MedizinPneumologieWissenschaft PneumologiePneumologische Frührehabilitation bei COVID-19-Erkrankung
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Bei Patientinnen und Patienten mit anhaltenden oder neu aufgetretenen Beschwerden nach akuter COVID-19-Erkrankung werden verschiedene rehabilitative Therapieoptionen empfohlen, wie zum Beispiel eine Anschluss-Heilbehandlung oder ein rehabilitatives Heilverfahren in spezialisierten Rehabilitationseinrichtungen (1). Bei schwerem, meist intensivpflichtigem Krankheitsverlauf und infolgedessen höherem Maß an Hilfsnotwendigkeit für Alltagsverrichtungen sollte die rehabilitative Behandlung bereits in der Akutklinik beginnen (2).

Als Frührehabilitation bezeichnet man die Kombination einer akutmedizinischen und möglichst früh einsetzenden rehabilitationsmedizinischen Behandlung. Als gesetzlich geforderter integraler Bestandteil der Krankenhausbehandlung zielt sie darauf ab, Komplikationen zu vermeiden und bleibende Beeinträchtigungen, Behinderungen und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.

Wir berichten erstmals über die Durchführung einer pneumologischen Frührehabilitation in Deutschland an einem Lungenzentrum bei Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung. Zentral geht es dabei um die Fragestellung, wie sich allgemein-funktionelle und lungenfunktionelle Befunde im Verlauf der Frührehabilitation veränderten.

Methode

Die retrospektive Analyse erfolgte von Oktober 2020 bis August 2021 (Ethikkommission der TU Dresden: BO-EK-242042021). Eingeschlossen wurden alle Patienten mit einer COVID-19-Erkrankung, die konsekutiv im Lungenzentrum Fachkrankenhaus Coswig im Rahmen einer pneumologischen Frührehabilitation behandelt wurden. Die Patienten wurden dafür entweder im Rahmen der Akutversorgung im Fachkrankenhaus Coswig rekrutiert oder aus dem Universitätsklinikum Dresden sowie anderen ostsächsischen Kliniken übernommen.

Im Rahmen der Frührehabilitation erfolgte neben der fachärztlich pneumologischen Betreuung eine aktivierend-therapeutische Pflege durch besonders geschultes Pflegepersonal sowie zusätzlich tägliche multidisziplinäre Therapiemaßnahmen (90–120 Minuten Dauer) durch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und klinische Psychologen.

Erhoben wurden neben allgemeinen Patientencharakteristika und Komorbiditäten die Intensität der maximalen respiratorischen Unterstützung sowie die Dauer einer invasiven Beatmung und der Frührehabilitationsphase.

Zu Beginn und am Ende der Frührehabilitation wurden Lungenfunktionsparameter (forcierte Vitalkapazität [FVC], Diffusionkapazität für Kohlenmonoxid [DLCO]), ein körperlicher Belastungstest (6-Minuten-Gehtest [6MWD]), der Sauerstoffbedarf in Ruhe und bei Belastung erfasst sowie diagnostische Assessment-Tests zur systematischen Erfassung des Gesundheitszustands der Patienten durchgeführt. Für die Bewertung grundlegender Alltagsfunktionen wurde der Barthel-Index verwendet, zur Beschreibung der funktionellen Einschränkungen der allgemeine FIM-Test (Functional Independence Measure) und der spezifische motorische FIM-Test, zur Beurteilung der Mobilität einerseits der CHARMI (Charité-Mobilitäts-Index), andererseits der Tinetti-Test, letzterer insbesondere auch zur Bewertung des Sturzrisikos.

Die statistische Auswertung erfolgte mit IBM SPSS Statistics Version 28. Ein Vergleich der untersuchten Parameter zwischen Beginn und Ende der Frührehabilitation erfolgte mit Wilcoxon-Rangsummentest, wobei jeweils nur Patienten mit vorliegenden Untersuchungsergebnissen zu beiden Zeitpunkten einbezogen wurden (fehlende Werte siehe Tabelle).

Veränderungen von funktionellen Parametern und Assessment-Tests im Verlauf der pneumologischen Frührehabilitation
Tabelle
Veränderungen von funktionellen Parametern und Assessment-Tests im Verlauf der pneumologischen Frührehabilitation

Ergebnisse

Es wurden 114 Patienten eingeschlossen (69 Männer und 45 Frauen), das Alter lag im Median bei 69 Jahren (Spanne 46–92 Jahre) und der mediane Body Mass Index betrug 28 kg/m2 (17–45 kg/m2). 59 Patienten wurden mit akuter COVID-19-Erkrankung primär im Fachkrankenhaus Coswig behandelt, 55 Patienten wurden aus externen Kliniken übernommen. Die mediane Dauer der Frührehabilitation betrug 14 Tage (7–43 Tage).

Die häufigste Komorbidität war ein Diabetes mellitus (45 %), gefolgt von koronarer Herzerkrankung (20 %), Asthma bronchiale (18 %), interstitieller Lungenerkrankung (13 %) und COPD (6 %). Bei 40 % aller Patienten wurde eine Critical-illness-Polyneuropathie/-Myopathie (CPI/CIM) diagnostiziert.

Von 114 Patienten waren 64 (56 %) zuvor invasiv beatmet worden (Beatmungsdauer im Median 15 Tage [2–140 Tage]), 40 (35 %) waren nichtinvasiv beatmet worden oder hatten ein High-flow-Sauerstoffsystem (HFOT) erhalten; 10 Patienten (9 %) waren mit konventioneller Sauerstoffgabe versorgt worden. Bei drei der invasiv beatmeten Patienten war zusätzlich eine ECMO-Therapie durchgeführt worden.

Sowohl die funktionellen Parameter als auch die verschiedenen Assessment-Tests zeigen im Verlauf deutliche Verbesserungen (Tabelle). Dies galt auch für die Subgruppe der 64 Patienten nach invasiver Beatmung: Diese zeigten initial im Vergleich zu Patienten ohne Beatmung deutlich reduzierte Werte (zum Beispiel medianer Barthel-Index: 15 versus 30 Punkte; medianer 6MWD: 18 versus 50 Meter), aber ebenfalls eine deutliche Verbesserung aller Parameter mit Ausnahme der DLCO (zum Beispiel medianer Barthel-Index: von 15 auf 65 Punkte; medianer 6MWD: von 18 auf 240 Meter).

In die Häuslichkeit konnten 87 Patienten (76 %) entlassen werden, 18 % wurden direkt in eine Rehabilitationsklinik und 5 % in eine stationäre Pflegeeinrichtung verlegt.

Diskussion

Die vorliegende Arbeit beschreibt den Verlauf einer pneumologischen Frührehabilitation bei Patienten mit schwerer COVID-19-Erkrankung in Deutschland.

Obwohl aktuelle deutsche Empfehlungen zur Rehabilitation bei COVID-19 den Wert einer Frührehabilitation vor allem bei schweren COVID-19-Verläufen betonen, liegen dazu unseres Wissens bislang keine publizierten Daten aus Deutschland vor (2). Auch international wird zur frühen Rehabilitation bei Patienten mit COVID-19 nur aus Italien (n = 32) und den USA (n = 116) berichtet (3, 4). Dabei handelt es sich bei der italienischen Arbeit um eine Querschnittsuntersuchung, die auf einer speziellen Rehabilitationseinheit unmittelbar nach einem Intensivaufenthalt erfolgte. Bei ähnlichen Patientencharakteristika war der initiale Barthel-Index (45,2 ± 27,6) besser als in unserer Kohorte, bei der das Rehabilitationprogramm aber teils schon auf der Intensivstation begann. In der retrospektiven Analyse aus den USA wurde über die Realisierbarkeit einer Physio- beziehungsweise Ergotherapie auf einer COVID-19-Intensivstation berichtet. Bei ebenfalls ähnlichen Patientencharakteristika war der Anteil an zuvor invasiv beatmeten Patienten geringer (40 %) – bei kürzerer Beatmungsdauer (median sechs Tage). Beide Studien berichten nicht über die Veränderung von Funktionsdaten und Assessment-Tests im Verlauf der Frührehabilitation. In einer deutschen Studie zur pneumologischen Frührehabilitation nach Langzeitbeatmung aufgrund verschiedener Ursachen, mit deutlich längerer Rehabilitationsdauer (39 ± 17 Tage), zeigte sich im Verlauf eine ähnliche Verbesserung des Barthel-Indexes (von 30,5 ± 13,8 auf 58,3 ± 16,2) und der Lungenfunktion (Vitalkapazität von 50,9 ± 15,6 % des Sollwerts auf 58,6 ± 19,3 % des Sollwerts) – bei allerdings deutlich geringerer Zunahme beim 6-Minuten-Gehtest (von 12,9 ± 40,1 Meter auf 131,4 ± 85,2 Meter). Dabei war die Kohorte ähnlich alt (67 ± 12 Jahre), aber mit einem deutlich höheren Anteil zuvor invasiv beatmeter Patienten (94,2 %) (5).

Limitierend in unserer Studie ist aufgrund des retrospektiven Designs die fehlende Kontrollgruppe, sodass der eigentliche Effekt der Frührehabilitation nicht bewertet werden kann. Es konnten allerdings mehr Patienten primär in die Häuslichkeit entlassen werden als in der US-amerikanischen Studie (76 % versus 61 %); ähnlich wenige Patienten mussten in eine Pflegeeinrichtung verlegt werden (5 % versus 4 %). Ferner fehlen bei einer relevanten Anzahl von Patienten aufgrund des zu Beginn der Frührehabilitation reduzierten klinischen Zustands Angaben zur initialen Lungenfunktion.

Zusammenfassend beschreiben wir die Verbesserung klinisch-funktioneller Parameter und komplexer Assessment-Instrumente im Verlauf einer pneumologischen Frührehabilitation bei COVID-19. Diese könnte ein wichtiges Bindeglied zwischen akutmedizinischer und konventioneller rehabilitationsmedizinischer Behandlung bei schwerer COVID-19-Erkrankung darstellen.

Ina Schindler, Martin Kolditz, Annett Seidel, Kristin Tausche, Marcus Vogler, Dirk Koschel

Abteilung Innere Medizin und Pneumologie, Fachkrankenhaus Coswig, Lungenzentrum, Coswig (Schindler, Seidel, Vogler, Koschel)
koschel@fachkrankenhaus-coswig.de

Bereich Pneumologie, Medizinische Klinik 1, Universitätsklinik Carl Gustav Carus, Dresden (Kolditz, Tausche, Koschel)

Ostdeutsches Lungenzentrum Coswig-Dresden (Schindler, Kolditz, Seidel, Tausche, Vogler, Koschel)

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 13. 12. 2021, revidierte Fassung angenommen: 31. 1. 2022

Zitierweise
Schindler I, Kolditz M, Seidel A, Tausche C, Vogler M, Koschel D: Early pulmonary rehabilitation in COVID-19 disease. Dtsch Arztebl Int 2022; 119. DOI: 10.3238/arztebl.m2022.0130 (online first).

Dieser Beitrag erschien online am 11. 2. 2022 (online first) auf www.aerzteblatt de.

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter: www.aerzteblatt-international.de

1.
Koczulla AR, Ankermann T, Behrends U, et al.: S1-Leitlinie Post-COVID/Long-COVID. Pneumologie 2021; 75: 869–900 CrossRef MEDLINE
2.
Glöckl R, Buhr-Schinner H, Koczulla AR, et al.: DGP-Empfehlungen zur pneumologischen Rehabilitation bei COVID-19. Pneumologie 2020; 74: 496–504 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Curci C, Pisano F, Bonacci E, et al.: Early rehabilitation in post-acute COVID-19 patients: data from an Italien COVID-19 rehabilitation unit and proposal of a treatment protocol. Eur J Phys Rehabil Med 2020; 56: 633–41 CrossRef MEDLINE
4.
Stutz MR, Leonhard AG, Ward CM, et al.: Early rehabilitation feasibility in a COVID-19 ICU. Chest 2021; 160: 2146–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Dellweg D, Siemon K, Höhn E, Barchfeld T, Köhler D: Pneumologische Frührehabilitation nach Langzeitbeatmung. Pneumologie 2021; 75: 432–8 CrossRef MEDLINE PubMed Central
Veränderungen von funktionellen Parametern und Assessment-Tests im Verlauf der pneumologischen Frührehabilitation
Tabelle
Veränderungen von funktionellen Parametern und Assessment-Tests im Verlauf der pneumologischen Frührehabilitation
1.Koczulla AR, Ankermann T, Behrends U, et al.: S1-Leitlinie Post-COVID/Long-COVID. Pneumologie 2021; 75: 869–900 CrossRef MEDLINE
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