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Die COVID-19-Pandemie hat Auswirkungen auf Früherkennung, Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen. Im ersten Lockdown wurden in Bayern Krankenhausaufnahmen, Operationen und andere Prozeduren verschoben (20. März bis 15. Mai 2020). Nationale und internationale Veröffentlichungen zeigten:

  • einen Rückgang der Krebsinzidenz sowie der Überweisungen bei Krebsverdachtsfallen (1, 2)
  • Verzögerungen bei elektiven Operationen (3)
  • Rückgänge bei systemischen Therapien (4) und Bestrahlungen (5).

Unser Ziel war es, die Auswirkungen der ersten COVID-19-Welle auf Krebsneuerkrankungen und Krebstherapien zu beschreiben – mit Schwerpunkt auf Operationen bei Krebserkrankungen in einem frühen Tumorstadium (Stadium I).

Methoden

Analysiert wurden Daten des bevölkerungsbezogenen Bayerischen Krebsregisters (bis 26. März 2021). Wir berücksichtigten alle Krebsneuerkrankungen und Krebsbehandlungen von Meldern mit zeitnaher Registrierung. Dieses Einschlusskriterium erfüllten 29 von 42 zertifizierten onkologischen Zentren beziehungsweise Organkrebszentren, 36 von 210 Krankenhausabteilungen sowie 231 von 621 ambulanten Einrichtungen in fünf der sieben bayerischen Regierungsbezirke. Der Vergleich dieser Stichprobe mit Daten aller Melder für 2019 zeigte keine Unterschiede hinsichtlich der Stadienverteilung, mit Ausnahme eines geringeren Anteils von Fällen mit unbekanntem Stadium X (13 % versus 34 %).

Hauptzielgrößen waren die Zahl der Krebsneuerkrankungen (ICD-10 C00–C69 ohne C44, C73/C74) nach Tumorstadium (I, II, III, IV, X), der Krebsbehandlungen nach Therapietyp (Operation, Bestrahlung, systemische Therapie) sowie der Operationen für Krebserkrankungen im Stadium I nach Lokalisation (Brust, Prostata, Darm, Lunge, Haut/Melanom).

Wir berechneten die Anzahl von Krebsneuerkrankungen und Krebsbehandlungen, stratifiziert nach Monat für 2019 und 2020 mit 95-%-Konfidenzintervallen (KI) auf Basis eines Poisson-Ansatzes. Wir schätzten die relativen Veränderungen auf Basis einer t-Verteilung und unter Verwendung der Funktion „Estimated Annual Percentage Chance“ (EPAC) in dem Statistikprogramm R. Für die Hauptzielgrößen verwendeten wir einen exakten Binomialtest (zweiseitig) mit einem α-Fehler von 0,05, um zu testen, ob die Unterschiede statistisch signifikant sind. Das Problem multiplen Testens wurde durch eine Bonferroni-Korrektur (α-Fehler von 0,003 bei 16 Signifikanztests) und durch Berechnung entsprechend korrigierter KI berücksichtigt. Alle statistischen Analysen wurden in R, Version 4.0.2, durchgeführt.

Ergebnisse

Zwischen Januar und September sank die Zahl von Krebsneuerkrankungen von 7 361 im Jahr 2019 auf 7 123 im Jahr 2020 (−3,2 %; 95-%-KI: [−7,9 %; 1,6 %]; p = 0,024), was nach Korrektur für multiples Testen statistisch nicht signifikant war (Tabelle). Stratifiziert nach Stadium zeigte sich ein statistisch signifikanter Rückgang bei Krebsneuerkrankungen im Stadium I (−10,5 % [−18,2 %; −2,0 %]; p < 0,001), aber nicht für die Stadien II–IV beziehungsweise unbekanntes Stadium X. Stratifiziert nach Lokalisation waren die größten Rückgänge für Krebserkrankungen im Stadium I bei Darm und Prostata zu beobachten.

Krebsneuerkrankungen für alle Tumorstadien und Operationen für Tumorstadium I nach Lokalisation im Zeitraum Januar–September 2020 im Vergleich zu 2019
Tabelle
Krebsneuerkrankungen für alle Tumorstadien und Operationen für Tumorstadium I nach Lokalisation im Zeitraum Januar–September 2020 im Vergleich zu 2019

Die Grafik zeigt die monatliche Anzahl von Krebsneuerkrankungen für alle Lokalisationen in 2020 verglichen mit 2019. Demnach sanken die Krebsneuerkrankungen um −10,7 % [−19,0 %; −1,6 %], −18,5 % [−26,7 %; −9,4 %] und −16,5 % [−24,5 %; −7,8 %] für März, April und Mai 2020 im Vergleich zu 2019. Im Juni 2020 erhöhte sich die Zahl der Krebsneuerkrankungen um 22,7 % [10,7 %; 35,9 %] verglichen mit 2019 (Grafik).

Zahl der Krebs - neuerkrankungen für alle Tumor - stadien, Zahl der Operationen bei Tumor - stadium I für alle Lokalisationen
Grafik
Zahl der Krebs - neuerkrankungen für alle Tumor - stadien, Zahl der Operationen bei Tumor - stadium I für alle Lokalisationen

Die Zahl der Krebsbehandlungen reduzierte sich zwischen Januar und September 2020 verglichen mit 2019 statistisch signifikant für alle Therapietypen zusammen (−4,0 % [−6,9 %; −1,1 %]; p < 0,001) sowie für Bestrahlungen (−6,1 % [−11,1 %; −0,8 %]; p < 0,001). Die Veränderungen für systemische Therapien waren nach Korrektur für multiples Testen nicht mehr signifikant (−4,0 % [−8,8 %; 1,0 %]; p = 0,009). Während sich Operationen insgesamt nicht signifikant reduzierten (−2,3 % [−7,1 %; 2,6 %]; p = 0,080), gingen die Operationen bei Krebserkrankungen im Stadium I statistisch signifikant zurück (Grafik). Signifikante Rückgänge zeigten sich für alle Lokalisation (−8,4 % [−16,0 %; −0,2 %]; p = 0,001), Darm (−26,4 % [−44,2 %; −2,9 %]; p < 0,001) und Melanome (−28,5 % [−43,8 %; −9,1 %]; p < 0,001), aber nicht für Brust, Prostata und Lunge (Tabelle).

Diskussion

Die Untersuchung zeigt für Bayern in der Zeit von Januar bis September 2020 gegenüber 2019 einen Rückgang von Krebsneuerkrankungen und Krebsbehandlungen, wenngleich der Rückgang bei den Neuerkrankungen nicht signifikant war. Die Krebsneuerkrankungen nahmen vor allem im April ab, während sich die höchsten Rückgänge bei den Therapien mit einer zeitlichen Verzögerung von 1 Monat im Mai zeigten. Die Rückgänge waren am höchsten für Krebserkrankungen im Stadium I, insbesondere hinsichtlich Operationen bei Darmkrebs und Melanomen. In nationalen und internationalen Untersuchungen zeigten sich ähnliche Rückgänge bei Krebsneuerkrankungen (1, 2). Hinsichtlich Krebsbehandlungen identifizierten wir einen Rückgang bei Bestrahlungen, wie auch in anderen Untersuchungen beschrieben (5), aber nicht bei systemischen Therapien (4). Die großen Rückgänge in einzelnen Monaten geben Anlass zur Sorge, da auch kleinere Verzögerungen bei der Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen zu schlechteren Outcomes führen könnten.

Eine Limitation unserer Untersuchung war, dass wir einen Selektionsbias nicht ausschließen können, da sich Melder mit zeitnaher Registrierung von der Gesamtpopulation der Melder unterscheiden können. Dies kann zur Unterschätzung – oder Überschätzung – der Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Krebsneuerkrankungen und Krebsbehandlungen führen. Aktive Gegenmaßnahmen wie öffentliche Aufklärungskampagnen sind für eine Wiederherstellung der Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen und Behandlungen erforderlich, vor allem bei den Entitäten Darm und Melanom.

Sven Voigtländer, Amir Hakimhashemi, Elisabeth C. Inwald, Olaf Ortmann, Michael Gerken, Stefanie J. Klug, Monika Klinkhammer-Schalke, Martin Meyer, Jacqueline Müller-Nordhorn

Bayerisches Krebsregister, Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Nürnberg (Voigtländer, Hakimhashemi, Gerken, Klinkhammer-Schalke, Meyer, Müller-Nordhorn); sven.voigtlaender@lgl.bayern.de

Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universität Regensburg (Inwald, Ortmann)

Institut für Qualitätssicherung und Versorgungsforschung, Universität Regensburg (Gerken, Klinkhammer-Schalke)

Lehrstuhl für Epidemiologie, Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften, Technische Universität München (Klug)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 7. 2021, revidierte Fassung angenommen: 2. 9. 2021

Zitierweise
Voigtländer S, Hakimhashemi A, Inwald EC, Ortmann O, Gerken M, Klug SJ, Klinkhammer-Schalke M, Meyer M, Müller-Nordhorn J: The impact of the COVID-19 pandemic on cancer incidence and treatment by cancer stage in Bavaria, Germany. Dtsch Arztebl Int 2021; 118. DOI: 10.3238/arztebl.m2021.0329 (online first)

Dieser Beitrag erschien online am 15. 9. 2021 (online first) auf www.aerzteblatt.de

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter: www.aerzteblatt-international.de

1.
Kaufman HW, Chen Z, Niles J, Fesko Y: Changes in the number of US patients with newly identified cancer before and during the coronavirus disease 2019 (COVID-19) pandemic. JAMA Netw Open 2020; 3: e2017267 CrossRef MEDLINE PubMed Central
2.
Piontek D, Klagges S, Schubotz B, Werner C, Wulff J: Documented new cases of cancer in the clinical cancer registries of the German state of Saxony during the COVID-19 pandemic. Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 328–9 VOLLTEXT
3.
Bakouny Z, Hawley JE, Choueiri TK, et al.: COVID-19 and cancer: current challenges and perspectives. Cancer Cell 2020; 38: 629–46 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Clark JJ, Dwyer D, Pinwill N, Clark P, Johnson P, Hackshaw A: The effect of clinical decision making for initiation of systemic anticancer treatments in response to the COVID-19 pandemic in England: a retrospective analysis. Lancet Oncol 2021; 22: 66–73 CrossRef
5.
Spencer K, Jones CM, Girdler R, et al.: The impact of the COVID-19 pandemic on radiotherapy services in England, UK: a population-based study. Lancet Oncol 2021; 22: 309–20 CrossRef
Zahl der Krebs - neuerkrankungen für alle Tumor - stadien, Zahl der Operationen bei Tumor - stadium I für alle Lokalisationen
Grafik
Zahl der Krebs - neuerkrankungen für alle Tumor - stadien, Zahl der Operationen bei Tumor - stadium I für alle Lokalisationen
Krebsneuerkrankungen für alle Tumorstadien und Operationen für Tumorstadium I nach Lokalisation im Zeitraum Januar–September 2020 im Vergleich zu 2019
Tabelle
Krebsneuerkrankungen für alle Tumorstadien und Operationen für Tumorstadium I nach Lokalisation im Zeitraum Januar–September 2020 im Vergleich zu 2019
1.Kaufman HW, Chen Z, Niles J, Fesko Y: Changes in the number of US patients with newly identified cancer before and during the coronavirus disease 2019 (COVID-19) pandemic. JAMA Netw Open 2020; 3: e2017267 CrossRef MEDLINE PubMed Central
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