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Medizin

London: Zentrum für Transgender-Therapie von Kindern und Jugendlichen muss schließen

Freitag, 5. August 2022

/Cagkan, stock.adobe.com

London – Die einzige Genderklinik in ganz England, die Transformations-Therapien für Kinder mit einer Genderdysphorie anbietet, wird 2023 geschlossen. Dies geschieht aufgrund eines kritischen Reports von Hillary Cass, der früheren Präsidentin des Royal College of Paediatricians and Child Care über die Vorgehensweisen in der Klinik. Stattdessen sollen regionale Klinikzentren entstehen, die sich um die Belange von Kindern und Jugendlichen kümmern, die zwar biologisch als Mädchen oder Junge geboren worden sind, sich jedoch in ihren Körpern nicht wohl fühlen, sondern sich als einem anderen Geschlecht zugehörig empfinden.

Der englische nationale Gesundheitsdienst NHS hatte im Januar 2020 eine Arbeitsgruppe unter Hilary Cass in Leben gerufen, unter anderem um die wissenschaftliche Evidenz zur Behandlung mit Medikamenten zu prüfen, die den Eintritt der geschlechtlichen Entwicklung aufhalten (Pubertätsblocker) beziehungsweise die als Sexualhormone die Ausbildung von den gewünschten Geschlechtsmerkmalen fördern und stabilisieren.

Pubertätsblocker hatte man in der Tavistock Klinik – sie heißt offiziell gender identity development service (GIDS) am Tavistock and Portman NHS-Trust in London – seit dem Jahr 2011 nicht erst 16 Jahre alten Kindern, sondern bereits jüngeren verabreicht. Manche Patientinnen und Patienten erhielten sie sogar schon im Alter von 10 Jahren, heißt es in dem Bericht. Einige Jahre später sei die Verschreibung für Kinder unter 16 schließlich zur Routine geworden, so das British Medical Journal in einem Überblick über die Entwicklung am GIDS.

Der Cass-Bericht bemängelt den allzu „affirmativen“ Ansatz im GIDS, beeinflusst von den Erwartungen der Kinder und Eltern, man vermisse formal klare diagnostische und psychologische Formulierungen. Die Dokumentation der Krankenakten lasse zu wünschen übrig, insgesamt wurden dem GIDS „inadaequate“ Leistungen bescheinigt.

Einige Mitarbeiter des GIDS selbst hatten dies bereits seit längerem als zu undifferenziert gegeißelt. Sie warfen der Klinik vor, dort sei man nur allzu rasch damit bei der Hand, Kindern Medikamente und Maßnahmen zu verschreiben, die das Leben eines Menschen völlig verändern könnten, wohingegen andere Aspekte, die den Jugendlichen Stress bereiten können, außen vor geblieben seien. Gemeint ist damit beispielsweise eine mangelhafte differenzialdiagnostische Abklärung, etwa auf Autismus-Spektrum Erkrankungen. Nachdem zudem Zweifel aufgekommen sind, wie fundiert die Einwilligung der Kinder in solche Therapien überhaupt habe sein können, werden nun die Fälle nachverfolgt, die vom GIDS zu Endokrinologen überwiesen worden waren. Zu der Skepsis über das womöglich medizin-methodisch unsaubere Vorgehen der Klinik trug im Jahr 2020 eine Fernsehsendung der BBC bei, in welcher Mitarbeiter der Klinik ihre Bedenken öffentlich machten.

Nicht zuletzt hatten voneinander abweichende höchstrichterliche Entscheidungen für Konfusion gesorgt. So hatte der britische High Court 2021 festgehalten, dass mit Zustimmung der Eltern Kinder unter 16 Jahren Pubertätsblocker verabreicht werden dürfen. Aber im Jahr zuvor war in einem anderen Fall entschieden worden, dass hierfür eigentlich ein Gericht hinzugezogen werden müsse.

Über Risiken und Langzeitfolgen zu wenig bekannt

Der Cass-Report hält außerdem fest, dass über die Langzeitfolgen solcher Interventionen noch zu wenig Wissen vorhanden sei. Zwar sollte nicht zuletzt auch am Tavistock Center die Gabe von Pubertätsblockern im Rahmen von wissenschaftlichen Studien begleitend untersucht werden. Deren Dokumentation und Design – fehlende Kontrollgruppen zum Beispiel – ließen aber offenbar ebenfalls zu wünschen übrig, hieß es bereits in einem früheren Bericht des BMJ.

So habe es in einem Informationsblatt werbend geheißen: „Hormonblocker nehmen dir die Sorgen darüber, in einem falschen Körper aufzuwachsen und verschaffen Dir mehr Raum und Zeit, über deine Geschlechtsidentität nachzudenken“. Nicht zuletzt gab es Warnhinweise über mögliche Risiken. Man hatte beispielsweise einen signifikanten Anstieg der Zahl von Behandelten beobachtet, die der Aussage zustimmten: „Ich unternehme absichtlich Versuche, mich zu verletzen oder zu töten“. Konsequenzen hatte das nicht. Denn wie solche Aussagen tatsächlich zu bewerten seien, ließe sich kaum sagen, eben wegen der schlechten Konzeption der Untersuchungen.

Eine jüngste Studie, die in JAMA Network open (DOI: 10.1001/jamanetworkopen.2022.0978) in diesem Frühjahr publiziert worden ist, kommt zu dem Ergebnis, dass die Gabe von Pubertäts-Blockern und Hormonen zur Stabilisierung des gewählten Geschlechtes zwar das Suizid- und Depressionsrisiko eher senkt, nicht jedoch die Ängstlichkeit.

Ein weiteres Risiko bei der Langzeiteinnahme von Pubertätsblockern betrifft die Knochenmineralisierung. Die Knochendichte der Transgender-Jugendlichen erreicht offenbar nicht den Knochendichte-Durchschnitt desjenigen Geschlechtes, mit dem sie ursprünglich geboren worden sind. Ein Review aus dem letzten Jahr bestätigt das Dilemma, da die allermeisten Studien, die die Behandlung von Pubertätsblockern bei Geschlechtsdysphorie betreffen, eine schlechte Qualität aufweisen: von 211 gefundenen Artikeln konnte man nur neun auswerten. Die daraus gefilterte Evidenz identifizierte als positive Ergebnisse eine geringere Selbstmordgefährdung im Erwachsenenalter sowie eine Verbesserung der Affekte, des Soziallebens und der psychologischen Funktionalität.

Negativ schlug jedoch die Veränderung der körperlichen Komposition zu Buche, ein gebremstes Höhenwachstum, überhaupt eine verminderte Wachstumsgeschwindigkeit, ein geringerer Knochenumsatz, die Kosten der Medikamente und die Tatsache, dass diese nicht von Krankenkassen oder Gesundheitsdiensten bezahlt werden.

Seit Bekanntwerden der geplanten Schließung der Tavistock-Klinik melden sich zahlreiche besorgte Menschen und Institutionen in den Medien in England, die um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit einer Genderdysphorie bangen. Denn deren Zahl hat dramatisch zugenommen. Suchten nämlich im Jahr 2011 noch rund 250 Mädchen und Jungen die Klinik aufgrund von Problemen mit ihrer Geschlechtsidentität auf, so sind es inzwischen 5.000 pro Jahr. © mls/aerzteblatt.de

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