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am Mittwoch, 1. Januar 2014 um 13:37

IQWiG-Chef: Interview-Nachlese!

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Windeler stellt Vorsorge­untersuchungen infrage
vom Montag, 30. Dezember 2013
Wenn man das Interview in der BERLINER ZEITUNG (BZ) mit dem Chef des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Prof. Dr. med. Jürgen Windeler, genau nachliest und Wort für Wort analysiert, bleibt nur der Schluss übrig, dass weder Kollege Windeler, noch sein Interviewpartner, der Journalist Timot Szent-Ivanyi, begreifen, worum es bei Vorsorge vs. Früherkennung von Krankheiten wirklich geht. Literarisch ausgedrückt: "Habe nun, ach! Medizin und Biometrie, ...Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor!" möchte man Professor Dr. med. Jürgen Windeler zueignen.

Semantisch, text- und subtextanalytisch ist aber der IQWiG-Kollege der Deutschen Sprachinhalte - wie leider viele Ärzte - kaum mächtig. Eine seiner Antworten aus dem Interview der BZ, übrigens mit dem bezeichnenden Zeitungs-Titel: IQWIG-LEITER JÜRGEN WINDELER - „Wir kennen die Tricks der Pharmaindustrie“, ist nämlich "Auf der einen Seite sind Früherkennungsuntersuchungen in der Bevölkerung enorm positiv besetzt. Wer will es schon versäumen, Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen?"

Bereits Schulkinder wissen, dass man mit "Krankheiten rechtzeitig vorzubeugen" im Sinne von V o r s o r g e eher die E n t s t e h u n g von Krankheiten überhaupt verhindern will. Dagegen stellen Früherkennungsuntersuchungen die F r ü h d i a g n o s e von bereits präformierten Morbiditäten dar. Wer das nicht begreift und unterscheidet, hat wissenschafts- und erkenntnistheoretisch kaum ausreichende analytische Kompetenz.

Wer, wie Prof. Windeler, pädiatrisch krude postuliert: "Wenn Kinderärzte dringend eine weitere Vorsorgeuntersuchung fordern, dann wollen sie damit auch erreichen, dass mehr Kinder in die Praxis kommen", übersieht, dass gerade Kinder mit den s c h l e c h t e s t e n bio-psycho-sozialen Voraussetzungen und mit den h ö c h s t e n Krankheitsrisiken eine pädiatrische Praxis kaum von innen sehen. Und gerade im e r s t e n Lebensjahrzehnt sind die Möglichkeiten einer echten p r i m ä r-präventiven Krankheitsverhinderung durch Vorsorge wesentlich größer als die "Früherkennung" beim 60-jährigen intermittierend Alkohol-intoxikierten Kettenraucher mit Adipositas, Muskelschwund, Diabetes, Hyperurikämie und hypertensiver Herzkrankheit. Dort sind in der Tat nur noch "Späterkennungs"-Untersuchungen möglich.

Windelers knappe Antwort "Gar keine" auf die Frage: "Welche der übrigen Vorsorgeuntersuchungen würden Sie empfehlen?" ist u. a. deshalb aufschlussreich, weil dem BZ-Interviewer Timot Szent-Ivanyi s e l b s t gar nicht klar war, dass er eigentlich nach klassischen Früherkennungsuntersuchungen gefragt hatte.

Bezeichnender Weise blieb die kombinierte Darmkrebsfrühdiagnostik und -Prävention in Form der präventiven Koloskopie und Polypektomie präkanzeröser Stadien o h n e Krankheitsanlass mit 55 und 65 Jahren ausgespart. Denn hier gibt es internationale Studien, die einen Rückgang von Morbidität u n d Mortalität belegen.

Stutzig machen auch die paradoxen Aussagen Windelers im Trend von lieber "undertreated" als "overdiagnosed", wenn gefordert wird, "dass über Vor- und Nachteile nüchtern und umfassend informiert wird." Dies würde z. B. auch das Impfmangement zur bewährten Primärprävention einer Vielzahl von Infektionskrankheiten in Frage stellen. Denn hier handelt es sich um eine ausschließlich vorteilhafte und n i c h t nachteilige Form der effektiven Krankheitsvorsorge durch aktives, entschiedenes Eintreten f ü r eine Krankheits-Primärprävention.

Auch O. Wegwarth und der vielzitierte G. Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigen Medizinferne und Bildungslücken bei Mammografie und PSA-Tests: Dramatisierende Aufklärung über "Overdiagnosis"-Risiken macht bei n e g a t i v e m Screening-Ergebnis keinen Sinn: Der Behandlungsfall ist mit dem sehr häufigen Normalbefund bei der Früherkennung für Arzt und Patient abgeschlossen. Dieselben Bildungsforscher hatten übrigens bei rein retrospektiver online-Befragung von 317 US-Amerikanern zwischen 50 und 69 Jahren nicht mal so viel gastroenterologisches Halbwissen, dass eine "Sigmoidoskopie" eine inadäquate Darm-Krebsvorsorge und Früherkennungsmaßnahme ist, weil das ganze Colon damit ausgespart bleibt (vgl. Odette Wegwarth, Ph.D., and Gerd Gigerenzer, Ph.D. JAMA Intern Med. Published online October 21, 2013. doi:10.1001/jamainternmed.2013.10363).

Prof. Windeler kommt mir in etwa so hilflos vor, wie ein Sozialarbeiter ohne Armbanduhr, der im Jugendzentrum nach der Uhrzeit gefragt, nur noch sagen kann: "Keine Ahnung, aber iss gut, dass wir darüber gesprochen haben."

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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