szmtag Über den Zusammenhang von allgemeiner und sexueller Gesundheit
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Auf den folgenden Seiten veröffentlicht das Deutsche Ärzteblatt zwei Studien zu Fragen der sexuellen Gesundheit und ihrem Zusammenhang mit sexueller Aktivität und Zufriedenheit. Sie beleuchten das Thema der sexuellen Funktionsstörungen für Deutschland aus unterschiedlichen Perspektiven an einer gemeinsamen Studienpopulation (1, 2).

Sexuelle Dysfunktion als Vorbote

Seit dem „Bericht zur gesundheitlichen Lage von Männern in Deutschland“ verdichtet sich das Wissen, dass sexuelle Funktionsstörungen, insbesondere die erektile Dysfunktion des Mannes, Vorboten für nachfolgende ischämische Herzerkrankungen darstellen und deshalb abgeklärt werden sollen (3). Sexuelle Dysfunktionen können mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und neurologischen Störungen einhergehen (4). Nur jeder fünfte Mann sucht ärztliche Hilfe auf (5). Im Umkehrschluss können körperliche und psychische Krankheiten zum Teil erheblich die sexuelle Aktivität und Zufriedenheit beeinflussen, und eine als befriedigend erlebte Sexualität nimmt einen wesentlichen positiven Einfluss auf die Lebensqualität (6).

Sensibilisierung der Ärzteschaft

Die aktuelle GeSiD-Studie („Gesundheit und Sexualität in Deutschland“) hat das Ziel, repräsentative Daten der Bevölkerung für die Zusammenhänge zwischen Sexualität und Gesundheit für Männer und Frauen zu erfassen und gleichzeitig eine Sensibilisierung der Ärzteschaft für diese relevante Thematik zu erreichen (1). Aus diesem Grund wurde diese Studie – gefördert durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) – initiiert, denn in der täglichen ärztlichen Praxis haben sexuelle Funktionsstörungen nur einen untergeordneten Stellenwert – und zwar in allen Altersgruppen.

Den beiden Artikeln im Ärzteblatt liegt eine Studie zugrunde, bei der deutschlandweit 4 955 Frauen und Männer mittels Zufallsstichprobe hinsichtlich sexueller Aktivität, Zufriedenheit, zum allgemeinen Gesundheitszustand, zu chronischen Krankheiten und Behinderungen sowie Multimorbidität befragt wurden.

Die GeSiD-Studie fokussiert auf den Zusammenhang zwischen körperlicher und psychischer Gesundheit sowie sexueller Aktivität und Zufriedenheit bei einer deutschsprachigen Wohnbevölkerung im Alter von 18–75 Jahren. Es zeigt sich, dass sich mit zunehmendem Alter der Gesundheitszustand verschlechtert und sexuelle Funktionsstörungen zunehmen. Die Altersgruppen der sexuell aktivsten Männer und Frauen lagen zwischen 35–46 beziehungsweise 25–36 Jahren, wobei die aktuelle Aktivität wesentlich mit der Beziehungsdauer und dem Gesundheitszustand zusammenhängt, aber auch damit, ob sich die Befragten in einer festen Beziehung befinden oder nicht.

Neue Klassifikation

Die Arbeit von Briken et al. (2) ist als Teilstudie der übergeordneten GeSiD-Studie vor dem Hintergrund der neuen, im Jahr 2022 in Kraft tretenden 11. International Classification of Diseases (ICD-11) entstanden. In dieser überarbeiteten Klassifikation wird die Trennung in organische und nichtorganische sexuelle Funktionsstörungen aufgegeben und im Kapitel über „Zustände im Zusammenhang mit sexueller Gesundheit“ (im Englischen „conditions related to sexual health“) zusammengefasst und in vier Hauptgruppen unterteilt. Aus einem sexuellen Problem wird erst durch zusätzliche Qualifikationsmerkmale wie Dauer, Symptomschwere und Leiden als Morbiditätskriterien eine sexuelle Dysfunktion. Aktuelle Prävalenzschätzungen hierzu lagen bislang für die Allgemeinbevölkerung in Deutschland nicht vor. Die Studie schließt diese Wissenslücke mit einer Prävalenzschätzung für Deutschland nach den neuen ICD-11-Kriterien für die sexuellen Funktionsstörungen unter Berücksichtigung der Morbiditätskriterien und des Alters.

Die Ergebnisse der Studien zeigen, dass es sowohl zu einer Verringerung der sexuellen Aktivität als auch der sexuellen Zufriedenheit kommt, wenn die Probanden (männlich und weiblich) ihren Gesundheitszustand als mittelmäßig oder schlecht einschätzten oder sexuell einschränkende chronische Erkrankungen oder Behinderungen hatten. Interessanterweise gibt es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Alter der Probanden und ihrer sexuellen Zufriedenheit, jedoch spielen Beziehungsdauer und Beziehungsstatus eine entscheidende Rolle.

Fragen zur sexuellen Gesundheit in die Anamnese integrieren

Mit diesen beiden Studien konnte an einer deutschen Bevölkerungsstichprobe nachgewiesen werden, dass Erkrankungen mit einer Beeinträchtigung des Sexuallebens einhergehen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Fragen zur sexuellen Gesundheit in die Anamnese von Patienten zu integrieren, und zwar nicht erst, wenn manifeste sexuell übertragbare Infektionen (STI) oder sexuelle Funktionsstörungen vorliegen. Hier gilt es, dieses Themengebiet von seinem Tabu zu befreien und Ärzte bereits in der Aus- und Weiterbildung für das Thema zu sensibilisieren und entsprechende Kompetenz in der Ansprache dieser sehr persönlichen Lebensbereiche zu vermitteln, um die Hemmschwelle bei Ärzten und Patienten zu mindern.

Übereinstimmung mit internationalen Studien

Diese Daten besitzen im Hinblick auf Früherkennung und Prävention hohe Relevanz und sind nicht auf sexuelle Funktionsstörungen begrenzt. Epidemiologische Studien in den skandinavischen Ländern konnten kürzlich zeigen, dass eine schwere männliche Infertilität, die zumeist in der mittleren Lebensphase diagnostiziert und therapiert wird, eine starke Assoziation mit schwerwiegenden Erkrankungen (Krebserkrankungen, kardiovaskuläre Erkrankungen, neurologische Erkrankungen) im späteren Leben aufweist (7, 8). Auch die Unfruchtbarkeit unterliegt heute noch einem Tabu und reiht sich nahtlos in die Gesamtheit der Themen um die reproduktive Gesundheit und ihre Bedeutung für die Gesamtgesundheit ein.

Interessenkonflikt
Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Sabine Kliesch
Abteilung für Klinische und Operative Andrologie
Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA)
WHO Kooperationszentrum, EAA Ausbildungszentrum,
Universitätsklinikum Münster, Albert-Schweitzer-Campus 1, D11
48149 Münster
andrologie@ukmuenster.de

Zitierweise
Kliesch S: The connection between general and sexual health—the publication of the GeSiD study. Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 643–4. DOI: 10.3238/arztebl.2020.0643

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
Dekker A, Matthiesen S, Cerwenka S, Otten M, Briken P: Health, sexual activity, and sexual satisfaction—selected results from the German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 645–52. VOLLTEXT
2.
Briken P, Matthiesen S, Pietras L, Wiessner C, Klein V, Reed GM, Dekker A: Estimating the prevalence of sexual dysfunction using the new ICD-11 guidelines—results of the first representative, population-based German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 653–8 VOLLTEXT
3.
Robert Koch-Institut: Gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland 2014. www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/maennergesundheit.pdf?__blob=publicationFile (last accessed on 10 September 2020).
4.
Chew KK, Bremner A, Jamrozik K et al.: Male erectile dysfunction and cardiovascular disease: Is there an intimate nexus? J Sex Med 2008; 5: 928–34 CrossRef MEDLINE
5.
Braun M, Wassmer G, Klotz T et al.: Epidemiology of erectile dysfunction: results of the „Cologne Male Survey“’. Int J Impot Res 2000; 12: 305–11 CrossRef MEDLINE
6.
Schäfer GA, Englert HS, Ahlers CJ, et al.: Erektionsstörung und Lebensqualität – Erste Ergebnisse der Berliner Männer-Studie. Sexuologie 2004; 10: 50–60.
7.
Glazer CH, Søgaard Tøttenborg S, Giwercman A, et al.: Male factor infertility and risk of multiple sclerosis: A register-based cohort study. Mult Scler 2018; 14: 1835–42 CrossRef MEDLINE
8.
Latif T, Jensen TK, Mehlsen J, et al.: Semen quality as a predictor of subsequent morbidity: A danish cohort study of 4,712 men with long-term follow-up. Am J Epidemiol 2017; 186: 910–17 CrossRef MEDLINE
Abteilung für Klinische und Operative Andrologie, Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA), WHO Kooperationszentrum, EAA Ausbildungszentrum, Universitätsklinikum Münster: Prof. Dr. med. Sabine Kliesch
1.Dekker A, Matthiesen S, Cerwenka S, Otten M, Briken P: Health, sexual activity, and sexual satisfaction—selected results from the German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 645–52. VOLLTEXT
2.Briken P, Matthiesen S, Pietras L, Wiessner C, Klein V, Reed GM, Dekker A: Estimating the prevalence of sexual dysfunction using the new ICD-11 guidelines—results of the first representative, population-based German Health and Sexuality Survey (GeSiD). Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 653–8 VOLLTEXT
3.Robert Koch-Institut: Gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland 2014. www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsB/maennergesundheit.pdf?__blob=publicationFile (last accessed on 10 September 2020).
4.Chew KK, Bremner A, Jamrozik K et al.: Male erectile dysfunction and cardiovascular disease: Is there an intimate nexus? J Sex Med 2008; 5: 928–34 CrossRef MEDLINE
5.Braun M, Wassmer G, Klotz T et al.: Epidemiology of erectile dysfunction: results of the „Cologne Male Survey“’. Int J Impot Res 2000; 12: 305–11 CrossRef MEDLINE
6.Schäfer GA, Englert HS, Ahlers CJ, et al.: Erektionsstörung und Lebensqualität – Erste Ergebnisse der Berliner Männer-Studie. Sexuologie 2004; 10: 50–60.
7.Glazer CH, Søgaard Tøttenborg S, Giwercman A, et al.: Male factor infertility and risk of multiple sclerosis: A register-based cohort study. Mult Scler 2018; 14: 1835–42 CrossRef MEDLINE
8.Latif T, Jensen TK, Mehlsen J, et al.: Semen quality as a predictor of subsequent morbidity: A danish cohort study of 4,712 men with long-term follow-up. Am J Epidemiol 2017; 186: 910–17 CrossRef MEDLINE

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