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Medizin

Harnin­kontinenzrisiko nach Transgen­deroperation von Mann zu Frau kaum erhöht

Freitag, 2. Juli 2021

/Cagkan, stock.adobe.com

Berlin – Wer sich wegen einer Geschlechtsdysphorie einer angleichenden Operation von Mann zu Frau unterzieht, muss nicht zwingend mit dauerhafter Beckenbodenschwäche und urologischen Symptomen wie Harninkontinenz und Nykturie rechnen. Dies zeigt eine aktuelle Studie (Neurouroly Urodynamics, 2021; DOI: 10.1002/nau.24728) mit einer Fallserie aus Brasilien, an der 15 Transgenderfrauen im mittleren Alter von rund 30 Jahren teilnahmen, die sich zwischen 2016 bis 2018 hatten angleichen lassen.

Die Prävalenz von Personen, sie sich als Frau fühlen (Transfrauen), jedoch mit primären und sekundären männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren worden sind, wird in Deutschland auf etwa 5,48 je 100.000 in der männlichen Bevölkerung beziffert, wobei diese Angaben (Deutsches Ärzteblatt, 2019; DOI: 10.3238/arztebl.2019.0253) schon älter als 10 Jahre alt sind.

Die so genannte Inversionsvaginoplastik, das Umstülpen der Penisschafthaut, gilt als Goldstandard­verfahren, um den äußeren Aspekt und die Funktionalität von Vulva und Vagina einer Cis-Gender-Frau so weit wie möglich nachzuahmen, schreiben die Autoren um Andrea Lemos vom Laboratory of Women’s Health and Pelciv Floor an der Universität Pernambuco in Recife.

Zu diesem Zweck werden die Hoden (Orchidektomie) zusammen mit den Samensträngen entfernt. Die Harnröhre und das Gefäßnervenbündel müssen von den Schwellkörpern getrennt werden, die Harnröhre wird gekürzt und ein Neomeatur urethrae angelegt. Die Penisschafthaut wird in den neu präparierten Raum zwischen Rektum und Urethra/Harnblase für eine Neovagina umgestülpt, am distalen Ende ver­schlos­sen und (mit Gewebekleber) fixiert. Aus der Glans penis erfolgt die Anlage einer Neoklitoris, aus der Skrotalhaut werden äußere und innere Schamlippen konstruiert.

Die Hauptkomplikationen sind Wundheilungsstörungen und der Verlust von Weite und Tiefe der Neo­vagina. Allerdings zählen auch urologische Symptome oder LUTS (lower urinary tract symptoms) dazu. Denn bei dem Eingriff werden nicht zuletzt die bindegewebigen und muskulären Haltestrukturen des Beckenbodens zwischen Skrotum und Anus reseziert. Dadurch kann zum einen der urethrale Sphinkter beeinträchtigt werden. Zum anderen könnten auch Verletzungen des N. pudendus zu den urologischen Funktionsstörungen beitragen.

Diese machen sich beispielsweise als Inkontinenz, in Form eines veränderten Harnstrahls, als Nykturie, Stenosen der Urethra, inkomplette Entleerung oder durch vermehrte Infektionsneigungen bemerkbar. Die Studie (PRS Global Open, 2016; DOI: 10.1097/GOX.0000000000000635) einer Turiner Arbeitsgruppe mit 30 Transgenderfrauen zeigte nach der Angleichung eine deutliche Zunahme von LUTS von 5 auf etwa 20 %.

ine weitere Arbeit (EJOG, 2007; DOI: 10.1016/j.ejogrb.2006.03.019) aus der Frauenklinik des Inselspitals Bern bestätigte die erhöhte Neigung zu Stressinkontinenz und überaktiver Blase nach solchen angleichenden Eingriffen.

Auch die brasilianische Arbeitsgruppe in Recife hat nun in ihrer aktuellen Studie nicht nur nach Schmer­zen und der sexuellen Zufriedenheit gefragt, sondern auch untersucht, inwiefern die im Rahmen der Operation nicht vermeidbare Beckenbodenverletzung mit Inkontinenz oder anderen LUTS als Nebenwir­kung einherging. Es zeigte sich sowohl im Rahmen der digitalen Untersuchung als auch in der Elektro­myografie, dass die Muskulatur zwar 15 Tage nach dem Eingriff deutlich geschwächt war.

Dies hatte sich jedoch bei einer weiteren Nachuntersuchung 30 Tage postoperativ wieder gebessert. 6 der 15 operierten Patienten litten zu diesem Zeitpunkt an milder bis moderater Urininkontinenz, 4 davon hatten diese Symptomatik jedoch bereits zuvor entwickelt. Eine bei 7 Patienten vorbestehende Nykturie hatte sich bei 5 von ihnen nach dem Eingriff sogar gebessert.

Worauf solche Verbesserungen und die Erholung der Beckenbodenmuskulatur letztlich zurückgeführt werden kann, ist nicht wirklich klar. Die Autoren vermuten, es könne zum Beispiel mit einer Reinne­rvation der Muskulatur durch Pudendusanteile zusammenhängen.

Anders als die älteren Berichte zeige die aktuelle Fallserie, dass nicht zwingend mit einer deutlichen Zunahme von LUTS gerechnet werden müsse. Einige der präoperativen Inkontinenzsymptome könnten sich sogar verbessern. Die sexuelle Zufriedenheit hatte sich 3 Monate nach der Operation nicht deutlich gesteigert, 4 der 15 Studienteilnehmer hatten zu diesem Zeitpunkt noch keinen Intimverkehr. 6 empfan­den 30 Tage nach der Operation immer noch moderate bis intensive Schmerzen.

Dies spiegelt auch eine systematische Literaturrecherche zur Lebenszufriedenheit von Transfrauen nach Mann-zu-Frau geschlechtsangleichender Operation wieder. Die Studien – geprägt von einem hohen Biasrisiko und zum Teil enorm hohen Drop-out-Raten von bis zu 77 % – lassen zwar darauf schließen, dass sich die Eingriffe positiv auf das psychische Wohlbefinden, die Sexualität und auf die Lebens­qualität insgesamt auswirken.

Allerdings gab es auch Verschlechterungen in punkto Schmerzen, Fitness oder Energie. Zudem könnten sich hinter den hohen Drop-out-Raten außer denjenigen Frauen, die die Erinnerung an die präoperative Phase scheuten, auch zahlreiche verbergen, die mit den Ergebnissen unzufriedene Patientinnen verber­gen. Prospektive Studien mit besserer Studienqualität seien daher nach wie vor wünschenswert. © mls/aerzteblatt.de

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