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Medizin

„Für eine klimaadaptierte Therapie benötigen wir spezifischere Hilfsmittel“

Donnerstag, 16. März 2017

­Berlin – Der Klimawandel wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. In Deutschland ma­chen der Bevölkerung vor allem Extremwetterlagen wie Hitzewellen, Trockenperioden und Überschwemmungen zu schaffen. Der Deutsche Wetterdienst will Ärzte und Pflege­heime künftig mit einem erweiterten Warnsystem über extreme Hitze informieren. Denn sommerliche Hitzewellen erhöhen das zusätzliche tägliche Sterberisiko bei Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen um bis zu 14 Prozent, bei längeren Hitzewellen dann kumulativ bis zu 43 Prozent, so das Ergebnis einer Metaanalyse im Deutschen Ärzteblatt.

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) empfiehlt daher, Frühwarn- und Interventionssysteme zu erarbeiten und Lungen­patien­ten während der Sommermonate telemedizinisch zu betreuen. Im Interview spricht das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) mit einem Pneumologen von der Charité Berlin darüber, wie man chronisch Kranke vor den Folgen des Klimawandels schützen kann.

Fünf Fragen an Christian Witt, Leiter des Arbeits­bereichs Ambulante Pneumologie der Medizini­schen Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin

DÄ: Welche Menschen sind gesundheitlich besonders durch den Klimawandel beeinträchtigt?
Christian Witt:  Extreme Wetterlagen wirken sich in erster Linie auf Kleinkinder, Senioren und Kranke aus. Hitzestress kann bei diesen vulnerablen Personen­gruppen Krankheitsverläufe verschlechtern und folglich zu einer erhöhten Hospitalisierungs- und Sterblich­keits­­rate führen. In Europa nehmen bei Hitzephasen die Raten an Notfall-Hospitalisie­rungen und -Konsultationen von Menschen mit chronischen inneren Krankheiten zu, insbesondere mit Lungen- und Herz-Kreislauf-Krankheiten. Das zeigte eine Studie aus dem Jahr 2009, die im American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine erschienen ist.

Wie stark die Menschen betroffen sind, hängt unter anderem von der genetischen Disposition ab, von chronischen Arzneimittelbehandlungen, geografischen Faktoren wie Extremwetterlagen oder innerstädtischen Wärmeinseln. Zudem spielen sozioökonomi­sche Parametern wie Familien-, Sozialstatus, Lebensstil und Wohn- und Indoor-Verhält­nisse eine Rolle.

DÄ: Kann man jahreszeitliche Unterschiede bei Lungenkrankheiten beobachten?
Witt: Ja, epidemiologische Studien zeigen diese saisonalen Unterschiede eindeutig. Jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst/Winter häufen sich die Fälle von Exazerbation bei Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen. Zwar treten im Sommer weniger Exazer­bationen verglichen damit auf, es kommt aber dennoch auch hier zu einem Anstieg infolge erhöhter Sommertemperaturen. Auf der Südhalbkugel sind spiegel­bild­liche Verhältnisse, doch in den Tropen ist die Häufigkeitsfrequenz der COPD-Exazerba­tionen saisonal ausgeglichen.

Diese jahreszeitlichen Unterschiede von COPD-Exazerbationen implementieren eine Beziehung der Krankheit zur Umwelt, zur Atemluft und zu Klimabedingungen. Wir wissen dank einer Studie aus 2013 aus dem European Respiratory Journal, dass hohe Tempe­ra­turen im Sommer zu mehr Exazerbationen führen. Während der Hitzewelle in Porto, Portugal, im Jahr 2006 verzeichneten die Kliniken einen Anstieg der Patientenauf­nahmen auf das Doppelte im Vergleich zu den erwarteten Aufnahmen.

DÄ: Auf welche Klima-Konsequenzen sollten sich Pneumologen einstellen?
Witt: Aktuelle Klimawandel-Szenarien erwarten mehr wärmere Hochsommertage, län­ge­re Hitzewellen, weniger Niederschläge und eine höhere Luftverschmutzung in unse­ren Breiten. Folglich werden wir auch in Europa eine Zunahme der Exazerbationen im Sommer durch den Klimawandel erfahren. Urbaner Hitzestress und Schadstoffbelastung in den Innenstädten hängen eng miteinander zusammen. Die Konsequenzen für Patien­ten und Ärzte scheinen erheblich. Rechenmodelle prognostizieren 71.000 vorzeitige Todesfälle allein für Deutschland durch verkehrsbedingte Luftbelastungen (Air Quality in Europe 2016).

DÄ: In Berlin soll dieses Jahr das neue Frühwarnsystem zum Einsatz kommen. Wie hilf­reich schätzen Sie diese Maßnahme ein?
Witt: Das Frühwarnsystem des Deutschen Wetterdienstes will Ärzte bei extremen Tem­pe­raturen über Medieninformationen, Warn-Newsletter und Apps frühzeitig informieren. Das System stellt dabei sehr allgemeine Ratschläge zur Verfügung, beispielsweise eine empfohlene Trinkmenge und hitzeadaptierte Verhaltensweisen, auch für ältere Patien­ten. Für eine klimaadaptierte Therapie benötigen wir spezifischere Hilfsmittel. Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) hat 2012 ein Positionspapier mit Vorschlägen für relevante Anpassungsstrategien an den Klimawandel und mögliche Marktchancen in Deutschland veröffentlicht.

DÄ: Welche anderen klimaadaptierten Arzneimitteltherapien sollten in Kliniken und Pflegeheimen zum Einsatz kommen?
Witt: Gute Erfahrungen konnten wir mit einer telemetrischen Überwachung und baulich klimaangepassten Krankenhäusern machen. Ein weiterer vielversprechender Ansatz konnte bereits im Rahmen unseres Forschungsprojekts der Deutschen Forschungs­gemeinschaft (Titel: Urban Climate and Heat Stress, UCaHS) an der Charité – Uni­ver­sitätsmedizin Berlin untersucht und evaluiert werden.

Hierbei wurde in einer prospekti­ven randomisierten kontrollierten Studie untersucht, welchen Effekt die moderate Klimatisierung von Patientenzimmern in heißen Sommer­monaten auf den Behand­lungsverlauf von Patienten mit chronischer Lungener­krankungen (COPD, Asthma bronchiale, pulmonale Hypertonie, idiopathische Lungenfibrose) nimmt.

Patienten in klimatisierten Krankenzimmern wiesen eine verringerte Behandlungsdauer, ein geringe­res Krankheitsgefühl und eine bessere Mobilisierung auf. Eine von uns durchgeführte Studie in Environmental Health im BMBF-KLIMZUG-Programm konnte zusätzlich zeigen, dass Telemonitoring das Exazerbationsrisiko von COPD-Patienten während Hitzestress signifikant senken kann. © gie/aerzteblatt.de

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