DÄ plusForenKommentare NewsPrävention – Ganz schön verrückt…

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Avatar #86997
am Dienstag, 10. April 2012 um 14:56

Prävention (lat. praevenire)

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Bahr will Prävention überarbeiten
vom Sonntag, 8. April 2012
Es wäre schön, wenn auch das Deutsche Ärzteblatt sich der Herkunft des Wortes "Prävention" bewusst sein würde. Praevenire (lat.) bedeutet vorbeugen, zuvorkommen. Auch wenn das Bundesministerium es noch so oft wiederholt: 'Gesundheitsprävention' ist und bliebt falsch oder zielt das BMG tatsächlich darauf ab, der Gesundheit zuvor zu kommen? Es gibt Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung (vgl. Hurrelmann, Laaser, Richter in Handbuch der Gesundheitswissenschaften, 5. überarb. Aufl., 2012). Zwei Begriffe, die ausreichen sollten, die wesentlichen Aspekte zu beschreiben.
Avatar #99598
am Dienstag, 10. April 2012 um 17:45

Prävention – Ganz schön verrückt…

Präventions-Angebote gemäß SGB V werden über die Krankenkassen finanziert, sofern diese Maßnahmen den Vorgaben des Spitzenverbands der GKV entsprechen. Schon dessen Vorgaben sind äußerst dubios!

So wird zunächst eine Liste von Maßnahmen / Angeboten geführt, welche als Präventionsmaßnahmen anerkannt sind. Während Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation als Maßnahmen anerkannt und deren Kosten von den GKVen übernommen werden können, wird z.B. die nachweisbar viel wirksamere Methode der „Praxis der Achtsamkeit” nach Jon Kabat-Zinn nicht aufgelistet und somit nicht finanziert. Dabei sind die Erfolge, die weltweit z.B. bei Patienten mit chronischen Schmerzen oder bei Patienten im finalen Krankheitsstadium erzielt werden, schlichtweg ignoriert. – Übrigens: Auch im Palliativbereich könnte „Praxis der Achtsamkeit” erfolgreich eingesetzt werden.

So werden an die Kursleiter von Präventions-Angeboten absurd hohe Anforderungen hinsichtlich ihres Ausbildungshintergrunds und zusätzlicher spezieller Ausbildungen gefordert. Jemand, der solche relativ hohen Qualifikationen erfüllt, würde wohl kaum für die paar Euro Kursleiter-Vergütung je Stunde tätig werden. Folglich gibt es einfach viel zu wenige Kursleiter, um genügend Angebote in der Prävention zu schaffen.

So sind die GKVen nicht verpflichtet, die Kosten für ein existierendes Präventionsangebot zu übernehmen, selbst wenn die Konditionen des Spitzenverbands allesamt erfüllt sind.

Unter diesen Gegebenheiten ist es kein Wunder, dass die Prävention so, wie sie jetzt konzipiert ist, nicht funktioniert. Reformen wären dringend geboten, indem z.B. die Anforderungsprofile an die Kursleiter nicht mehr derart überzogen hoch angesetzt werden oder indem eine Verpflichtung der GKVen festgeschrieben würde, nach dem jedes Angebot, das den Qualitätsvorgaben und inhaltlichen Vorgaben entspricht, gefördert werden muss durch volle Kostenübernahme. Zudem müsste der Katalog auf weitere anerkannte und bewährte Präventionsverfahren erweitert werden!

Wenn jetzt aber die Präventionsangebote nur noch über Ärzte vermittelt werden sollen, wird der Grundgedanke der Prävention konterkariert: Denn wer heutzutage trotz Angst vor Arbeitsplatzverlust zum Arzt geht, der benötigte bereits Heilungsmaßnahmen und Prävention kommt schon zu spät. Die Konsequenz wird sein, dass die wenigen existierenden Präventionsmaßnahmen noch weniger Nachfrage finden werden und das ganze Präventionskonzept schließlich einschläft. Der einzige Vorteil liegt dann in den erreichten Einsparungen… welche sich aber bitter rächen werden, weil die Krankheitskosten viel höher sind, als eine rechtzeitige Präventionsmaßnahme.

Zudem stöhnen Ärzte schon heute über die überbordende Bürokratie und Verwaltungsarbeit. Das fängt bei der Praxisgebühr an und geht weiter über die aufwändige Anwendung der Kodierschlüssel und hört bei dem zusätzlichen Aufwand bei der Einführung der eGK noch lange nicht auf. Und nun sollen die Ärzte sich auch noch mit Präventionsangeboten herum schlagen?

Wie wirklichkeitsfern müssen Politiker erst werden, bis ihre Überflüssigkeit auch dem letzten klar geworden ist und man diese Kaste endgültig wegrationalisiert???

Clemens M. Hürten - gesSso – Rottweil
Avatar #98372
am Mittwoch, 11. April 2012 um 00:30

Spitzenleute gehen dort hin, wo Spitzengehälter bezahlt werden - ins Ausland !!

Sovile nur zu :
- - - - - - - - - - - - Zitatbeginn - - - - - - - - - - - -
„Mit einem durchschnittlichen Brutto-Einkommen von über 160.000 Euro gehören niedergelassene Ärzte bereits heute zu den Spitzenverdienern in diesem Land.
Da braucht es keine Konzepte, wie sie noch mehr verdienen können“, sagte ein Sprecher des Verbands.
- - - - - - - - - - - - Zitatende - - - - - - - - - - - -
Avatar #104249
am Mittwoch, 11. April 2012 um 20:37

Wieder die GKVen...

...mit ihrem einseitigen "Schüren von Sozialneid".

Das große Problem an solchen Meldungen (von € 160.000,- Einkommen etc.) ist, dass sich so etwas einseitiges durch deren ständige Wiederholungen irgendwann in den Gedanken der Bevölkerung einnistet.

Kann die GKVen nicht mal jemand in Ihre Schranken verweisen ? Oder denen wenigstens nicht ständig solche "Öffentlichkeit" einräumen ?

Diese Bürokraten verursachen den größten Verwaltungsaufwand, den eine Branche je erlebt hat und maßen sich dann auch noch an, auf die zu schimpfen, die darunter leiden.

Viele Grüße
S.
Avatar #106067
am Sonntag, 15. April 2012 um 18:17

„Rita, äh, Tina, wat kosten die Kondome?“ *

* Rita wurde in Tina geändert, da die frühere Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Rita Süssmuth hieß.

Schon beim BZgA-Werbespot mit Hella von Sinnen an der Kasse und Ingolf Lück als verschüchtertem Kunden wurde unmissverständlich deutlich, was bei Prävention Sinn macht:
1. Prävention (nicht nur bei HIV und AIDS) ist machbar.
2. Prävention kostet Geld, wenn sie langfristig etwas bringen soll.
Doch bei kaum einem Thema wie der Krankheitsvorsorge und -verhütung bzw. Gesundheitsförderung wird so massiv am Thema vorbei geredet. Besonders gewitzte A(ni)mateure, z. B. von der Presseagentur "dapd", sprechen von Gesundheitsvorsorge, gerade so, als sollen damit der Gesundheit vorgesorgt und wohl Krankheiten gefördert werden? Vertragsärzte werden primär nur für Propädeutik, Systematik, Untersuchung, Diagnostik und Therapie von Krankheiten ausgebildet und honoriert. Die Prävention wird ins Abseits gestellt. Bei den Sozialversicherungs-Fachangestellten der Krankenkassen sieht es mit der Präventions-Fachkunde auch nicht viel besser aus. Aber was soll man erwarten, wenn der GKV-(Kassen)-Spitzenverband bei den Vertragsarzteinkünften Brutto mit Netto bzw. Umsatz mit Gewinn verwechselt?

Jahrzehntelang füllten Ärztinnen und Ärzte Krebsvorsorgedokumentationen (z.B. Muster 40a für Männer) aus, die mangels intelligenter Erhebungsmethodik niemals evaluiert werden können. Die KVen wollten am Ende diese Formularberge gar nicht mehr haben.

Der Check-Up-35 als "Gesundheitsuntersuchung" (GESU) wurde dahingehend beschnitten, dass nicht mal Kreatinin die Nierenfunktion, geschweige denn ein (fakultatives) EKG die Herzfunktion beschreiben könnten. Vom Screening mit Blutbild, GGT und TSH ganz zu schweigen. Der eh' schon erbärmliche Punktwert dieser Untersuchung als EBM-Ziffer 01732 [ehemalige 160] wurde damit weiter abgewertet. GESU-Formulare ("Berichtsvordruck Muster 30"), die viele Jahre lang im Original der KV-Abrechnung beigefügt werden mussten, sind im Ansatz mangels systematischer Datenerfassung für die Präventionsforschung nicht auswertbar.

Dass das (Vertrags-)Arztwesen in GKV und PKV mit Prävention nicht viel am Hut hat, zeigen fehlende Abrechnungsziffern für Nikotinentwöhnung, Adipositasberatung, Arthrose- und Sturzprotektion, primäre Osteoporosedetektion, Prävention von Alkohol- und anderen Abhängigkeitserkrankungen, Suizidprävention, Vermeidung von Stress- und Burn-Out-Krankheitsfolgen. Stets wird gewartet, bis das "Kind in den Brunnen fällt". Und manche Medizinkritiker sprechen von "erfundenen" Krankheiten, weil das Bewusstsein für Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention fehlt.

Nicht nur fehlende EBM-Regelungen fördern Frustration, Demotivation und Verweigerung allein bei Krebs- und Herz-Kreislauf-Vorsorge. Trotz eines gewaltigen Alkohol-, Tabak-, Diesel- und Benzinsteueraufkommens beteiligt sich der Staat weder an der Prävention noch an den Krankheits-, Unfall- und sonstigen Folgekosten dieser morbiditäts- und mortalitätsträchtigen Bereiche. Es bleibt den gesetzlichen und privaten Kran­ken­ver­siche­rungen überlassen, dagegen präventiv und kurativ vorzugehen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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