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Pneumologen empfehlen altersadaptiertes Tuber­kulosescreening für Geflüchtete aus der Ukraine

Donnerstag, 26. Mai 2022

/Kateryna_Kon, stock.adobe.com

Leipzig – Die Ukraine gehört in Europa zu den Ländern mit der höchsten Tuberkulo­seinzidenz. Deshalb solle bei allen geflüchteten Kindern und Jugendlichen die Indikation für eine immundiagnostische Untersuchung hinsichtlich Tuberkulose (TB) geprüft werden.

Weitere Handlungsempfehlungen können Ärztinnen und Ärzte einer neuen Stellungnahme entnehmen, die heute in Pneumologie erschienen ist (2022; DOI: 10.1055/a-1832-2546).

Das Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tuberkulose (DZK) und die Arbeitsgruppe Leitlinie Tuber­ku­lose im Kindes- und Jugendalter, der Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie (GPP) weisen darauf hin, dass ein symptom- und/oder thoraxröntgenbasiertes TB-Screening bei Kindern und Jugendlichen im Ver­gleich zu Erwachsenen eine geringere Sensitivität und Spezifität habe.

Um eine Strahlenexposition bei TB-gefährdeten Kindern und Jugendlichen bis 15 Jahren zu vermeiden, wird primär ein Interferon-Gamma Release Assay (IGRA) oder ein Tuberkulinhauttest (THT) empfohlen.

Erst bei einem positivem Testergebnis sollte eine weitere Abklärung und Therapie gemäß bestehender natio­naler Empfehlung erfolgen. Um die Umsetzung zu verbessern, sollte eine Möglichkeit geschaffen werden, IGRAs für diese Indikation im kassenärztlichen Bereich abzurechnen.

Mit der neuen Handlungsempfehlung möchte die DZK dafür sensibilisieren, speziell junge geflüchtete Men­schen beim Hausarzt vorzustellen, bevor diese in die Gemeinschaftunterkünfte, Schulen oder Kindergärten gehen, sagte Torsten Bauer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) und des DZK gestern bei der Vorabpressekonferenz zum Kongress der DGP.

Geflüchtete, die in einer Gemeinschaftsunterkunft untergekommen sind, müssen laut Infektionsschutzgesetz (IfSG) verpflichtend auf TB untersucht werden. Aber auch für jene, die privat untergebracht wurden, sollte es ein Angebot geben, heißt es in der Stellungnahme.

TB-Inzidenz könnte aufgrund des Ukrainekriegs deutlich höher liegen

Die TB-Inzidenz liegt in der Urkaine bei durchschnittlich 73 pro 100.000 Einwohnern – in Deutschland sind es 5 pro 100.000.

Bei Kindern und Jugendlichen liegen die Zahlen deutlich niedriger: Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) gibt für 2019 für die Altersgruppe von 0–4 Jahren eine Inzidenz von 9,4/100.000 an und bei den 5–14-Jährigen 7,8/100.000.

Bereits der Syrienkrieg hat allerdings gezeigt, dass die ursprünglich geschätzte TB-Inzidenz (17/100.000) bei einem Screening in einer deutlich höheren Fallfindungs­rate (94/100.000) münden kann (European Respiratory Journal, 2016; DOI: 10.1183/13993003.00991-2016). Ähnliche Entwicklungen seien auch infolge des Angriffskriegs in der Ukraine denkbar, heißt es in der Stellungnahme.

Wir schätzen, dass etwa bei jedem dritten Geflüchteten aus der Ukraine mit TB eine MDR-TB vorliegt, die in speziellen Zentren behandelt werden muss. Torsten Bauer, Präsident der DGP und des DZK

Dabei gebe es eine Besonderheit in der Ukraine, ergänzte Bauer: Der Anteil der multiresistenten Tuberkulosen (MDR-TB) sei bei Erwachsenen besonders hoch.

Während die TB mit einer 6 monatigen Antibiokagabe gut behandelbar sei, gelte dies nicht für die MDR-TB. „Die Medikamente müssen mindestens 18 Monate eingenommen werden und die Menschen benötigen teilweise einen Port“, so Bauer und weiter: „Wir schätzen, dass etwa bei jedem 3. Geflüchteten aus der Ukraine mit TB eine MDR-TB vorliegt, die in speziellen Zentren behandelt werden muss.“

Bei Kindern mit einer latenten tuberkulösen Infektion (LTBI) wirkt eine Chemoprä­vention laut einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse bei medika­men­tensensiblem Bakterienstamm zu 91 % (Lancet, 2020; DOI: 10.1016/S0140-6736(20)30166-5).

Die Autoren der Stellungnahme empfehlen, bei Kindern aus der Ukraine mit einer LTBI gezielt nach möglichen TB-Kontakten zu fragen, um das Erregerresistenzprofil der Indexperson zu identifizieren.

Resistente Tuberkulose verursacht 20-fache Behandlungskosten

Erschwerend komme bei TB-Patienten aus der Ukraine ein hoher Anteil an Koinfek­tionen mit HIV oder Hepatitis hinzu, sagte Bauer, Chefarzt der Lungenklinik Heckeshorn am Helios Klinikum Emil von Behring, Berlin.

Er betonte auch die deutlich höheren Kosten einer MDR-TB. Während die Kosten einer „normalen“ TB bei etwa 5.000 Euro liegen würden, könnten die Kosten einer MDR-TB relativ zügig 100.000 Euro erreichen.

Hilfe und Informationen speziell zur Tuberkulose für ukrainische Patientinnen und Patienten sowie Behandelnde bietet das DZK auch auf seiner Webseite. © gie/aerzteblatt.de

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