Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Zystennieren: Studie bestätigt Effektivität und Sicherheit von Tolvaptan

Montag, 6. November 2017

Polyzystische Niere (urographische Darstellung) /dpa

Rochester/Minnesota – Der Vasopressin-2-Antagonist Tolvaptan kann das Fortschreiten der chronischen Niereninsuffizienz bei Patienten mit autosomal-dominanter polyzysti­scher Nierenerkrankung (ADPKD) verlangsamen. Eine von der US-Arzneimittelagentur FDA eingeforderte Phase-3-Studie im New England Journal of Medicine (2017; doi: 10.1056/NEJMoa1710030) bestätigt aber auch, dass es häufig zu Leberschäden kommt, die allerdings nach Absetzen des Medikamentes reversibel waren.

Tolvaptan ist seit 2015 in Europa zur Behandlung der ADPKD zugelassen, die zu den häufigsten familiären Erkrankungen gehört. Der Vasopressin-2-Antagonist hatte in der „TEMPO 3:4“-Studie die Verschlechterung der Nierenfunktion verlangsamt. Die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) verminderte sich nur um 2,61 ml/min pro Jahr gegenüber einem Rückgang von 3,81 ml/min/1,73 m2 Körperoberfläche pro Jahr im Placeboarm. Dies könnte langfristig bedeuten, dass das terminale Nieren­versagen, das der Mehrheit der Patienten vor dem 60. Lebensjahr droht, hinausgezö­gert wird – auch wenn dieser Endpunkt in der „TEMPO 3:4“-Studie nicht untersucht wurde.

Tolvaptan ist jedoch nicht frei von Nebenwirkungen, die in einer massiven Poly- und Nykturie bestehen können (teilweise über 7 Liter am Tag). Schwerwiegender ist, dass es unter der Therapie mit Tolvaptan häufiger zu einem Anstieg der Leberenzyme kommt (4,9 versus 1,2 Prozent in der placebokontrollierten „TEMPO 3:4“-Studie). Dies hatte die FDA 2015 bewogen, den Zulassungsantrag vorerst abzulehnen. Der Hersteller erhielt jedoch eine zweite Chance, wenn er in einer Nachfolgestudie eine Strategie aufzeigt, wie die Verschlechterung der Nierenfunktion verlangsamt werden kann, ohne dass es zu tödlichen Komplikationen kommt.

Diese Strategie bestand in der REPRISE-Studie aus einer zweiwöchigen Titrations­phase, in der die Dosis langsam erhöht wurde und in einer anschließenden dreiwöchi­gen Probephase, in der die Verträglichkeit untersucht wurde. Nur Patienten, die diese Probephase überstanden hatten, wurden für die eigentliche Studie ausgewählt.

An der Studie nahmen 1.370 Patienten mit ADPKD teil. Einschlusskriterium war bei jüngeren Patienten im Alter von 18 bis 55 Jahren eine eGFR zwischen 25 und 65 ml/min. Bei den älteren Patienten (56 bis 65 Jahre) durfte die eGFR auf 25 bis 44 ml/min abgefallen sein. 

Die Teilnehmer wurden über 12 Monate mit einer für sie noch verträglichen Dosis von Tolvaptan oder mit Placebo behandelt. Primärer Endpunkt war die Entwicklung der eGFR.

Wie Vicente Torres von der Mayo Clinic in Rochester und Mitarbeiter jetzt auf der Kidney Week 2017 in San Diego berichteten, kam es in der Tolvaptan-Gruppe zu einer Verschlechterung der eGFR um 2,34 ml/min gegenüber einer Verschlechterung um 3,61 ml/min in der Placebo-Gruppe. Der Unterschied von 1,27 ml/min war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,86 bis 1,68 ml/min signifikant. 

Sollte sich die Entwicklung der eGFR in den nächsten Jahren unvermindert fortsetzen, dann könnte Tolvaptan nach den Berechnungen von Torres das Eintreten der Phase 5 des chronischen Nierenversagens um 6,2 bis 9,0 Jahre verzögern. Dies setze allerdings voraus, dass die Patienten die Therapie auch fortsetzen. Dies dürfte nicht immer gelingen, denn die störenden Poly- und Nykturien sowie ihre Folgen wie übermäßiger Durst, Durchfall und Abgeschlagenheit führten dazu, dass 38 von 681 Patienten (5,6 Prozent) in der Tolvaptan-Gruppe die Studie im ersten Jahr abbrachen gegenüber 8 von 685 (1,2 Prozent) in der Placebogruppe.

Hinzu kamen noch einmal 65 von 681 Patienten (9,5 Prozent versus 1,2 Prozent in der Placebogruppe), die wegen eines Anstiegs der Alanin-Aminotransferase die Therapie stoppen mussten. Allerdings kam es nach dem Absetzen von Tolvaptan in allen Fällen zu einer Normalisierung, sodass die Therapie bei regelmäßiger Kontrolle der Leber­enzyme sicher zu sein scheint. Damit dürften die Bedenken der FDA ausgeräumt worden sein. Die Behörde hat allerdings noch nicht entschieden, ob und wenn ja unter welchen Bedingungen sie den Wirkstoff zur Behandlung der ADPKD zulassen wird. In Europa ist eine Schulung für Patienten und Ärzte vorgeschrieben und regelmäßige Leberwertkontrollen sind obligat. © rme/aerzteblatt.de

Anzeige
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.