MedizinPneumologieAktuelles Pneumologie„SARS-CoV-2 ist ein gutes Beispiel dafür, dass nichts unsicherer ist als die Erkenntnis von gestern“
Aktuelles
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

„SARS-CoV-2 ist ein gutes Beispiel dafür, dass nichts unsicherer ist als die Erkenntnis von gestern“

Freitag, 23. Oktober 2020

Das neue Coronavirus SARS-CoV-2 traf die Welt Anfang 2020 unvorbereitet. Lange ist es her, dass sich ein völlig neuartiges Virus derart rasch pandemisch ausgebreitet hat. Fieberhafte Forschungsbemühungen auf der ganzen Welt haben mittlerweile eine Flut neuer Erkenntnisse zu SARS-CoV-2 und der von ihm verursachten Erkrankung COVID-19 erbracht.

In welchen Bereichen das neue Virus Wissenschaftler und Mediziner gleichermaßen verblüffte und wie die Versorgung der Patienten an die immer neu eintrudelnden Erkenntnisse angepasst werden musste, darüber sprach das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Anzeige

5 Fragen an Tobias Welte, Direktor der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover

DÄ: Was hat Sie an dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 überrascht?
Tobias Welte: Am Anfang haben wir SARS-CoV-2 mit dem Influenzavirus gleichgesetzt. Aber es ist ganz anders als die Grippe, die vor allem das Atemwegsepithel befällt. Der Influenzaerreger zerstört das Atemwegsepithel, verursacht eine Bronchitis, eine Alveolitis und einen Zusammenbruch der epithelialen Barriere.

SARS-CoV-2 dagegen attackiert zwar primär ebenfalls die Atemwegsepithelien, schädigt sie aber nur sehr gering, streut dann in die Blutbahn aus und befällt dann – und das haben wir noch von keinem anderen Erreger gesehen – die Endothelzellen der Blut­gefäße.

In der Folge kommt es zu einem Zusammenbruch der endothelialen Barriere. SARS-CoV-2 greift im Vergleich zur Influenza sozusagen von der anderen Seite an. SARS-CoV-2 ist ein gutes Beispiel dafür, dass nichts unsicherer ist als die Erkenntnis von gestern, denn wir lernen Tag für Tag etwas Neues.

DÄ: Was hat man denn bisher zum Beispiel über den Verlauf und die Therapie der Erkrankung COVID-19 gelernt?
Welte: Wir wissen mittlerweile, dass sich die COVID-19-Erkrankung in zwei Phasen teilt: Zuerst kommt die Virusphase die bis zum Tag 10, vielleicht Tag 14 geht. In dieser Zeit spielt vor allem die Virusmenge eine Rolle. Einer der Gründe, weshalb wir glauben, dass die COVID-19-Sterblichkeit zurückgegangen ist – im Vergleich zu März/April – ist, dass wir durch die Maskenpflicht weniger Virus übertragen und dass die Erkrankten insgesamt eine geringere Viruslast haben als das noch im Frühjahr der Fall war.

In dieser viralen Phase macht eine virushemmende Therapie Sinn, etwa mit Remdesivir oder einer gegen das Virus gerichteten Antikörpertherapie [noch keine zugelassene Therapie; Anm. d. Redaktion], wie sie US-Präsident Trump bekommen hat.

In der zweiten Phase kommt es als Folge der Immunreaktion zu einer Hyperinflammation, zu diesem Zeitpunkt, etwa nach 10-14 Tagen, spielt das Virus nur noch eine untergeord­nete Rolle. Die Therapie ist dann nicht mehr primär antiviral, sondern antiinflamma­torisch, und die bestuntersuchte Substanz und die einzige, die bisher Wirksamkeit gezeigt hat, ist in dieser Situation Kortison.

DÄ: Haben die Erfahrungen aus dem Frühjahr auch zu neuen Erkenntnissen hinsichtlich der Beatmung von schwer erkrankten COVID-19-Patienten geführt?
Welte: Die Art und Weise wie wir beatmen, hat sich geändert. Wir sind am Anfang davon ausgegangen, dass COVID-19 der Influenza gleicht. Und die Influenza ist eine Erkrankung, die die Elastizität der Lunge herabsetzt und bei der man mit einer druckgesteuerten Beatmung Lungengewebe rekrutiert, ganz nach dem alten Motto „Open the lung and keep the lung open“.

Aber COVID-19 verhält sich anders, sie verursacht primär einen Endothelschaden, eine Thrombosierung, Druck ergibt da keinen Sinn. Deshalb sind wir von einer klassischen ARDS-Beatmung zu einer Beatmungsform gekommen, die sich für COVID-19 besser eignet und sich mittlerweile bewährt hat: mit niedrigen Drücken – sprich eine protektive Beatmung – und einem moderaten PEEP.

Und da die endotheliale Barriere so gestört wird, dass Flüssigkeit ins Lungengewebe austritt, findet die Beatmung in Bauchlagerung statt, da diese den Gasaustausch verbes­sert. Auch die Verbesserung der Beatmungsmethode hat einen günstigen Effekt auf die Sterblichkeit gehabt.

Infektion mit SARS-CoV-2: Abwehr im Ausnahmezustand

Die Lungenerkrankung COVID-19 zeichnet sich durch verblüffend unterschiedliche Verläufe aus. Während die einen Patienten sterben, merken andere kaum etwas von der Infektion. Es mehren sich die Hinweise, dass das Immunsystem dabei speziell im späteren Stadium eine wichtigere Rolle spielt als das Virus selbst. Als SARS-CoV-2 Anfang des Jahres auf der Bildfläche erschien, wurde angesichts der

DÄ: Für viele Patienten endet die Symptomatik allerdings nicht mit der Genesung, was weiß man über die Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion?
Welte: Viele Betroffene bleiben weit über die Zeit der eigentlichen Viruserkrankung hinaus symptomatisch. Sie können bleibende Organschäden davontragen, vor allem fibrosierende Lungenerkrankungen, aber auch persistierende myokardiale Entzündungen sind beschrieben worden.

Viel häufiger als die Organmanifestation ist jedoch das Fatiguesyndrom, das neben einem allgemeinen Krankheitsgefühl mit Mattigkeit, Antriebslosigkeit, schneller Erchöpfung und mangelnder Belastbarkeit auch neurokognitive Störungen wie vermehrte Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen umfasst.

Das Post-COVID-Syndrom ist ungewöhnlich. In dem Ausmaß, wie das bei COVID-19 der Fall ist, haben wir das noch bei keinem Virus gesehen. Besonders ist hier auch, dass das nicht nur die schwer kranken Patienten betrifft, sondern auch relativ leicht kranke und jüngere Patienten.

Die Ursachen sind noch nicht vollständig geklärt. Aber wir wissen, dass SARS-CoV-2 im Organismus eine vom Lymphozyten getragene Abwehrreaktion hervorruft. Aus – aller­dings noch nicht vollständig ausgewerteten – Daten von 300 Patienten mit Post-COVID-Syndrom haben wir die Hypothese abgeleitet, dass sich das lymphozytäre System bei Patienten mit Post-COVID-Syndrom über lange Zeit nicht wieder normalisiert.

DÄ: Wird SARS-CoV-2 wieder aus der Bevölkerung verschwinden oder uns erhalten bleiben, so wie die saisonale Grippe?
Welte: Das ist sehr schwer zu prognostizieren, üblicherweise verschwinden diese Pande­mien wieder. Es gab in der Geschichte praktisch keine Viruspandemie, die bestehen geblie­­­­­ben ist. Die meisten Viruspandemien hielten sich zwei bis drei Jahre.

Der wesent­liche Grund dafür ist biologischer Natur: Viren passen sich an den Wirt an und der Wirt – in diesem Fall wir – passen uns an das Virus an. SARS-CoV-2 ist seit Dezember 2019 kaum mutiert, aber es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass wir uns besser darauf einstellen, dass wir selbst durch minimalen, nicht krankmachenden Kontakt mit dem Virus bessere Abwehrmechanismen entwickeln.

Zwischenzeitlich müssen wir lernen, mit dem Virus zu leben und in erster Linie die bekannten Schutzmaßnahmen einhalten. Auch ein Impfstoff wird hilfreich sein, aber dahingehend sollten wir nicht überoptimistisch werden. Denn vor nächstem Frühjahr, vielleicht erst Sommer, kann man wissenschaftlich integer betrachtet, keine Impfung erwarten. © nec/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS
NEWSLETTER