MedizinPneumologieStudien PneumologieReport: Luftverschmutzung erhöht Risiko auf Gestationshypertonie
Studien
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Report: Luftverschmutzung erhöht Risiko auf Gestationshypertonie

Donnerstag, 19. Dezember 2019

Feinstaub, der während der Schwangerschaft von der Mutter eingeatmet wird, gelangt über die Lunge in die Blutbahn und womöglich auch zum Fötus. /rh2010 AdobeStock.com

Research Triangle Park/North Carolina – Das „National Toxicology Program“, das für das US-Ge­sund­heits­mi­nis­terium Risikobewertungen durchführt, kommt in einem 111-seitigen Report zu dem Schluss, dass Feinstaub und Stickoxide die Gesundheit von Schwangeren durch einen erhöhten Blutdruck gefährden.

Jede 10. Schwangerschaft wird durch eine Gestationshypertonie kompliziert. Der Anstieg des Blutdrucks kann zu einer Schädigung der Plazenta führen und eine Präeklampsie zur Folge haben, die die Gesundheit von Mutter und Kind gefährdet. Hypertensive Schwangerschaftsstörungen erhöhen das Risiko auf eine frühzeitige Geburt oder ein Kind mit einem niedrigen Geburtsgewicht. Bei einer Gefährdung der Mutter kann eine frühzeitige Entbindung erforderlich werden.

Die Ursachen der Gestationshypertonie sind weitgehend unbekannt. Luftschadstoffe werden seit Jahren als ein möglicher Risikofaktor diskutiert. Ein Team um Brandy Beverly vom „National Toxicology Program“ hat in einer Monographie den derzeitigen Stand der Wissenschaft zusammengefasst.

Die Bewertung stützt sich auf 18 Beobachtungsstudien am Menschen aber nur auf eine tierexperimentelle Studie. Der Mangel an tierexperimentellen Daten wird als Manko bezeichnet, da sie in der Regel Aufschlüsse über die Mechanismen der Schädigung liefern. Auf welche Weise die Luftschadstoffe den Anstieg des Blutdrucks herbeiführen, ist deshalb unklar.

Zusammenhang mit Feinstaub deutlicher als mit Stickstoffdioxid

Die epidemiologischen Daten weisen jedoch eindeutig auf eine Schädlichkeit hin. Am deutlichsten ist der Zusammenhang beim Feinstaub (PM2,5). In 5 von 6 Studien, die den Einfluss auf eine Präeklampsie untersucht haben, wurde eine signifikante Assoziation gefunden. Die Forscher ermitteln eine Odds Ratio von 1,51 für jeden Anstieg der PM2,5-Konzentration um 10 µg/m3. Das 95-%-Konfidenzintervall von 1,04 bis 2,20 zeigt eine Signifikanz an. Die Heterogenität war mit einem I2-Wert von 99 % jedoch sehr hoch. Wird der I2-Wert durch den Ausschluss von 2 Studien auf 87,7 % verbessert, erhöht sich die Odds Ratio auf 1,84 (1,64 bis 2,07). Die Autoren stufen die Evidenz für die Humanstudien als „moderat“ ein. Das ist die zweithöchste von 4 Stufen im GRADE-System. Das Fehlen jeglicher tierexperimenteller Studien lässt jedoch noch Fragen offen.

Die Auswirkungen von Stickstoffdioxid (NO2) sind weniger deutlich. Für den Endpunkt Gestationshypertonie ermitteln die Autoren auf der Basis von 8 Studien eine Odds Ratio von 1,03 pro Anstieg der NO2-Konzentration um 10 µg/m3. Das 95-%-Konfidenzintervall von 0,97 bis 1,09 zeigt, dass der Zusammenhang nicht eindeutig ist.

Eine Metaanalyse von sieben Studien zum Endpunkt Präeklampsie kommt zu einer signifikanten Odds Ratio von 1,06 (1,02 bis 1,11). Die Heterogenität war mit einem I2-Wert von 17 % sehr gering, was ein günstiges Zeichen ist. Die Autoren bewerten die Evidenz für die Humanstudien wie beim Feinstaub als „moderat“. Tierexperimentelle Studien fehlen auch hier.

Geringe Evidenz für übrige Schadstoffe

Zu den übrigen potenziellen Schadstoffen wie Kohlenmonoxid, elementarem Kohlenstoff und „Black Carbon“ wurden für eine Bewertung bisher zu wenige Studien durchgeführt.

Eine Reihe von Studien haben die Nähe des Wohnorts zu viel befahrenen Straßen oder andere Verkehrsparameter untersucht. Eine sichere Gefährdung von Frauen konnte laut den Autoren nicht festgestellt werden. Der Report stuft die Evidenz für die Humanstudien als „gering“ ein. Tierexperimentelle Studien fehlen auch hier.

Zu den möglichen Mechanismen gibt es nur Vermutungen. Zu den Hypothesen gehört eine Störung der endothelialen Funktion durch Feinstaub oder ein vermehrter oxidativer Stress durch Stickoxide. Denkbar ist auch eine Stimulation des sympathischen Nervensystems oder eine direkte toxische Wirkung auf die Gefäße. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #715180
DrSchnitzler
am Sonntag, 22. Dezember 2019, 00:46

... Gestation (etc.) & Feinstaub: Kausalzusammenhang?

Falls ich meine Propädeutik jetzt nicht völlig falsch im Kopf habe:

Die übliche Berechnungsformel für das "attributable Risiko" lautet doch
Verursachungswahrscheinlichkeit = (Relatives Risiko - 1,0 ) / Relatives Risiko (1). Vorliegend ergibt sich also eine Verursachungswahrscheinlichkeit von z.B. 0,34 (0,51/1,51; zunächst unbeschadet einer Stetigkeit, die sich ja nun nicht "unendlich" ausdehnen kann, oder z.B. nur für bestimmte Orte gilt?).

»Liegt ein Relatives Risiko vor, das über dem Wert von 2,0 liegt, spricht deshalb mehr dafür als dagegen, dass ein ursächlicher Zusammenhang besteht, und je höher dieses Risiko ist, desto eher darf der Kausalzusammenhang als gesichert gelten. Ein Relatives Risiko von <2 hingegen enthält eine weitaus höhere Wahrscheinlichkeit, die gegen einen solchen Zusammenhang spricht.«

Überdies wird in einem aktuellen Grundlagenartikel (2) dezidiert auf möglicherweise vergleichbare, methodische Probleme der Umweltepidemiologie (z.B. EBD-Methode) hingewiesen:
========== !!! ==========
»Das Problem ist, dass ätiologische Todesfälle nicht statistisch identifiziert werden können: Der Zeitpunkt, zu dem ein exponiertes Individuum stirbt, ist jedoch kontrafaktisch und kann nicht beobachtet werden.«
»Wenn der Zusammenhang zwischen Exposition und Mortalität nicht kausal ist, werden tautologisch keine Todesfälle durch Exposition verursacht.«
»Wie vom Ausschuss für die medizinischen Auswirkungen von Luftschadstoffen (COMEAP, 2010) angegeben), [...] ist nicht plausibel, sich die Zahl der 'zurechenbaren' Todesfälle als Aufzählung einer tatsächlichen Gruppe von Individuen vorzustellen… die Gruppe ist in Wirklichkeit eine Fiktion [...]«
========== !!! ==========

Im Fall „relativer Risiken unter 2“ ist überdies gefordert: „A true relative risk of 2 or less may be tremendously important, but requires the more sensitive clinical trial (rather than observational epidemiological studies) for confirmation“ [Ein echtes relatives Risiko von 2 oder weniger ist möglicherweise von enormer Bedeutung, erfordert jedoch zur Bestätigung die empfindlichere klinische Prüfung (anstelle von epidemiologischen Beobachtungsstudien)] (3).

Die Flut an (angeblich) schädlichen Einflüssen von "Feinstaub" auf alle möglichen Zustände - wie hier im DÄB – lässt aufhorchen:

ENTWEDER haben wir hier alle einen "HEIMLICHEN KILLER" übersehen, der quasi die halbe Welt tötet. Auf einem Niveau an Luftverschmutzung (bei uns!), der in den letzten Jahrzehnten NOCH NIE SO GUT war wie heute.

ODER es stellt sich die Frage, warum früher, in der Dritten Welt oder an bestimmten Orten nicht viel mehr Fälle auf(ge)treten (sind):

Die eigentliche Sorge der WHO gilt offenkundig jenen »drei Milliarden Menschen in Entwicklungsländern, die ihre Mahlzeiten mangels Strom und Gas mit Feuerholz zubereiten, [und für die] durchschnittliche Feinstaubbelastungen von etwa 900 Mikrogramm pro Kubikmeter tagtäglich Realität« sind (4).

Könnte es nicht etwa sein, dass im Einzelfall z.B. "Rosinenpickerei" betrieben wird? NACHTRÄGLICH ist ja nun definitiv nicht auszuschließen, dass bspw. lediglich eine passende Auswahl getroffen wurde. Sind die Thesen überhaupt FALSIFIZIERBAR (=> Karl R. Popper, "schwarze Schwäne")?

Wo also sind BELASTBARE DATEN, die – hier wie anders – einen ECHTEN RÜCKGANG belegen? Cochrane konnte jedenfalls keine finden (5).

Oder erzählt man uns – Gott verhüte! – hier etwa immer wieder das gleiche "Märchen" ("weiße Schwäne" – oder etwa doch nur "rosa gestreifte Einhörner"?), nur in diversen Varianten?

BELEGE, BITTE!

_____________
Der Unterzeichner stellt ausdrücklich klar, dass a) kein Interessenkonflikt besteht, und b) auch für ihn der Schutz menschlichen Lebens unverhandelbar ist.

MfkG Dr. A. Schnitzler, FAfIM, Lüneburg

Referenzen
(1) https://www.novo-argumente.com/artikel/zwischen_wissenschaft_und_selbstbetrug
(2) Hammitt JK, Morfeld P, Tuomisto JT, Erren TC. Premature Deaths, Statistical Lives, and Years of Life Lost: Identification, Quantification, and Valuation of Mortality Risks. Risk Anal. 2019 Dec 10. doi: 10.1111/risa.13427. [Epub ahead of print] URL: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/risa.13427
(3) Greenwald P, DeWys W, Black G. et al. Vitamin A and Cancer. Science 1984; 224: 338
(4) Peters J: Feinstaub durch Silvesterknaller - Schall und Rauch statt akute Gesundheitsgefahr. http://www.rwi-essen.de/unstatistik/63/
(5) Zylka-Menhorn V: Luftverschmutzung: Komplexität erlaubt keine allgemeingültigen Aussagen. Dtsch Arztebl International 2019. 116:A-1110. (https://www.aerzteblatt.de/int/article.asp?id=208112)
LNS
NEWSLETTER