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COVID-19: Weniger als die Hälfte der beatmeten Patienten hat überlebt

Mittwoch, 29. Juli 2020

/Nekrasov, stock.adobe.com

Köln – Auch eine optimale Behandlung mit künstlicher Beatmung kann das Leben von Risikopatienten mit COVID-19 häufig nicht retten. In Deutschland sind laut einer Kohor­tenstudie in Lancet Respiratory Medicine (2020; DOI: 10.1016/S2213-2600(20)30316-7O) ein Fünftel der stationär behandelten Patienten gestorben. Von den Patienten, die künst­lich beatmet werden mussten, überlebte weniger als die Hälfte.

Die Kliniken in Deutschland waren anders als in Italien und anderen südeuropäischen Län­dern gut auf COVID-19 vorbereitet. Die Zahl der Intensivbetten pro Einwohner ist deut­lich höher und auch auf dem Gipfel der (ersten Welle der) Epidemie gab es kaum Eng­pässe. Dennoch konnten viele Patienten nicht gerettet werden, wie die jetzt von Christian Karagiannidis, dem Leiter des ECMO-Zentrums an der Lungenklinik Köln-Mer­heim, und Mitarbeitern vorgestellten Zahlen zeigen.

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Zwischen dem 26. Februar bis zum 19. April 2020 waren demnach 10.021 AOK-Versicher­te mit COVID-19 an 920 Krankenhäusern behandelt worden. Über die AOK ist ein Drittel der Bevölkerung krankenversichert. Die Stichprobe gilt als repräsentativ. Das mediane Alter betrug 72 Jahre und war damit höher als in anderen publizierten Kohorten. In New York lag das Durchschnittsalter bei 63 Jahren, in einer frühen chinesischen Kohorte sogar nur bei 47 Jahren.

Trotz des höheren Alters war die Mortalität in Deutschland ähnlich hoch wie in New York. Dort starben nach einer kürzlich publizierten Studie 21 Prozent der Patienten (JAMA 2020; 323: 2052-2059). In Deutschland waren es nach den jetzt vorgestellten Daten 22 Prozent (2.229 von 10.021 Patienten). In der chinesischen Kohorte waren es nur 1,4 Pro­zent, was den deutlichen Einfluss des Alters auf das Sterberisiko bei COVID-19 verdeut­licht.

Auch in der deutschen Kohorte stieg die Mortalität mit dem Alter: Von den unter 60-Jäh­ri­gen starben 5 Prozent der COVID-19-Patienten. Bei den 60- bis 69-Jährigen waren es 15 Prozent, bei den 70- bis 79-Jährigen 27 Prozent und bei den über 80-Jährigen 38 Prozent. In der Gesamtgruppe betrug die Sterblichkeit 22 Prozent: Bei Männern lag sie mit 25 Pro­zent um 6 Prozentpunkte höher als bei Frauen (19 Prozent).

Beatmung heißt schlechtere Prognose

Die Notwendigkeit einer Beatmung verschlechterte die Prognose erheblich. Schon bei den unter 60-Jährigen starben 28 Prozent der beatmeten Patienten, bei den 60- bis 69-Jährigen waren es 46 Prozent, bei den 70- bis 79-Jährigen 63 Prozent und bei den über 80-Jährigen 72 Prozent.

Über alle Altersgruppen hinweg betrug die Sterblichkeit der beatmeten Patienten 53 Prozent. Wenn die Patienten wegen eines Nierenversagens dialysiert werden mussten, stieg die Mortalität auf 73 Prozent. Frauen und Männer wiesen im Falle der Beatmung eine ähnliche Sterblichkeit auf.

Bei den Patienten ohne Beatmung war die Sterblichkeit zwar deutlich geringer, erreichte aber immerhin 16 Prozent: In der Altersgruppe unter 60 Jahren starb 1 Prozent, von den 60- bis 69-Jährigen 5 Prozent, bei den 70- bis 79-Jährigen 15 Prozent und bei den über 80-Jährigen 34 Prozent.

Der Anteil der beatmeten Patienten stieg mit dem Alter an: Von den 18- bis 59-Jährigen wurden 15 Prozent beatmet. Im Alter von 60 bis 69 Jahren waren es 24 Prozent und im Alter von 70 bis 79 Jahren 25 Prozent. Von den über 80-jährigen Patienten wurden übrigens nur 12 Prozent beatmet.

Der Grund ist nicht klar. Einen Mangel an Beatmungsplätzen hat es laut Karagiannidis jedoch zu keinem Zeitpunkt gegeben. Dies war in Italien, Frankreich und Großbritannien anders. Dort wurden die Intensivbetten auf dem Höhepunkt der Epidemie knapp, und viele ältere Menschen wurden nicht auf der Intensivstation behandelt.

In England, Wales und Nordirland waren nur 20,3 Prozent der Intensivpatienten über 70 Jahre alt gegenüber 54 Prozent in Deutschland. Der Anteil der über 80-Jährigen betrug in England, Wales und Nordirland nur 2,6 Prozent gegenüber 23 Prozent in Deutschland.

Die häufigsten Begleiterkrankungen in der Gesamtgruppe waren Bluthochdruck (56 Pro­zent), Diabetes (28 Prozent), Herzrhythmusstörungen (27 Prozent), Niereninsuffizienz (23 Prozent), Herzinsuffizienz (20 Prozent) und eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD 14 Prozent). Insgesamt 6 Prozent der Patienten waren fettleibig.

Die beatmeten Patienten wiesen häufiger Begleiterkrankungen auf. Der Anteil mit Herz­rhythmusstörungen lag bei 43 Prozent gegenüber 24 Prozent bei den nicht beatmeten Patienten. Eine Diabetes-Erkrankung lag bei 26 Prozent der Patienten ohne Beatmung und bei 39 Prozent der Patienten mit Beatmung vor.

Der Anteil der beatmeten Patienten war bei den Männern mit 22 Prozent fast doppelt so hoch wie bei den Frauen mit 12 Prozent. Einen günstigen Charlson-Komorbiditätsindex von 0 hatten nur 22 Prozent der beatmeten Patienten gegenüber 39 Prozent der nicht beatmeten Patienten.

Die durchschnittliche Dauer des Kranken­haus­auf­enthaltes der COVID-19-Patienten betrug 14 Tage. Bei den nicht beatmeten Patienten war sie mit 12 Tagen deutlich kürzer als bei den Beatmungspatienten mit 25 Tagen. Die Dauer der mechanischen Beatmung lag im Durchschnitt bei 14 Tagen: 23 Prozent der betroffenen Patienten mussten länger als 21 Tage beatmet werden.

Diese Zahlen liefern laut Mitautor Reinhard Busse, TU Berlin, wichtige Hinweise für die befürchtete zweite Welle. So würden pro 100 stationären Patienten durchschnittlich 240 Beatmungstage anfallen. Die meisten Kliniken wären demnach gut auf einen erneuten Anstieg der Erkrankung vorbereitet. Ein erneuter Anstieg der Todesfälle könnte aber nicht verhindert werden. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #731133
PointVital
am Samstag, 1. August 2020, 08:59

Weil sie falsch behandelt wurden!

Wenn man wie in Hamburg und Zürich die ersten gestorbenen etgegen der RK-Vorgenben optuziert hätte, könnten die meisten noch leben!
Avatar #663343
wolwo
am Donnerstag, 30. Juli 2020, 10:31

Viel Arbeit aber "halber Kram"

Wenn sich die Autoren schon so viel Arbeit machen und über 10 000 Krankenakten auswerten, dann sollte dabei ein wesentlicher Faktor, der bisher kaum unabhängig untersucht oder berücksichtigt wurde nicht fehlen. Es ist die Medikation. Die Grunderkrankungen sind wesentlich und wurden vermutlich -wie sonst auch- behandelt. Aber schon bei den häufigen Herzrhythmusstörungen tut sich die Frage nach dem Hydroxychloroquin auf. Auch sonst wurden in vielen Ländern antivirale oder immunmodulierende Medikamente im Rahmen eines "emergency use" bzw. offl lable verwendet.
Wie war das in Deutschland? Wie war die Sektionsrate bei den gezählten Toten? Wird es weitere Studien geben, die solche wichtigen Fragen beleuchten? Es fehlt ausserdem ein entsprechender Vergleich mit Vorjahrsdaten z. B. aus der SARE Statistik oder auch aus den Daten der AOK.
Wie sehen vergleichbare Zahlen für Influenza aus? Wurde überhaupt noch nachgeschaut, ob gleichzeitig, trotz positiver SARS-CoV-2 Tests auch andere Viren Schaden anrichteten. Influenza scheint 2020 kaum noch diagnostiziert zu werden, obwohl die AG Influenza über 18000 Influenza Nachweise in den Sentinelpraxen registriert hat und nur wenige SARS-CoV-2 fand. Es sieht so aus, als wenn die reichlich fließenden Covid-19 Forschungsgelder zu einem attention-bias verleiten.
Wolfgang Wodarg
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Mittwoch, 29. Juli 2020, 13:41

Laut Wikipedia

soll die Ascorbinsäure durch denselben Mechanismus in die Zellen gelangen wie Zucker. Indem bei der Insulinresistenz die Zuckeraufnahme in die Zellen nicht so funktioniert wie sie sollte, ist davon auszugehen, dass dies auch für die Aufnahme der Ascorbinsäure zutrifft.
Hinsichtlich Diabetes begegnet man immer wieder der Vermutung, dass die Insulinresistenz etwas mit übertriebenen Eiweißkonsum (der Diabetes-Diät) zu tun habe: https://kurier.at/wissen/neue-studie-rotes-fleisch-als-ausloeser-fuer-diabetes-typ-ii/134.135.339
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Mittwoch, 29. Juli 2020, 13:30

Damit es nicht so weit kommt,

dass der Patient eine Beatmung braucht, sollte er bereits zu einem Zeitpunkt vorsorgen, wo er noch gar kein Patient ist. So wurde durch eine Studie bekannt, dass Personen mit milden COVID-19-Verläufen einen höheren Vitamin-D-Blutwert hatten als jene, bei welchen COVID-19 schwer bis kritisch verlaufen ist. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass Vitamin D nun das Corona-Medikament schlechthin ist. Es müssen hierbei mehrere Mikronährstoffe im Optimum vorhanden sein. Bei Vitamin C ist das insofern schwierig, als sich bei Krankheit der Vitamin-C-Bedarf bei Krankheit vervielfacht. Diesem Umstand wird bei stationär aufgenommenen Patienten neuerdings durch Vitamin-C-Infusionen in hoher Dosis Rechnung getragen.
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