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Medizin

Schonendes Staging: Sentinel-Node beim frühen Zervixkarzinom der kompletten pelvinen Lymphadenektomie nicht unterlegen

Freitag, 5. Juni 2020

Mehr als 200 HPV-Typen sind bekannt. Davon können nur wenige (12) einen Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) verursachen. HPV 16 und 18 werden dabei in Tumorgewebe am häufigsten nachgewiesen. /Kateryna_Kon - stock.adobe.com

Alexandria - Die systematische Lymphadenektomie im Beckenbereich gefolgt von einer Hysterektomie ist ein übliches Vorgehen beim frühen Zervixkarzinom. Ein Teil des Stagings erfolgt also operativ. Findet sich unter den pelvinen Lymphknoten ein oder mehrere befallene, kann die Operation abgebrochen werden zugunsten einer primären kombinierten Radiochemotherapie.

Daten aus zwei prospektiven multizentrischen Studien weisen nun daraufhin: Die bilaterale Sentinel-Node-Biopsie könnte eine sichere Alternative zur systematischen pelvinen Lymphadenektomie sein, um die Aggressivität des Tumors einzuschätzen und das therapeutische Vorgehen entsprechend anzupassen. Krankheitsfreies und krankheits­pezifisches Überleben werden durch das weniger invasive Vorgehen nicht verkürzt, Vorteil aber wäre eine geringere Morbidität als bei kompletter Entfernung der pelvinen Lymphknoten.

Die Ergebnisse zu dieser praxisrelevanten und schon seit längerem diskutierten Frage sind beim virtuellen Meeting der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellt worden (J Clin Oncol 38: 2020 suppl; abstr 6006; DOI:10.1200/JCO.2020.38.15_suppl.6006). Die Daten stammen aus den beiden multizentrischen Studien SENTICOL I und II.

Lymphknotenstatus und Tumorstadium sind die wichtigsten prognostischen Parameter beim Zervixkarzinom. Mit zunehmendem Tumorstadium steigt das Risiko für Lymphknoten­metastasen. Die Empfehlungen für die systematische pelvine Lymphadenektomie bei den frühen Ovarialkarzinomen beruhen auf der Annahme, dass der frühe mikroskopische Befall Rückschlüsse auf die Aggressivität des Karzinoms zulässt.

Die Frage, ob die bilaterale Sentinel-Node-Biopsie (Ultrastaging) als Entscheidungs­grundlage für das therapeutische Vorgehen so zuverlässig ist wie die Beurteilung des Lymphnotenbefalls nach kompletter pelviner Lymphadenektomie, wird kontrovers diskutiert. Die Sentinel-Node-Biopsie alleine wird außerhalb prospektiver klinischer Studien derzeit nicht empfohlen. Auch in der deutschen S3-Leitlinie Zervixkarzinom heißt es dazu, die alleinige Sentinellymphadenektomie sei kein Standardverfahren, sondern nur unter bestimmten Voraussetzungen aussagekräftig.

Aus den Studien SENTICOL I und II sind beim ASCO-Meeting die Daten von insgesamt 259 Patientinnen mit einem medianen Alter von 43,5 Jahren an 30 Zentren in Frankreich präsentiert worden. Die Teilnehmerinnen hatten zwischen 2005 und 2012 die Diagnose eines frühen Zervixkarzinoms (FIGO IA bis IIA-B) erhalten. Es mussten vollständige Befunde aus den bilateralen Wächterlymphknoten (BSLN) oder den bilateralen pelvinen Lymph­knoten (BPL) vorliegen auf Basis der kombinierten Anfärbung mit Patentblau und einem radiokaktiven Tracer. Es durften nur Patientinnen teilnehmen, bei denen alle Befunde an den Lymphknoten negativ waren.

Bei 87 von ihnen war ausschließlich eine bilaterale Sentinel-Node-Biopsie erfolgt und bei 172 eine bilaterale pelvine Lymphadenektomie. Es gab keine relevanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen in den histologischen Merkmalen, dem FIGO-Stadium und der Art des operativen Zugangs. Bei circa drei von vier Patientinnen war eine radikale Hysterek­tomie erfolgt. Das mediane Follow-up betrug circa 48 Monate (4-127 Monate).

Das krankheitsfreie und das krankheitsspezifische Überleben unterschieden sich nicht signifikant zwischen beiden Gruppen. Das progressionsfreie Überleben lag nach median 53 Monaten in der BSLN-Gruppe bei 85,1 % und nach median 46 Monaten in der BPL-Gruppe bei 80,4 %. Dies war kein statistisch signifikanter Unterschied (p = 0,24). Das krankheits­spezifische Überleben betrug in den entsprechenden Beobachtungszeiträumen 90,8 % (BSLN) und 97,2 % (BPL), auch dies kein signifikanter Unterschied (p = 0,22). Und auch nach Adjustierung für das endgültige FIGO-Stadium und den Status des Resektionsrands gab es keine signifikanten Differenzen zwischen den beiden Gruppen. Der einzige unabhängige Prädiktor für das krankheitsfreie Überleben war das finale FIGO-Stadium.

Bis zu einem Stadium IIB des Zervixkarzinoms ist eine Einschätzung des Lymphknotenstatus auf Basis der bilateralen SLN-Biopsie langfristig der systematischen pelvinen Lymphadenek­tomie onkologisch offenbar nicht unterlegen, schlussfolgern die Autoren aus diesen Daten. Es sei aber sinnvoll, die Äquivalenz beim Überleben durch weitere methodisch hochwertige Studien zu bestätigen. Könnte auf die komplette pelvine Lymphadenektomie verzichtet werden, wenn die SLN auf beiden Seiten ohne Befund sind, würde dies den Patientinnen mögliche Beschwerden und Komplikationen ersparen.

Kongress-Highlights

Alle Berichte vom ASCO auf www.aerzteblatt.de/asco2020

Das Zervixkarzinom ist mit weltweit jährlich circa 529 000 Neuerkrankungen pro Jahr die dritthäufigste Tumorerkrankung bei Frauen und vor allem in den Entwicklungsländern auch ein großes gesundheitsökonomisches Problem. In Westeuropa gehört Deutschland zu den Ländern mit den höchsten Inzidenzraten (Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 2014; 57: 294–301). © nsi/aerzteblatt.de

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