Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schlafapnoe: Elektrische Atemwegsstimulation als Alternative zur CPAP-Therapie

Mittwoch, 4. April 2018

Die Komponenten der oberen Atemwegsstimulation bestehen aus dem implantierbaren Pulsgenerator, einer Stimulationselektrode und einer Detektionselektrode.  /Inspire medical
Die Komponenten der oberen Atemwegsstimulation bestehen aus dem implantierbaren Pulsgenerator, einer Stimulationselektrode und einer Detektionselektrode.  /Inspire medical

Dresden – Nicht alle Patienten mit einer mittel- bis schwergradigen obstruktiven Schlafapnoe (OSA) kommen mit der kontinuierlichen Überdrucktherapie (CPAP) zurecht. Alternativ kann eine selektive obere Atemwegsstimulation (Upper Airway Stimulation, UAS) durch einen implantierten Pulsgenerator helfen, der ähnlich einem Herzschritt­macher arbeitet. Das zeigt eine internationale Registerstudie, die beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie (DGP) in Dresden vorgestellt wurde.

Alternativen zu CPAP

  • selektive obere Atemwegsstimulation: Implantierbarer Pulsgenerator, der über eine Elektrode den distalen Unterzungennerv stimuliert
  • Unterkieferprotrusionsschienen, die in der Nacht den Unterkiefer vorverlegen und dadurch die Atemwege weiten
  • Rückenlageverhinderung (wenn Schlafapnoe nur in Rückenlage auftritt) mit Rückenlageverhinderungs­weste oder Schlafpositionstrainer
  • chirurgische Verfahren, z.B: Tonsillektomie mit Uvulopalato­pharyngoplastik = Mandelentfernung mit Weichgaumenstraffung
  • Stents, die in der Nacht über die Nase platziert werden und den Rachen offenhalten (aufgrund Würgereiz eher weniger von Patienten akzeptiert)

Je nach Studienlage nutzen 30 bis 50 % der OSA-Patienten nach 2 Jahren ihr CPAP nicht mehr regelmäßig. Für diese Patienten kommt laut der S3-Leitlinie (S. 23) das invasive Neurostimulations­verfahren infrage, erklärt Clemens Heiser, Leiter des Schlaflabors an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik und Poliklinik Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München.

Andere Alternativen sind unter anderem Unterkieferprotrusionsschienen, operative Verfahren, Rückenlage­verhinderungsweste oder ein Schlaf­positionstrainer (siehe Kasten).

Prospektive Studien konnten die Sicherheit und Wirksamkeit der UAS bereits zeigen. Die auf dem Kongress vorgestellte Studie bestätigte diese Ergebnisse an der bis dato größten Patientenkohorte mit fast 260 Patienten weltweit. Die Teilnehmer litten an einer mittel- bis schwergradigen OSA (15 ≤ AHI ≤ 65) und erhielten eine UAS, da eine CPAP-Unverträglichkeit vorlag. Beide Autoren erhielten finanzielle wissenschaftliche Unterstützung des Herstellers des getesteten UAS-Systems.

Weniger Apnoen und Hypopnoen

Im Durchschnitt wurden die Patienten nach 132,2 +/- 74,8 Tagen nach der Implantation untersucht. Der Apnoe-Hypopnoe-Index reduzierte sich von 35 +/- 15,2 Apnoen und Hypopnoen pro Stunde auf nur noch 9,6 +/- 12,2 Apnoen und Hypopnoen pro Stunde. Bei fast jedem 2. Patienten sank die Zahl der Apnoen und Hypopnoen unter 5 pro Stunde. 80 % der Teilnehmer hatten weniger als 15 Apnoen und Hypopnoen pro Stunde.

Auch der ESS-Skalenwert (Epworth Sleepiness Scale) sank signifikant. Der Gesamt­zustand der Patienten verbesserte sich durch den implantieren Pulsgenerator bei 93 % der implantierten Patienten, was anhand der CGI-Skala (Clinical Global Impression Scale) von den behandelnden Ärzten geschätzt wurde. Sowohl diese subjektiven als auch objektiven Ergebnisse seien zufriedenstellend, lautet das Fazit der Autoren. „Unerwünschte Ereignisse, die bei 3 % auftraten, waren nicht von Dauer“, erklärt Heiser. Kein Patient habe bisher eine dauerhafte Schädigung des Nervs gehabt oder musste wieder explantiert werden. Standardtherapie für die OSA-Therapie bleibt aber weiterhin die nächtliche Beatmungstherapie (CPAP/BIPAP).

Bei der UAS stimuliert ein unter dem Fettgewebe der rechten Brust implantierter Pulsgenerator in der Nacht den distalen Unterzungennerv (Nervus hypoglossus) über eine Elektrode. Die Stimulation führt die Elektrode abhängig von der Atmung durch, die ein zwischen der 3. und 8. Rippe platzierter Sensor misst. Dadurch wird die im Schlaf herabgesetzte Muskelspannung, die die oberen Atemwege blockiert, aktiviert. Die Atemwege öffnen sich wie auch bei der CPAP-Maske.

Neben dem hier getesteten Neurostimulationsverfahren von Inspire gibt es 2 weitere Systeme auf dem Markt. Sie stimulieren den gleichen Nerv, jedoch an einer anderen Stelle, sodass unterschiedliche Muskelgruppen aktiviert werden: ImThera (CE-Zertifikat vorhanden, noch keine FDA-Zulassung) und Nyxoah (aktuell Studie in Frankreich und Australien zum Erhalt des CE-Zertifikats). Wissenschaftliche Ergebnisse zur Effektivität stehen noch aus.

Versorgungssituation mit Neurostimulation bei OSA-Patienten

In Deutschland werden zurzeit fast 500 OSA-Patienten mit einer selektiven oberen Atemwegsstimulation versorgt. Der erste Patient erhielt hierzulande einen Pulsgenerator im Jahr 2010. Ende 2013 ermöglichten Verhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen zu Neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) etwa 20 Implantationszentren, Patienten damit zu versorgen. Das System kostet etwa 20.000 Euro (brutto).

Auch in den USA, Finnland, Holland, Belgien, Frankreich, Österreich, Schweiz und Spanien kommt UAS zum Einsatz, demnächst wahrscheinlich auch in Japan. Die größten Zentren mit der meisten Expertise seien in Philadelphia, München, Mannheim und Lübeck, sagt Heiser. In Asien und Südamerika ist es noch nicht verfügbar. © gie/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.