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Avatar #101447
am Dienstag, 30. März 2010 um 10:50

Milchmädchenrechnung

Kommentar zur Nachricht
Leichter Rückgang der Borreliose
vom Montag, 29. März 2010
Nicht 99 Prozent sondern maximal 50 Prozent der Borrelioseinfizierten entwickeln ein Erythema migrans (EM). Das ist selbst in verharmlosender Fachliteratur zu lesen. Da sich die Meldepflicht in den neuen Bundesländern aber nur auf EMs bezieht, die Nicht-EM-Patienten durch das Raster fallen, lässt sich die Behauptung konstruieren, die Borreliose sei rückläufig. Wer beide Augen schließt und möglichst auch die Ohren zuhält, wenn Patienten jammern, sieht sie überhaupt nicht mehr. So machen es die alten Bundesländer: Keine Meldepflicht - also keine Borreliose. Ute Fischer, Reinheim.
Avatar #101453
am Dienstag, 30. März 2010 um 14:16

Falsche Zahlen !

Hier wird wieder einmal, neben völlig falschen Behauptungen, wie mehr als 99% Prozent der Patienten entwickeln ein Erythema migrans, das enorme Problem der Borreliose mit falschen Zahlen untertrieben und verharmlost!
So erkrankten, laut den detaillierten Zahlen der Technikerkrankenkasse (TK) im Jahr 2008, in den sechs ostdeutschen Bundesländern allein 12.800 an einer Lyme-Borreliose. Ohne die unbekannte hohe Dunkelziffer, da das Erythema migrans nur bei maximal 50% der Erkrankungen auftritt.
Dieses entspricht 1,16% aller Versicherten und hochgerechnet auf alle Ostdeutschen 213.000 Borrelioseerkrankungen!
Für ganz Deutschland ergeben sich, entsprechend den einzelnen TK Zahlen der jeweiligen Bundesländer insgesamt 743.000 Erkrankungen! Somit ist die Lyme-Borreliose bereits die häufigste bakterielle Erkrankung.
Unbehandelt kann es später nicht nur zur gefürchteten Lyme-Arthritis kommen, sondern Zehntausende leiden bereits an einer chronischen Multisystemerkrankung, die keinesfalls als sehr seltenen Erkrankung bezeichnet werden kann?
Es ist unverantwortlich, wie hier mit eindeutig falschen, einseitigen Zahlen versucht wird eine enorme Gefährdung der Bevölkerung zu verharmlosen, anstatt die Bevölkerung durch präventive Maßnahmen zu schützen.
Ganz abgesehen von Zehntausenden chronischen Borreliosekranken, denen nach oft unglaublichen Ärzteodysseen jeder ursächliche Therapie verweigert wird. Ein großer Teil dieser Erkrankten hat deshalb leider sämtlichen Glauben an die Strukturen unseres Gesundheitssystems verloren.

Dietmar Seifert
Borreliose und FSME Bund Deutschland e.V.
www.bfbd.de
Avatar #87768
am Montag, 12. April 2010 um 17:05

Zweifel an Aktualität des Ärzteblattes

Meine Erfahrungen als Allgemeinärztin widersprechen in vielem dem, was ich im Deutschen Ärzteblatt zum Thema Borreliose lese.
Meine Patienten haben häufig kein Erythema migrans (besonders die mit neurologischen Beschwerden), sind oft jung (20-40J),
Borreliose ist nicht selten und auch nicht immer gut heilbar.
Die CME Einheit zum Thema habe ich mit voller Punktzahl bestanden - und stelle bestürzt fest, daß die dort vorgeschlagene Therapie in vielen Fällen nur eine vorübergehende Besserung bringt.
Stehe ich damit allein da - oder geht es vielen Kollegen ähnlich wie mir?
Avatar #89467
am Montag, 12. April 2010 um 19:58

EM

Zitat=DietmarS:
> neben völlig falschen Behauptungen,
>wie mehr als 99% Prozent der Patienten entwickeln ein Erythema migrans,
SOCO10:
>Nicht 99 Prozent sondern maximal 50 Prozent der Borrelioseinfizierten
>entwickeln ein Erythema migrans (EM).
Zitat=bmi30:
>Meine Patienten haben häufig kein Erythema migrans
>(besonders die mit neurologischen Beschwerden),

@Dietmar, SOCOund bmi30:
Diesen Satz:

>Mehr als 99 Prozent der Patienten
>bemerken die Infektion an dem sich vergrößernden,
>rötlichen oder bläulich-roten, oder bläulich-roten, rundlichen Fleck, o
>ft mit zentraler Abblassung,

habe ich anders als Ihr interpretiert, nämlich: 99 Prozent der Patienten, denen ihre Infektion auffällt, fällt sie wegen des EM auf. Das hieße: Die, die kein EM entwicklen, bemerken ihre Infektion an anderen Symptomen oder gar nicht sofort, sondern erst später.
Avatar #101693
am Dienstag, 13. April 2010 um 23:40

Verwirrende Zahlen

Es ist tatsächlich nicht so einfach, in diesem epidemiologischen Datensalat noch irgendeinen roten Faden zu finden. Denn die bestehenden Wissenslücken werden - nicht nur bei diesem Aspekt der Lyme-Borreliose - offensichtlich zunehmend nach dem Motto gehändelt: "Wer keine Klarheit schaffen kann, sollte wenigstens weitere Verwirrung stiften können."

1. Erinnerbares Eryhema migrans: Die EFNS (eine europäische Vereinigung von neurologischen Fachgesellschaften) gibt in Berufung auf die Studienlage an, dass sich nur 40–50% der Borreliosepatienten an einen Zeckenstich und nur 20–30% an ein Erythema migrans erinnern können. D.h. das EM ist entweder nicht aufgetreten oder wurde an schwer zugänglichen Körperregionen übersehen oder war so schwach ausgeprägt, dass es nicht aufgefallen ist. Ob nun ein paar Prozent mehr oder weniger - solche Zahlen sind alarmierend, da ja auch die Serolgie im frühen Stadium häufig noch negativ ist, eine Borrelien-Infektion im frühen Stadium aber noch relativ unkompliziert mit Antibiotika heilen lässt, was in späteren Stadien schwieriger sein kann.

Auftreten des EM: In der Fachliteratur wird überwiegend angegeben, dass das EM in etwa 50% bis 60% (oder etwa der Hälfte) der Fälle auftreten würde. Vereinzelt werden auch 70% bis 80% genannt. Die Studienergebnisse sind jedoch sehr unterschiedlich, weshalb sich jeder das raussuchen kann, was ihm gerade so gefällt.

Häufigkeit der Krankheitsmanifestationen: Das RKI zitiert vor allem die Ergebnisse einer Studie von Huppertz et al., die 1999 im Raum Würzburg durchgeführt wurde. Die Studie ist ja nun nciht nur schon ein paar Jährchen alt, sondern die Ergebnisse weichen auchberheblich von denen anderer europäischer und deutscher Studien ab. Entsprechend gibt z.B. auch die WHO Europa den Anteil der Neuroborreliosen mit 20% an, während die Huppertz-Studie nur auf 3% (8%) kommt. Das dürfte zahlreiche Gründe haben, wie u.a. unterschiedliche Methoden, Falldefinitionen, Bezugsgrößen, Probandengruppen, Stadium usw..

Erstaunlich ist vor allem, welche Schlussfolgerungen das RKI aus den Meldedaten zieht. Denn eine Interpretation, wie häufig z.B. welche Erkrankungsform sowie Mischformen in welchem Stadium auftreten und vor allem zu welchen Spätfolgen es aufgrund von Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen kommt, kann nicht (allein) aufgrund von Meldedaten erfolgen, sondern muss auf der Grundlage von fundierten und systematischen Studien vorgenommen werden.Die hierfür notwendigen öffentlichen Finanzierungen werden jedoch nicht zur Verfügung gestellt. Denn in Deutschland und der EU führt die Lyme-Borreliose bei der gesundheitspoltischen Prioritätensetzung und er öffentlichen Forschungsförderung ein ausgesprochenes Schattendasein.

Zum Vergleich: In den USA (ca. 300 Mio. Einwohner) werden offiziell etwa 20.000 LB-Neuerkrankungen gemeldet. In Deutschland (ca. 80 Mio. Einwohner) wird die jährliche Inzidenz vom NRZ für Borrelien auf etwa 60.000 bis 100.000 geschätzt. Aber 80% der Studien zur Lyme-Borreliose kommen aus dem amerikanischen Raum, wobei ein erheblicher Teil durch öffentliche Mittel finanziert wurde und wird.

LB-Inzidenz: Aufgrund der lediglich landesrechtlich geregelten Meldepflicht in den ostdeutschen Bundesländern und den hierbei zugrunde gelegten Falldefinitionen (die trotz der im Jahr 2009 vorgenommenen Erweiterungen nach wie vor unzureichend sind) sowie zahlreicher weiterer Faktoren muss sicherlich von einer erheblichen "Untererfassung" der jährlichen Neuerkrankungsrate (Inzidenz) ausgegangen werden.

Die in einigen Leserkommentaren stattdessen genannten Zahlen (von über 700.000) basieren auf Daten der Techniker Krankenkasse. Die TK hat mir auf Nachfragen erklärt, dass nicht "Patienten" sondern "Arztkontakte" gezählt wurden, weshalb sich die Frage stellt, warum sie das in ihren Presseerklärungen nicht auch so angibt. Mal abgesehen davon, dass eine jährliche "Inzidenz" aufgrund dieser Daten überhaupt nicht festgestellt werden kann und diese Zahlen deshalb auch nicht mit denen des RKI vergleichbar sind, sind diese Daten aber auch nicht als Grundlage für eine Hochrechnung der "Krankheitsprävalenz" geeignet, es sei denn, man würde unterstellen, dass jeder Borreliose-Patient nur einen Arztkontakt benötigt, um untersucht, diagnostiziert, therapiert und geheilt zu werden.

Um die jährliche Inzidenz einigermaßen fundiert zu erfassen, müsste die LB in das Infektionsschutzgestz aufgenommen, weitere differenzierte Daten erhoben und zudem die Falldefinitionen für die Meldungen entsprechend erweitert und modifiziert werden.

Jutta Zacharias
www.zecken-borreliose.de

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