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Politik

WHO empfiehlt drastische Senkung von Stickstoffdioxid und Feinstaub in der Luft

Mittwoch, 22. September 2021

Luftverschmutzung ist global eine der größten Gefahren für die menschliche Gesundheit. Die Europäische Umweltagentur EEA geht von etwa 417.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr allein in 41 europäischen Staaten aus. /kristo74, stock.adobe.com

Genf – Nach fünf Jahren Bearbeitung hat die Weltgesundheitsorganisation WHO heute ihre neuen Globalen Luftgüteleitlinien (Air Quality Guidelines, AQG) veröffentlicht. Im Fall von Stickstoffdioxid (NO2) hat sich die WHO für eine deutliche Absenkung um mehr als die Hälfte der bisher empfohlenen Werte entschieden. Noch drastischer weichen die neuen WHO-Feinstaubwerte von den aktuellen EU-Grenzwerten ab. Jetzt ist das Europäische Parlament am Zug. Sie sollen die EU-Luftqualitätsnormen bis 2022 aktualisieren und sich dabei an den WHO-Grenzwerten orientieren.

Für die NO2-Belastung empfiehlt die WHO künftig nur noch 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Bisher lag der Wert bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, wie es auch die rechtlich bindenden Grenzwerte für die EU vorschreiben. Eine Umsetzung der WHO-Empfehlungen in den EU-Grenzwerten hätte zur Folge, dass auch in Deutschland wieder deutlich mehr Stationen, die Luftqualität messen und die Überschreitungen der zulässigen Belastung anzeigen würden als zuletzt.

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Für die Langzeitbelastung mit Feinstaub PM2,5 liegt der neue WHO-Richtwert nun bei 5 statt bisher 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der EU-Grenzwert liegt aktuell mit 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft deutlich darüber. Ähnlich verhält es sich bei Feinstaub PM10. Hier senkt die WHO ihren Richtwert auf 15 statt bisher 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der EU-Grenzwert liegt aber aktuell bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft.

Die WHO-Luftgüteleitlinien beinhalten zudem qualitative Erklärungen zu bewährten Verfahren für den Umgang mit bestimmten Arten von Feinstaub (PM), zum Beispiel Black Carbon/elementarer Kohlenstoff, Ultrafeinstaub und Partikel aus Sand- und Staubstürmen, bei denen die quantitative Evidenz nicht für die Bestimmung von AQG-Richtwerten ausreicht.

Mangels Studien gibt es für die ultrafeinen Partikel bisher keinen WHO-Richtwert. Erste Studien deuten aber darauf hin, dass diese ultrafeinen Schadstoffe besonders gefährlich sein könnten, weil sie in den Körper und sogar in das Gehirn eindringen können, warnt Barbara Hoffmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

Experten kritisieren „laxe“ EU-Grenzwerte für Feinstaub

Dass die Grenzwerte in der EU für Feinstaub PM10 und PM2,5 viel zu hoch liegen sei das alleinige Resultat von Lobbyisten, welche die Interessen einiger wenigen Industrien über jene der Bevölkerung gesetzt hätten, kritisiert Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), der an der WHO-Luftrichtlinie mitgearbeitet hat. Jutta Paulus, Abgeordnete (Die Grünen) des Europäischen Parlaments und Mitglied im Umweltausschuss hält es für „skandalös“, dass die bisher gültigen WHO-Grenzwerte nicht vollständig in die EU-Gesetzgebung übernommen worden sind.

In Europa existieren sehr unterschiedliche Konzentrationen von Feinstaub. Etwa 8 Prozent der städtischen Bevölkerung in der Europäischen Union sind Belastungen mit Feinstaub PM2,5 ausgesetzt, die die Grenzwerte der EU überschreiten; sogar 77 Prozent wären es, wenn die bisherigen WHO-Richtwerte als Maßstab gelten würden.

Weltweit lebten 2019 sogar mehr als 90% der Bevölkerung in Gebieten, in denen die Konzentrationen den Richtwert entsprechend den WHO-Luftgüteleitlinien für eine Langzeitbelastung durch PM2,5 aus dem Jahr 2005 überschritten. Am höchsten waren die jährlichen bevölkerungsgewichteten PM2,5-Konzentrationen 2019 in der WHO-Region Südostasien, gefolgt von der Region östlicher Mittelmeerraum. Erhöhte Konzentrationen wurden auch in einigen westafrikanischen Ländern beobachtet, vor allem bedingt durch den Einfluss von Saharastaub.

„Viele Länder liegen bereits deutlich unter den jetzigen sehr laxen gesetzlichen Grenzwerten der EU, andere haben Probleme, diese Grenzwerte einzuhalten“, fasst Hoffmann die Situation in der EU zusammen. Sie plädiert daher für einen strengeren verbindlichen Grenzwert für PM2,5, und eine Reduktion der Luftschadstoffbelastung – nicht nur, wo Spitzenwerte vorliegen, sondern auch, wo die Werte schon niedriger sind. „Diese Absenkung muss verpflichtend sein, damit sie Wirkung entfaltet, zum Beispiel jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz“, so Hoffmanns Vorschlag für die Gesetzgebung.

Ihre Richtwerte legt die WHO dabei ausschließlich anhand gesundheitlicher Effekten fest. So kommt die WHO zu dem Schluss: Wenn ihre Richtwerte für Feinstaub PM2,5 eingehalten werden würden, könnten etwa 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden vorzeitigen Todesfälle vermieden werden. Die Verwirklichung der Zwischenziele für PM2,5 (derselbe Wert wie der AQG-Richtwert von 2005) würde die Gesamtzahl der durch diesen Schadstoff bedingten Todesfälle um nahezu 48 Prozent senken. Am größten wäre die Wirkung in den Regionen Südostasien und Afrika (Rückgang um 57 Prozent beziehungsweise 60 Prozent), schreibt die WHO.

Es gibt keine ‚unschädlichen Schwellenwerte‘ der Luftverschmutzung. Die neuen WHO-Richtwerte entsprechen den tiefsten Werten, für welche solide und replizierbare Daten vorliegen. Nino Künzli, Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut

Die Luftqualitätsrichtlinien hat die WHO zuletzt im Jahr 2005 überarbeitet. „Die Richtwerte mussten nach unten korrigiert werden, da in den vergangenen 15 Jahren sehr große Langzeitstudien mit zum Teil mehreren Hunderttausend Teilnehmenden publiziert wurden, an denen auch Regionen mit sehr geringer Schadstoffbelastung – zum Beispiel die Schweiz – beteiligt waren“, erläutert Künzli. Die Studien würden bestätigen, was sich vor 20 Jahren noch nicht belegen ließ: „Es gibt keine ‚unschädlichen Schwellenwerte‘ der Luftverschmutzung. Die neuen WHO-Richtwerte entsprechen den tiefsten Werten, für welche solide und replizierbare Daten vorliegen.“

WHO erhält Unterstützung von mehr als 100 Fachgesellschaften

Die Aktualisierung der Luftqualitätsleitlinien sei dringend notwendig gewesen, heißt es daher auch in einer Stellungnahme, die unter Führung der European Respiratory Society (ERS) und der International Society of Environmental Epidemiology (ISEE) zusammen mit mehr als 100 Fachgesellschaften heute veröffentlicht wurde. Die gesundheitlichen Schäden seien dabei nicht auf hohe Belastungen beschränkt, sondern selbst bei niedrigen Konzentrationen deutlich unterhalb existierender gesetzlicher Grenzwerte zu beobachten. Besonders wichtig sei, dass bisher keine sicheren Schwellenwerte identifiziert werden konnten, unter denen Luftverschmutzung harmlos wäre.

Luftqualität und COVID-19

Eine schlechte Luftqualität beeinflusst sehr wahrscheinlich die durch COVID-19 bedingte Krankheitslast, da sie ein Risikofaktor für akute wie auch chronische Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen darstellt.
Allerdings wurde während der globalen COVID-19-Pandemie eine nennenswerte, wenn auch kurzzeitige Verringerung der Konzentrationen von Luftschadstoffen in den Städten verzeichnet. Auffälliger war dieser Rückgang bei Stickstoffoxiden (NOₓ), die vor allem mit dem Verkehr zusammenhängen. Daten aus einigen europäischen Städten zeigen einen Rückgang der NO₂-Emissionen um etwa 50 Prozent und in manchen Fällen bis zu 70 Prozent gegenüber der Zeit vor den Ausgangsbeschränkungen. Die Maßnahmen gegen COVID-19 haben somit gezeigt, wie ein gezieltes Ansetzen an der Verkehrspolitik und den Arbeits-, Lern- und Konsumgewohnheiten der Menschen zu einer besseren Luftqualität beitragen kann.

Obwohl die Leitlinien nicht rechtsverbindlich seien, hoffen die Fachgesellschaften, dass sie die Luftreinhaltepolitik in Europa und in anderen Regionen der Welt in den kommenden Jahren maßgeblich beeinflussen werden. Sie fordern einen Paradigmenwechsel - vom ausschließlichen Fokus auf feste Grenzwerte hin zum Konzept einer Kombination fester Grenzwerte mit einer kontinuierlichen Senkung der immer noch zu hohen durchschnittlichen Belastung.

„Die neuen Luftqualitätsleitlinien der WHO sind sehr ambitioniert und spiegeln die erheblichen Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheit wider“, heißt es in der Stellungnahme. Um entsprechende Verbesserungen der Luftqualität zu erreichen, seien umfassende Maßnahmen in allen Sektoren, wie etwa Verkehr, Energie, Industrie, Landwirtschaft und Wohnen erforderlich.

Für sauberere Luft müssten Erneuerbare Energien ausgebaut und fossile Kraftwerke abgeschaltet werden, betont Paulus und verweist auf die am stärksten verschmutzte Luft in der EU in den Kohleregionen Polens und Tschechiens. Gleiches gelte für den schnellen Umstieg auf Elektromobilität.

Von vielen Richtwerten sei man in Deutschland und vielen europäischen Ländern nicht weit entfernt – wenn man große Städte außer Acht lässt, ist Volker Matthias vom Helmholtz-Zentrum Hereon, Geesthacht überzeugt. „Eine Reduzierung des Verkehrs in kritischen Bereichen sowie ein zügiger Umstieg auf Elektromobilität machen die Richtwerte der WHO beim NO2 auch in Städten erreichbar. Global bedeutet dies für viele Länder aber noch einen sehr weiten Weg“, so der Abteilungsleiter Chemietransportmodellierung am Institut für Küstenforschung.

Neue EU-Luftgrenzwerte sollen sich an WHO-Empfehlungen orientieren

Die Einhaltung dieser Grenzwerte sei keine technische Frage, sondern nur eine des politischen Willens, sagte die Grünen-Abgeordnete Paulus dem Deutschen Ärzteblatt auf Nachfrage. Strengere Werte für Feinstaub, Stickdioxid und Ozon hält die Naturwissenschaftlerin für richtig. „Ich hoffe, dass die Mehrheit im Parlament weiterhin steht und der Rat der Mitgliedsstaaten nicht blockiert.“

Die Weichen für eine Änderung der europäischen Gesetzgebung durch die neuen Leitlinien wurden bereits mit dem Beschluss des Europäischen Parlaments im März 2021 gelegt. Darin fordert das Parlament die EU-Kommission auf, die EU-Luftqualitätsnormen zu aktualisieren, sobald die neuen WHO-Leitlinien veröffentlicht sind und dabei die Grenzwerte an den Empfehlungen zu orientieren („in order to align them“). Der bisherige Zeitplan sieht diese Aktualisierung für das dritte Quartal 2022 vor. Die Überarbeitung der EU-Richtlinien ist laut Paulus bereits bei der Europäischen Kommission in Planung.

Der Kommissionsentwurf wird im Rat der 27 Mitgliedsstaaten durch die jeweiligen Umweltministerien und im Europäischen Parlament durch den Umweltausschuss separat beraten und abgestimmt. Dann gehe es in den Trilog, in dem Kommission, Rat und Parlament eine gemeinsame Position verhandeln müssten, erläutert Paulus das weitere Vorgehen. Diese werde final in Parlament und Rat abgestimmt. Zwischen Kommissionsvorschlag und endgültiger Abstimmung würden zirka 9 bis 18 Monate liegen – in manchen Fällen, wenn keine Einigung erzielt werden könnte, auch mehrere Jahre, räumt die Parlaments-Abgeordnete ein.

Das erstes Treffen von Interessensvertretern hat die Europäische Kommission bereits für morgen in Brüssel (und online) angekündigt. Hier sollen erste Meinungen zur Überarbeitung der Luftqualitätsrichtlinien eingeholt werden. © gie/aerzteblatt.de

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