden die Anzahl an Koloskopien zur Detektion eines einzelnen Darmkrebsfalls sowie die Anzahl an koloskopiebedingten Komplikationen bestimmt.

Ergebnisse

Nach 50 simulierten Jahren ergaben sich durch den Wechsel von ALT auf NEU erheblich mehr Darmkrebsfälle (+29 %), Darmkrebssterbefälle (+63 %) sowie YPLL (+26 %) (Grafik 1). Im Gegensatz dazu würden Strategien mit ergänzenden Vorsorgeangeboten für höhere Altersgruppen (A1 und A2) die Anzahl an Neuerkrankungen, Darmkrebstodesfällen und/oder YPLL im Vergleich zu ALT reduzieren. A2 würde zusätzlich zu einem wesentlich effizienteren Einsatz der verfügbaren Ressourcen führen (Grafik 2). Außerdem würde sich die zu erwartende Zahl der Blutungen, Perforationen sowie jeglicher Komplikationen bei Teilnehmern im Alter von über 70 Jahren ungefähr halbieren, wenn ein zweijährlicher FIT im Alter von 70–78 Jahren anstelle von einer dritten Vorsorgekoloskopie verwendet würde.

Erwartete Veränderung der Anzahl von Darmkrebsneuerkrankungen, Darmkrebssterbefällen sowie damit assoziierter potenziell verlorener Lebensjahre
Grafik 1
Erwartete Veränderung der Anzahl von Darmkrebsneuerkrankungen, Darmkrebssterbefällen sowie damit assoziierter potenziell verlorener Lebensjahre
Zahl der erforderlichen Koloskopien zur Detektion eines einzelnen Darmkrebsfalls bei Männern für jede Vorsorgerunde unter dem aktuellen Angebot (jährlicher FIT gefolgt von Koloskopie) im Vergleich zu einem alternativ möglichen Angebot (Koloskopie gefolgt von zweijährlichem FIT)
Grafik 2
Zahl der erforderlichen Koloskopien zur Detektion eines einzelnen Darmkrebsfalls bei Männern für jede Vorsorgerunde unter dem aktuellen Angebot (jährlicher FIT gefolgt von Koloskopie) im Vergleich zu einem alternativ möglichen Angebot (Koloskopie gefolgt von zweijährlichem FIT)

Zusammengefasst deuten diese Ergebnisse auf einen erheblichen Verbesserungsbedarf des neuen Angebots zur Darmkrebsvorsorge hin.

Diskussion

Obwohl die Darmkrebsvorsorge in Deutschland bislang bemerkenswert erfolgreich war (2, 3), stellt die bestmögliche Konzeption von Vorsorgeangeboten weiterhin eine große Herausforderung dar. Während die Herabsetzung des Anspruchsalters für die Vorsorgekoloskopie auf 50 Jahre bei Männern durch die verfügbare Evidenz gestützt wird, stehen die derzeitigen oberen Altersgrenzen von 60 beziehungsweise 65 Jahren für Männer, die das Angebot der Vorsorgekoloskopie vollständig nutzen, in deutlichem Gegensatz zum Stand der medizinischen Erkenntnisse sowie den Leitlinienempfehlungen (4). Darüber hinaus hat die Aktualisierung des Angebots im Jahr 2019 das bisherige Angebot (ALT) unverändert gelassen. Dadurch befinden sich Männer in Deutschland in der weltweit eher ungewöhnlichen Situation, zwischen zwei Vorsorgestrategien wählen zu können, mit im Vergleich unbekannter Wirksamkeit.

Unsere Studie kommt zu zwei wesentlichen Ergebnissen:

  • Das neue Angebot zweier Vorsorgekoloskopien ab dem 50. Lebensjahr führt möglicherweise zu einer langfristig geringeren Risikoreduktion als das bisherige und weiterhin verfügbare Angebot – die Sequenz aus FITs und Koloskopien. Dies ist insofern bedenklich, als die Koloskopie den Goldstandard der Darmkrebsvorsorge darstellt und deshalb die klar von der Ärzteschaft bevorzugte Modalität bei der Beratung von Patienten ist (5). Vorsorgewillige Männer könnten deshalb die Koloskopie im Alter von 50 und 60 Jahren bevorzugen und damit unwissentlich den letztlich weniger effektiven Weg wählen.
  • Alternative Strategien, die komplementäre Vorsorgeangebote im höheren Alter umfassen, sind den derzeitigen Vorsorgekoloskopie-Strategien überlegen. In unserer Studie zeigte sich dies insbesondere in den untersuchten Parametern zu Mortalität und YPLL.

In unserer Studie wurde bewusst eine perfekte Inanspruchnahme angenommen, was in der Praxis höchst unrealistisch wäre. Jedoch ist diese Perspektive bei der Konzeption von Vorsorgeprogrammen zu bevorzugen, da sie Entscheidungsträgern erlaubt, das Ergebnis einer Strategie unter perfekten Bedingungen zu verstehen. Kombiniert mit der bereits vorliegenden Evidenz unterstreichen unsere Ergebnisse die Notwendigkeit ergänzender Vorsorgeangebote für höhere Altersgruppen. Diese sollten von den zuständigen Entscheidungsträgern im Gesundheitswesen dringlichst auf den Weg gebracht werden.

Zusammengefasst schneiden die derzeit für Männer angebotenen Vorsorgekoloskopie-Strategien deutlich schlechter ab als alternative, aktuell nicht verfügbare Optionen – ungeachtet der erst kürzlich erfolgten Aktualisierung des Vorsorgeangebots. Ergänzende Vorsorgeangebote in höherem Alter zusätzlich zur Vorsorgekoloskopie im Alter von 50 und 60 Jahren könnten erheblich dazu beitragen, die Darmkrebsinzidenz und -mortalität sowie die damit assoziierten potenziell verlorenen Lebensjahre weiter zu reduzieren. Die Implementierung derartiger komplementärer Angebote sollte mit Priorität vorangetrieben werden.

Thomas Heisser, Tobias Möllers, Rafael Cardoso, Tobias Niedermaier, Michael Hoffmeister, Hermann Brenner
Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ), Heidelberg (Heisser, Möllers, Niedermaier, Hoffmeister, Brenner)
t.heisser@dkfz.de
Medizinische Fakultät, Universität Heidelberg (Heisser, Cardoso)
Abteilung Präventive Onkologie, DKFZ und Nationales Centrum für Tumorerkrankungen, Heidelberg (Cardoso, Brenner)
Deutsches Konsortium für Translationale Krebsforschung, DKFZ, Heidelberg (Niedermaier, Brenner)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 24. 4. 2021, revidierte Fassung angenommen: 9. 6. 2021

Zitierweise
Heisser T, Möllers T, Cardoso R, Niedermaier T, Hoffmeister M, Brenner H: Earlier screening colonoscopy in men: additional screening is needed at older ages. Dtsch Arztebl Int 2021; 118. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0266 (online first)

Dieser Beitrag erschien am 9. 9. 2021 online (online first) auf www.aerzteblatt.de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Heisser T, Hoffmeister M, Brenner H: Effects of screening for colorectal cancer: development, documentation and validation of a multistate Markov model. Int J Cancer 2021; 148: 1973–81 CrossRef MEDLINE
2.
Cardoso R, Zhu A, Guo F, Heisser T, Hoffmeister M, Brenner H: Incidence and mortality of proximal and distal colorectal cancer in Germany— trends in the era of screening colonoscopy. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 281–7 VOLLTEXT
3.
Guo F, Chen C, Holleczek B, Schöttker B, Hoffmeister M, Brenner H: Strong reduction of colorectal cancer incidence and mortality after screening colonoscopy: prospective cohort study from Germany. Am J Gastroenterol 2021; 116: 967–75 CrossRef MEDLINE
4.
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom. 2019. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-007OL.html (last accessed on 17 June 2021).
5.
Fischbach W, Al-Taie O: [How do doctors manage their own colorectal cancer screening and what do they recommend their patients?—Results of a survey under general physicians and internists]. Dtsch Med Wochenschr 2018; 143: e172–6.
Erwartete Veränderung der Anzahl von Darmkrebsneuerkrankungen, Darmkrebssterbefällen sowie damit assoziierter potenziell verlorener Lebensjahre
Grafik 1
Erwartete Veränderung der Anzahl von Darmkrebsneuerkrankungen, Darmkrebssterbefällen sowie damit assoziierter potenziell verlorener Lebensjahre
Zahl der erforderlichen Koloskopien zur Detektion eines einzelnen Darmkrebsfalls bei Männern für jede Vorsorgerunde unter dem aktuellen Angebot (jährlicher FIT gefolgt von Koloskopie) im Vergleich zu einem alternativ möglichen Angebot (Koloskopie gefolgt von zweijährlichem FIT)
Grafik 2
Zahl der erforderlichen Koloskopien zur Detektion eines einzelnen Darmkrebsfalls bei Männern für jede Vorsorgerunde unter dem aktuellen Angebot (jährlicher FIT gefolgt von Koloskopie) im Vergleich zu einem alternativ möglichen Angebot (Koloskopie gefolgt von zweijährlichem FIT)
1.Heisser T, Hoffmeister M, Brenner H: Effects of screening for colorectal cancer: development, documentation and validation of a multistate Markov model. Int J Cancer 2021; 148: 1973–81 CrossRef MEDLINE
2.Cardoso R, Zhu A, Guo F, Heisser T, Hoffmeister M, Brenner H: Incidence and mortality of proximal and distal colorectal cancer in Germany— trends in the era of screening colonoscopy. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 281–7 VOLLTEXT
3.Guo F, Chen C, Holleczek B, Schöttker B, Hoffmeister M, Brenner H: Strong reduction of colorectal cancer incidence and mortality after screening colonoscopy: prospective cohort study from Germany. Am J Gastroenterol 2021; 116: 967–75 CrossRef MEDLINE
4.Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): S3-Leitlinie Kolorektales Karzinom. 2019. www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/021-007OL.html (last accessed on 17 June 2021).
5.Fischbach W, Al-Taie O: [How do doctors manage their own colorectal cancer screening and what do they recommend their patients?—Results of a survey under general physicians and internists]. Dtsch Med Wochenschr 2018; 143: e172–6.

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