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Ärzteschaft

Massive Zunahme des onkologischen Versorgungsbedarfs

Mittwoch, 22. Mai 2019

/bigy9950, stockadobecom

Berlin – Ein von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onko­logie in Auftrag gegebenes Gutachten zeigt, dass die Anforderungen an die Krebsver­sorgung in Deutschland bis 2025 deutlich steigen werden. Als Folge von demografi­schem Wandel und medizinischem Fortschritt wird nicht nur die Zahl der neu diag­nos­tizierten Krebserkrankungen zunehmen – um rund zehn Prozent -, sondern auch die Prävalenz der Krebskranken sowie derjenigen, die mit Krebs und multiplen chroni­schen Begleiterkrankungen leben.

Die zweite wissenschaftliche Analyse zur zukünftigen Krebsversorgung (die erste er­schien 2013) wurde vom Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald erstellt. Aus den aktualisierten Zahlen ergeben sich wichtige Schlussfolge­rungen für die deutsche Gesundheitspolitik. Institutsdirektor und Studienleiter Wolf­gang Hoffmann betonte bei der Präsentation der Ergebnisse anlässlich des Haupt­stadt­kongresses in Berlin: „Es geht darum, Planungsdaten zu haben und nicht erst zu planen, wenn ein Problem bereits da ist, so wie sonst im Gesundheitssystem.“

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Die Studie der DGHO beinhalten Daten aus Bevölkerungsregistern (von 2014) und Daten epidemiologischer Krebsregister. Sie kommt zu der Prognose, dass die Gesamt­­bevölkerung in Deutschland bis 2025 um etwa 1,3 Millionen Menschen an­wachsen wird. Dies geschehe aber nicht gleichmäßig über die Altersstufen verteilt, sagte Hoffmann.

Vielmehr werde erwartet, dass die Zahl der Männer beziehungsweise Frauen, die 60 Jahre und älter sind, um 21 beziehungsweise 15 Prozent steige. Bei den Männern beziehungsweise Frauen, die 80 Jahre und älter sind, beträgt der Zuwachs voraussichtlich sogar 51 beziehungsweise 26 Prozent. In absoluten Zahlen ist das ein Zuwachs von 1,6 Millionen in 2025 gegenüber 2014. Parallel dazu kommt es bei den Zehn- bis 59-Jährigen beiderlei Geschlechts zu einer leichten Abnahme der Bevölkerungs­zahl im einstelligen Prozentbereich.

Zunahme um zehn Prozent

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen werde deshalb – der steil bergauf gehenden Krebsinzidenz im höheren Alter geschuldet – auch viel stärker ansteigen, als es eine Zunahme der Gesamtbevölkerung um 1,6 Prozent erwarten lasse, so Hoffmann.

Mit einer Zunahme um zehn Prozent sagt die Analyse bis 2025 eine Zahl von 520.000 Krebsneuerkrankungen pro Jahr voraus. Und den stärksten Zuwachs an Patienten­zahlen zeigen Krebsentitäten, die im Alter häufig sind: Bei Männern der Prostatakrebs, bei Frauen der Brustkrebs.

Die prognostizierte Zunahme der Krebsneuerkrankungen unterscheidet sich zwar abhängig von der Bevölkerungsdichte und dem Anteil an älteren Einwohnern von Landkreis zu Landkreis, dennoch sind die Schwankungen über Deutschland hinweg relativ gering. „Es gibt keine Nester, in denen es besonders gesund oder ungesund ist“, sagte Hoffmann.

Auch zur Krebsprävalenz (jeder Patient, bei dem über einen Zeitraum von zehn Jahren einmal Krebs diagnostiziert wurde) gibt die Studie eine Prognose ab: Demnach nimmt sie ebenso wie die Inzidenz bis 2025 deutlich zu und zwar um acht Prozent auf 2,84 Millionen Patienten.

Anders als im Bericht von 2013 beschäftigte sich die aktuelle Analyse auch mit dem Thema Komorbiditäten. „Begleiterkrankungen beeinflussen die Behandlungsnot­wen­dig­keiten und die Art der Therapien, die angewendet werden können“, erklärte Hoff­mann.

Die Prognosen beruhen ausschließlich auf demografischen Daten. Angesichts dessen, dass sich die Krebstherapie in den kommenden Jahren weiterentwickeln wird, könnte es sein, dass „wir die Prävalenz unter- und die Inzidenz überschätzen“, so Hoffmann, „doch die Komorbiditäten unterschätzen wir auf jeden Fall.“

Das Gutachten analysierte die Zahlen von Krebspatientinnen, die zusätzlich an Diabe­tes mellitus, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD), koronarer Herzkrank­heit, Adipositas, Niereninsuffizienz oder an Demenz leiden.

Da es sich sowohl bei Krebs als auch bei den meisten Komorbiditäten um stark alters­assoziierte Erkrankungen handelt, wird die Zahl an Patienten, die neben Krebs noch an mindestens einer anderen Erkrankung leiden, zunehmen. Laut Gutachten werden 2025 zum Beispiel circa 126.000 Menschen in Deutschland gleichzeitig an Demenz und Krebs leiden. Die Zahl an Patienten mit Krebs und Diabetes mellitus wird bei Männern um 14 Prozent und bei Frauen um neun Prozent zunehmen.

Spezialisten bleiben rar

Die Ergebnisse der Studie zeigen auch auf, dass Spezialisten für die Versorgung von Krebserkrankten sind weiterhin dünn gesät sind. Zwar ist die Anzahl von Ärztinnen und Ärzten mit der Qualifikation Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie und Onkologie zwischen 2014 und 2018 von 2.213 auf 2.650 gestiegen, und auch die Zusatzweiterbildungen Medikamentöse Tumortherapie sind um etwa 800 angestiegen. Gleichzeitig steht die deutsche Ärzteschaft aber vor einer starken Ruhestandswelle, deren Auswirkungen auf die Zahl der Ärzte, die Krebs­erkrankte versorgen, und damit auf die Krebsversorgung insgesamt, sich bisher noch schwer abschätzen lassen.

„Wir müssen in Deutschland Versorgungsstrukturen schaffen, die es erlauben, die Kompetenz der spezialisierten Zentren in der Fläche verfügbar zu machen, wenn wir nicht riskieren wollen, dass ganze Landstriche oder alte Menschen bei der Krebs­versorgung abgehängt werden", betonte Maike de Wit von der Arbeitsgemeinschaft der Hämatologen und Onkologen im Krankenhaus. Dies erscheint insbesondere deswegen erforderlich, weil die DGHO-Studie zeigt, dass überproportional viele ältere Menschen – und damit auch Krebspatienten – in den ländlichen Regionen leben werden.

Sinnvoll seien vor diesem Hintergrund unter anderem mehr Möglichkeiten für die Delegation ärztlicher Leistungen sowie mehr Anstrengungen in Richtung einer Implementierung von MVZs auch an kommunalen Krankenhäusern. © nec/aerzteblatt.de

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