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Post-Intensive-­Care-Syndrom: Maschinelle Beatmung kann IQ von Kindern langfristig senken

Dienstag, 29. März 2022

/egyjanek - stock.adobe.com

Seattle – Kinder, die in den ersten Lebensjahren wegen eines akuten Lungenversagens auf einer Intensivstation maschinell beatmet werden mussten, hatten in einer Langzeitstudie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2022; DOI: 10.1001/jama.2022.1480) Jahre später einen niedrigeren Intelligenzquo­tienten als ihre Geschwister.

Viele Patienten erholen sich nur langsam von einer Intensivbehandlung. Besonders häufig ist diese als Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) bezeichnete Störung bei älteren Menschen, die maschinell beatmet werden mussten.

Kinder gelten als eine weitere Risikogruppe, vor allem, wenn sie in den ersten Lebensjahren auf Intensivstation behandelt werden mussten. Dies ist häufig bei tiefen Atemwegsinfektionen der Fall. In den USA werden jedes Jahr mehr als 20.000 Kinder auf pädiatrischen Intensivstationen maschinell beatmet. Die Ursache ist häufig eine Bronchiolitis nach einer Infektion mit dem RS-Virus.

US-Pädiater haben jetzt erstmals in einer Studie untersucht, welche Auswirkungen die Behandlung auf die weitere kognitive Entwicklung hat. Scott Watson von der University of Washington School of Medicine in Seattle und Mitarbeiter kontaktierten die Eltern von 121 Kindern, die im Alter von unter 8 Jahren auf einer von 31 pädiatrischen Intensivstationen maschinell behandelt worden waren.

Ursache war in den meisten Fällen eine Bronchiolitis oder eine Asthmaerkrankung (44 %) oder eine Pneumonie (37 %) gewesen. Bei den meisten Kindern (72 %) war es neben dem akuten Atemnotsyndrom (ARDS) zum Versagen weiterer Organe gekommen. Bei der Entlassung hatte es keine Hinweise auf eine schwere Hirnschädigung gegeben.

Die Kinder hatten damals an der RESTORE-Studie („Randomized Evaluation of Sedation Titration for Respiratory Failure“) teilgenommen, die verschiedene Sedationsprotokolle verglichen hatte. Inzwischen waren median 5,2 Jahre vergangen. Die Kinder hatten sich vollkommen erholt, und es waren in der Zwischenzeit keine weiteren intensivmedizinischen Behandlungen mehr notwendig gewesen.

Die Forscher luden die Kinder und jeweils ein Geschwisterkind zu einem Wechsler-Intelligenztest ein. Dabei zeigte sich, dass der Intelligenzquotient der intensivmedizinisch behandelten Kinder 2,8 Punkte (101,5 versus 104,3 Punkte) niedriger war als bei ihren Geschwistern. Die Differenz war nicht groß, aber mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,2 % bis 5,4 % signifikant.

Hinzu kam, dass 16 % der intensivmedizinisch behandelten Kinder (gegenüber 7 % der Geschwister) einen IQ von unter 85 hatten, was auf eine deutliche Störung der kognitiven Entwicklung hinweist. Bei 17 % der intensivmedizinisch behandelten Kinder war der IQ um 15 Punkte schlechter als beim Geschwis­terkind (bei anderen 8 % aber um 15 Punkte besser).

Es könnte also eine Untergruppe von Kindern geben, bei denen es nach einer maschinellen Beatmung zu deutlichen kognitiven Störungen kommt. Zu dieser Gruppe könnten Kinder gehören, die im ersten Lebensjahr intensivmedizinisch behandelt wurden. Das erste Lebensjahr ist für das menschliche Gehirn eine wichtige Entwicklungsphase, in der sich viele Synapsen ausbilden. Tatsächlich wurden die größeren IQ-Defizite vor allem bei Kindern gefunden, die im 1. Lebensjahr intensivmedizinisch behandelt wurden.

Ganz eindeutig waren die Ergebnisse jedoch nicht. So hatten weder der Schweregrad der Erkrankung noch die Dauer der maschinellen Beatmung oder Behandlungskrisen einen erkennbaren Einfluss auf den späteren IQ. Vor allem ein Zusammenhang mit der Beatmungszeit (und der damit verbundenen Sedation) war aufgrund von tierexperimentellen Studien befürchtet worden.

Für Alexandre Rotta vom Duke University Medical Center in Durham/North Carolina sind die Ergebnisse dennoch der bisher stärkste Beleg für ein pädiatrisches PICS. Die Auswirkungen der maschinellen Beatmung könnten sogar noch größer sein, da Kinder, die mit kognitiven Störungen entlassen wurden oder später weitere Intensivbehandlungen benötigten, in der Studie gar nicht berücksichtigt wurden, schreibt der Pädiater in einem Editorial. © rme/aerzteblatt.de

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