Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?

Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?

Der Präparierkurs im Medizinstudium steht immer öfter in der Diskussion. Diskutieren Sie mit: Ist er noch zeitgemäß?

Avatar #91254
am Dienstag, 30. Oktober 2012 um 14:57

Anatomie ja, Präpkurs jein

Hallo,
ich kann mich den hier vorgetragenen Meinungen zur Bedeutung des Präpkurses nur sehr bedingt anschließen. Ich muss dazusagen, dass ich radiologisch tätig bin, das Beherrschen der Anatomie für mich also durchaus essentiell ist. Es ist aber so, dass dieses Wissen im Präpkurs meines Erachtens einfach nicht vermittelt wird. Weder bei Famulatur/PJ in der Chirurgie war die Sichtweise wie an der Leiche, noch bei den verschiedenen bildgebenden Untersuchungsmodalitäten.
Zudem fand das eigentliche Lernen der Anatomie -wie die meisten Dinge in der Medizin- aus Büchern statt.
Wenn man schon praktische Übungen zum Anatomie lernen machen will wäre es VIEL hilfreicher die Studenten an Computer zu setzen und ihnen CTs zu zeigen (ja, ich weiß, da habe ich sicher einen berufsbedingten bias). Da guckt man die Anatomie nämlich in der Reihenfolge ihrer Bedeutung an und nicht was halt gerade am Tisch zu sehen ist. Alternativ wäre auch ein Beisitzen zu pathologischen Sektionen zu diskutieren.
Hinzufügen könnte ich noch, dass ich von mindestens zwei Kollegen weiß, die in Reformstudiengängen studiert haben, also keinen traditionellen Präparierkurs mehr hatten. Die hatten (erstaunlicherweise?) auch keinerlei Probleme mit der Anatomie beim Berufseinstieg.
Zusammenfassend stellt der Präpkurs sicher eine gute Möglichkeit zur Entschlackung im Studium dar, an dessen Stelle man effektivere Lehrmethoden stellen könnte.
LG
Shyldoc
Avatar #89277
am Dienstag, 30. Oktober 2012 um 15:09

Zustimmung

Dem kann ich nur zustimmen. Erstaunlich, wie begeistert die meisten anderen hier vom Präparierkurs sind.
Avatar #38287
am Dienstag, 30. Oktober 2012 um 21:18

Schon seit Jahrzehnten

gibt es bessere Lernmethoden oder Lehrmittel als den sinnlosen Präp-Kurs (habe 1972-78 studiert). Es gab schon damals einen exzellenten fotographischen Anatomieatlas von Japanern, natürlich auch die üblichen Atlanten und Lehrbücher. Zur Ergänzung heutiger effektiver und interaktiver Lehrmittel weise ich auf digitale Programme hin -in der Sonoanatomie wird z.B. VOXEL-MAN verwendet. Aber darüber hinaus geht die Detailschärfe und Funktionalität rasch voran. Ohne digitale Trainingsprogramme ist die Neurochirurgie ja nicht mehr denkbar. Niemand sollte mehr an Leichen schnipseln, um Anatomie zu lernen. Allerdings sollte die Anzahl von Obduktionsteilnahmen deutlich gesteigert werden.
Avatar #658815
am Montag, 12. November 2012 um 10:41

Alllheilmittel digitale Medien?

Digitale Medien und Anschauungsmaterial sind keineswegs für alle Studenten in gleicher Weise nützlich und schon gar nicht in 2-D-Modellen. In der Diskussion fehlt mir teilweise das Verständnis für die Funktionsweise von Lernen und Vorstellungsvermögen. Nicht jeder Mensch (und auch nicht jeder Medizinstudent) ist in der Lage, sich etwas in 3-D vorzustellen, gescheige denn so komplexe und vielschichtige Kostrukte wie anatomische Strukturen. Anatomie muss also selbst erlebt und "begriffen" werden, damit eine Dreidimensionalität wirklich zustande kommt. Oder wollen wir ökonomische Reformen, die die anatomische Qualität unserer Ärzte herabsetzt? Das wäre dann wieder eine "gutgemeinte" Reform, die am Ende mehr Geld kostet als sie spart und im schlimmsten Fall auch Leid bedeutet. Der Präperierkurs kann stellenweise sicher abgespeckt werden, darf aber auf keinen Fall fehlen meiner Meinung nach!
Avatar #87480
am Freitag, 16. November 2012 um 07:59

wohl kaum

ich bin selbst Pathologin, also in einem Fach tätig, in dem auch die makroskopische Anatomie grundlegende Bedeutung hat. Und diese habe ich im ersten Berufsjahr anhand der dann durchgeführten Sektionen und beim zuschneiden der Makropräparate erst richtig "begriffen" und verstanden. Zum Erlernen der "grundlegenden Anatomie des Gesunden" gibt es heutzutage sehr gute Bücher, dauerhafte "Plastikmodelle" -die man tausendmal ausseinandernehmen und zusammenbauen kann, bis man es endlich kapiert- und vermutlich zwischenzeitlich zahllose Computerprogramme, die auch immer einen Vergleich mit radiologischer Bildgebung ermöglichen. Präparieren im Sektionssaal hat nichts mit späterem operieren im OP zu tun (was viele der Studenten ja gerne glauben) und auch eine pathologische/rechtsmedizinische Sektion hat nichts mit dem Präparierkurs gemein. Wer mal über sein eigenes Verhältnis zum Tod nachdenken möchte/sollte, dem ist im weiteren Verlauf des Studiums (nach dem ausführlichen Anatomiestudium) eine 2-4wöchige Famulatur in einem pathologischen Institut/rechtmedizinischem Institut (mit hoher Sektionsrate, also vorher genau erkundigen) zu empfehlen. (ich persönlich kann da Wien empfehlen mit einer ganz eigenen Einstellung dieser Stadt zu diesem Thema.)