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am Sonntag, 15. September 2013 um 01:11

Notizen über das Gesundheitswesen im Irak

Nach einem Engagement am Bagdader Lehrkrankenhaus und einer Nichtregierungsorganisation (NGO) in Mai-Juli 2003 habe ich über einige Aspekte vom Gesundheitswesen im Irak berichtet (1,2). Im April 2013 war ich an einem Krankenhaus in Nasiriyah tätig und habe außerdem medizinische Eirichtungen in Bagdad und Kirkuk besucht. Einige Besserungen seit 2003 sind erkennbar. Viele moderne Geräte wurden in der letzten Zeit dank der sich erholenden Öldollarwirtschaft erworben. Das Pflegepersonal ist zahlreicher geworden, wobei nachts nicht nur Krankenbrüder sondern auch Krankenschwester eingesetzt werden. Das männliche Pflegepersonal überwiegt allerdings bei weitem. Nach wie vor beklagen sich viele Ärzte, dass ärztliche Verordnungen nicht immer regelrecht ausgeführt werden (1). Die Laboratorien sind heute besser ausgerüstet; es werden jedoch nicht alle vorhandenen Geräte benutzt. So steht zum Beispiel ein Kryostat ohne Betätigung herum, und die Gefrierschnittuntersuchungen werden nicht gemacht. Nur die Hämatoxylin-Eosin-Färbung wird in der Histopathologie und Zytologie benutzt, wobei die Qualität der Schnitte bestenfalls als mäßig zu bezeichnen ist. Der wichtigste Mangel am Institut für Pathologie ist eine sehr lange Befundungszeit (vom Eintreffen einer Gewebsprobe bis zum Zeitpunkt, wenn das Bericht in die Klinik geschickt wird): bis zu einem Monat oder länger. Dafür gibt es zwei ofensichtlichen Gründe. Erstens, eine mangelhafte Organisation der Arbeitsabläufe im Labor. Zweitens, die Nebentätigkeiten der Pathologen, und auch der Ärzte anderer Fachrichtungen, die neben ihrer Tätigkeit im Krankenhaus auch Privatpraxen betreiben. Den privaten Fällen wird offenbar mehr Aufmerksamkeit und Zeit zugeteilt, was die Patientenversorgung im öffentlichen Sektor benachteiligt. Es wird verständlicherweise danach bestrebt, dass zahlungsfähige Patienten sich bevorzugt an die Privatpraxen wenden. Das ist nicht nur eine Zeitfrage: mehr Zeit für die Untersuchung eines Patienten im privaten Sektor, eine kürzere Befundungszeit in einem privaten Labor usw. Das geht auch um die Qualität. In den klinischen Fachrichtungen wie die Endoskopie werden die Prozeduren im öffentlichen Sektor manchmal unter einem Zeitdruck durchgeführt werden. Für eine bessere Organisation der Arbeitsabläufe in den Laboratorien wäre die Einladung erfahrener leitender MTA aus dem Ausland zu empfehlen.

Ein wichtiger Unterschied zwischen den Jahren 2003 und 2013 liegt nicht im Bereich der Medizin. Nach der Ankunft in Nasiriyah im April 2013 wurde ich in einem Gasthaus beim Krankenhaus untergebracht. Erstaunlicherweise wurde das Hinausgehen aus dem Gasthaus ohne Begleitpersonen verboten, was ein längeres Sitzen im Gasthaus bedeutete: der Arbeitstag in den öffentlichen Diensten einschließlich Gesundheitswesen dauert im Irak bis ungefähr 13-14.00. Die angebliche Ursache war die mangelnde Sicherheit. Der Reisepass wurde weggenommen. Über diese Bedingungen wurde ich im voraus nicht informiert, andernfalls wäre ich nach Irak nicht gekommen. Im April gab es wegen der lokalen Wahlen 5 freie Tage nacheinander. Nicht im Begriff 5 Tage eingesperrt zu sitzen, habe ich aus dem Krankenhaus ein Taxi bis zum Busterminal genommen und dann nach Bagdad und Kirkuk gereist. Auf dem Rückwege wurde ich mangels des Reisepasses verhaftet, übernachtete an einem Polizeirevier, und wurde dann zurück nach Nasiriyah transportiert. Zum Schluss soll auch erwähnt werden, dass die Sachlage im Irak nach dem Weggang der Koalitionskräfte zurück zum Ausgangszustand rollt, was auch vorauszusehen war.

1. Jargin SV. Nursing and security in Iraqi hospitals. International Journal of Nursing Practice 2009;15(3):129-30.

2. Jargin SV. Histopathology in iraq: reliable diagnostics in spite of shortages. Turkish Journal of Pathology 2011;27(2):177-9 http://www.turkjpath.org/text.php3?id=1496

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