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Medizin

Harninkontinenz und Gebärmuttervorfall: Netzimplantate für Frauen in der Kritik

Mittwoch, 30. Oktober 2019

/dpa

Berlin – Immer öfter werden dem Nutzen künstlicher Netze zur Therapie eines schwachen Beckenbodens bei Frauen die möglichen schwerwiegenden Schäden entgegengehalten. In besonders tragischen Fällen von Erosionen bohren sich die Kunststoffnetze durch die Vaginalwand hindurch und können zu Infektionen und Blutungen führen.

Seit die US-Aufsichtsbehörde FDA im Frühjahr 2019 den Verkauf von Netzen gestoppt hat, die transvaginal gegen einen Beckenbodenprolaps eingesetzt werden, wird in vielen Ländern über ähnliche Maßnahmen nachgedacht. Zahlreiche Medien berichten über zum Teil schwerwiegende Schäden.

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In einem aktuellen Beitrag beleuchtet das Deutsche Ärzteblatt die Situation hierzulande und erläutert, warum in Deutschland dringend ein aussagekräftiges Register für jene synthetischen Netze und Bänder benötigt würde, die Frauen mit einem geschwächten Beckenboden zur Therapie der Harninkontinenz oder eines Organvorfalls eingesetzt werden. Nur so lässt sich quantitativ erfassen wie hoch die Erfolge sind, wann diese Therapien versagen und mit welchen Langzeitkomplikationen die Frauen rechnen müssen.

Weltweit ist es in Ländern wie England und den USA zu einem vollständigen oder teilweisen Bann dieser Netze gekommen. Andere Staaten, darunter Indien, sind offenbar kurz davor. In Deutschland hatten viele Ärzte schon seit den ersten Warnungen vor rund 10 Jahren zurückgerudert und weniger Netze eingesetzt.

Die hiesige AWMF-Leitlinie zur Deszensustherapie von 2015 enthält außerdem die Empfehlung, Netze nicht routinemäßig, sondern nur bei Rezidiven nach vorherigen Deszensusoperationen zu verwenden. Oder vielleicht noch dann, wenn von vornherein absehbar ist, dass mit anderen Verfahren höchstwahrscheinlich Rezidive zu erwarten sind. Die Patientinnen seien eingehend aufzuklären, so wird es zudem in den einschlägigen Publikationen stets wiederholt.

Viele Kliniken wollen sich eher nicht an einem Register beteiligen

Aber es gibt wenig Evidenz, nicht zuletzt deswegen, weil sich die Netze in den letzten Jahrzehnten rasant gewandelt haben und Aussagen über alte Netzvarianten nicht auf neue übertragen werden können. Auch das spricht dafür, ein Register zu implementieren. Dies ist jedoch nicht so einfach möglich, wie auf dem 9. Kongress Forum Operative Gynäkologie (FOG) in Berlin deutlich wurde. Viele Kliniken wollen eher nicht mitarbeiten. Dabei sind nicht wenige betroffen, wie die in Berlin vorgestellten Zahlen erkennen lassen: 2017 und 2018 wurden rund 23.000 Netzimplantate und 9.000 Bänder in Deutschland gelegt.

Auf diesem Kongress wurde auch deutlich, dass es alternative Verfahren und Maßnahmen gibt, die angesichts des Netzbooms nur noch wenig praktiziert wurden und deshalb längst nicht mehr von allen beherrscht werden. Außerdem suchen die Urogynäkologen nach körpereigenen Materialien, die die Haltefunktion der künstlichen Netze übernehmen könnten. Wie eine Live-Operation in Berlin vorführte, könnte sich hierfür die Oberschenkelsehne des M. semitendinosus eignen, die die Orthopäden schon lange als bewährtes Ersatzmaterial verwenden.

Immer mehr jüngere Frauen entscheiden sich für Pessare

Es sei wenig bekannt, dass Pessare mitunter eine Operation ersparen oder doch zumindest hinauszögern könnten, erläuterten Experten in Berlin. Die Pessartherapie gibt es nicht nur seit der Antike, sie erlebt sogar derzeit eine Renaissance. Pessare gibt es in allen möglichen Formen und Größen, als Ring oder Würfel zum Beispiel. Sie werden in die Scheide eingesetzt und stützen so den Beckenboden.

Galt die Pessartherapie lange als Ultima Ratio für ältere Patientinnen, denen man keine Operation mehr zumuten wollte oder konnte, so greifen inzwischen immer jüngere Frauen dazu und tauschen sich in Internetforen über den richtigen Gebrauch intensiv aus. Denn viele Frauen leiden entweder unmittelbar nach natürlichen Geburten oder Jahre später, wenn das alternde Gewebe die Schäden nicht mehr kompensieren kann, an Inkontinenz oder Organvorfällen.

Hierbei sinkt entweder die Gebärmutter durch die Scheide nach außen (Uterusprolaps), oder Darm (Rectozele) und Harnblase (Zystozele) drücken gegen die Scheidenwände. Oft sind die Frauen aber zu jung, als dass man schon eine Netzoperation erwägen könnte, weil es noch nicht genügend Langzeitbeobachtungen gibt. Vermutlich hilft ein Pessar auch vorrüber­gehend nach Geburten, den Beckenboden zu entlasten, damit das Gewebe sich wieder von der Dehnung und den Verletzungen erholen kann. © mls/aerzteblatt.de

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