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Medizin

Darmkrebs: ASS wirkt bei Lynch-Syndrom verzögert präventiv

Freitag, 12. Juni 2020

/picture alliance

Newcastle upon Tyne/England − Eine relativ hoch-dosierte Behandlung mit Acetyl­salicylsäure (ASS) über 2 Jahre hat in einer randomisierten Studie bei Patienten mit Lynch-Syndrom die Häufigkeit von kolorektalen Karzinomen gesenkt. Der Vorteil wurde erstmals nach 5 Jahren erkennbar und könnte laut einer aktuellen Publikation im Lancet (2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30366-4) bis zu 20 Jahre anhalten.

Seit 3 Jahrzehnten wird diskutiert, ob die regelmäßige Einnahme von ASS vor einer Darmkrebserkrankung schützen kann. In einer Reihe von Adenom-Präventionsstudien wurde eine leichte Reduktion der Polypenbildung erzielt, die eine Darmkrebsvorstufe sind.

Meta-Analysen von klinischen Studien haben gezeigt, dass eine Senkung der Darmkrebs­häufigkeit ein Nebeneffekt von ASS bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein könnte. Die meisten Fachgesellschaften konnten sich jedoch nicht zu einer Empfehlung durchringen, da die Einnahme von ASS auch zu einem Anstieg von eventuell tödlichen Darmblu­tungen führen kann.

Besonders wichtig und nützlich wäre eine effektive Chemoprävention bei Patienten mit erblichen Darmkrebserkrankungen, da es hier sehr häufig zu Tumoren kommt, die oft zu spät entdeckt werden. Die „Concerted Action Polyposis Prevention“ (CAPP, inzwischen in „Cancer Prevention Programm“ umbenannt) hat ab 1993 in der ersten CAPP-Studie untersucht, ob die Einnahme von ASS jüngere Menschen mit familiärer adenomatöser Polyposis (FAP) vor Darmkrebs schützt. Die Ergebnisse waren durchwachsen.

ASS senkte die Zahl der Adenome. Der Vorteil war jedoch statistisch nicht signifikant (Cancer Prevention Research 2011; 4: 655-65). Für eine Empfehlung durch die Fachgesellschaften hat es nicht gereicht.

Ab dem Jahr 1999 wurde in der zweiten CAPP-Studie untersucht, ob ASS Patienten mit hereditärem, non-polypösem Kolonkarzinom (HNPCC) oder Lynch-Syndrom vor Darmkrebs schützen kann. An weltweit 43 Zentren wurden 871 Patienten für 2 Jahre auf die tägliche Einnahme von 600 mg ASS oder Placebo randomisiert. Auch hier waren die ersten Ergebnisse nicht eindeutig (NEJM 2008; 359: 2567-78).

Nach einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von 29 Monaten war es in der ASS-Gruppe nicht seltener zu Darmkrebserkrankungen gekommen (relatives Risiko 1,0; 95-%-Konfidenzintervall 0,7 bis 1,4).

Bei einer weiteren Analyse (Lancet 2011; 378: 2081-2087) nach durchschnittlich 55,7 Monaten zeichnete sich eine protektive Wirkung ab. Die Patienten im ASS-Arm waren jetzt seltener an Darmkrebs erkrankt. Doch der Vorteil war nur in der (unsicheren) „Per Protocol“-Analyse signifikant (Hazard Ratio von 0,41; 0,19 bis 0,86).

In der weniger fehleranfälligen „Intention to treat“-Analyse wurde das Signifikanz-Niveau verfehlt (Hazard Ratio 0,63; 0,35 bis 1,13). Die deutschen Fachgesellschaften raten deshalb vorerst von einer Chemoprävention mit ASS ab, während das britische Institute for Health and Care Excellence (NICE) sie bereits empfiehlt.

Jetzt stellt das Team um John Burn von der Universität Newcastle upon Tyne eine weitere Analyse der CAPP2-Studie vor. Inzwischen sind im Durchschnitt 10 Jahre seit dem Ende der Behandlung vergangen. Nach etwa 8.500 Beobachtungsjahren sind in der ASS-Gruppe 40 von 427 Teilnehmern (9 %) an Darmkrebs erkrankt, verglichen mit 58 von 434 Teilnehmern (13 %) in der Placebo-Gruppe.

Burn ermittelt in der „Intention to Treat“-Analyse (sie umfasst alle Personen, denen zur Einnahme geraten wurde) eine Hazard Ratio von 0,65, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,43 bis 0,97 signifikant war. In der „Pro Protokoll“-Analyse (sie berücksichtigt nur die Patienten, die die Tabletten über die 2 Jahre tatsächlich eingenommen hatten) betrug die Hazard Ratio 0,56 (0,34 bis 0,91).

Die neuen Ergebnisse sprechen nach Ansicht des Editorialisten Andrew Chan von der Harvard Medical School in Boston für eine Empfehlung, zumal es trotz der hohen ASS-Dosis nicht zu einem Anstieg der Blutungen gekommen war. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass die Teilnehmer zu Beginn der Studie mit 45 Jahren noch relativ jung waren, vermutet Chan.

Bei älteren Patienten müsse vermutlich mit mehr Blutungen gerechnet werden. In der ASPREE-Studie (zur Herz-Kreislauf-Prävention) kam es bereits bei einer Tagesdosis von 100 mg über 4,7 Jahre zu einem Anstieg des Blutungsrisikos bei den median 74 Jahre alten Patienten.

Der hoch-dosierte Einsatz von ASS würde in dieser Altersgruppe vermutlich mehr Schaden anrichten als nutzen. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass die präventive Behandlung lebenslang durchgeführt werden muss. In der CAPP2-Studie wurden die Patienten nur über 2 Jahre behandelt. Der erste Nutzen zeichnete sich nach 5 Jahren ab und er könnte nach den Ergebnissen bis zu 20 Jahre anhalten.

In der laufenden CAPP3-Studie wird derzeit untersucht, ob eine Behandlung mit ASS in einer Tagesdosis von 100 mg über zwei Jahre gleich gute Ergebnisse erzielt. An der Studie sollen insgesamt 1.800 Patienten teilnehmen. Ergebnisse werden erst für 2027 erwartet. © rme/aerzteblatt.de

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