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Avatar #562834
am Donnerstag, 29. Mai 2014 um 19:40

Wieso gesetzlicher Auftrag für Prävention?

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Prävention als integraler Bestandteil ärztlicher Tätigkeit
vom Donnerstag, 29. Mai 2014
Wenn wir Ärzte die Prävention wirklich als integralen Bestandteil unserer Tätigkeit begreifen, wieso brauchen wir dafür einen gesetzlichen Auftrag? Ich kann immer öfter dieses zu nichts führende Geschwafel anlässlich berufsständischer Zusam-menkünfte nicht mehr hören und lesen! Es gibt eine Vielzahl klüger Fachköpfe unter uns Ärzten, die zwar seit Jahren ein Präventionsgesetz anmahnen, dabei je-
doch die Kraft vergessen, die es eigentlich einzusetzen gilt. Es geht um unseren täglichen Einsatz vor Ort, im täglichen Miteinander, in der Familie, in den Schulen,
in den Praxen, Krankenhäusern und in all den Bereichen, wo Kontrolle und unser
Einfluss vonnöten ist, gesundheitliche Schäden von uns Menschen fernzuhalten, zu vermeiden, wenigstens aber zu verringern. Solange wir die Augen vor den krankmachenden Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft verschließen, in der es immer mehr nur noch um materielle Interessen bestimmter Interessen-gruppen geht, denen die Gesundheit der Mehrheit der Bevölkerung schlichtweg egal ist, verkommt das Gerede über Verhütung und Vorbeugung leider nur zur hohlen Phrase. Wir sind schon seit mehr als Jahrzehnten dabei, unser "Kapital" in diesem Bereich unserer ärztlichen Aufgaben zu verspielen. Soziale Verantwortung
sieht anders aus!
Avatar #96115
am Freitag, 30. Mai 2014 um 09:24

Prävention ...

... ist eine gesamtgesellschaftliche, keine ärztliche, keine medizinische und auch keine Aufgabe des Gesundheitswesens.
Erfolgreiche Verhältnissprävention sind die Lebensmittelhygiene, Verkehrssicherheit, Unfallschutz usw., während verhaltenspräventiver Nichtraucherschutz oder die Agitation sog. gesunder Lebensweise eher Voodoo- Charakter haben.
Mit Medizin und Gesundheitswesen hat wirkliche Prävention kaum etwas zu tun, ebenso wie Gesundheitspolitik und Medizin gar nichts und Gesundheitspolitik und Gesundheitswesen wenig miteinander zu tun haben.
Avatar #106067
am Freitag, 30. Mai 2014 um 14:13

Krankenwagen mutieren zu "Gesundheitswagen"?

Mit "Prävention als integraler Bestandteil ärztlicher Tätigkeit" hat sich der 117. Deutsche Ärztetag in Düsseldorf wohl präventiv einen Bären aufbinden lassen. Das aktuell beliebte Ärzte-"Bashing" und -"Dissen", bzw. die beklagte unzureichende "Fehlerkultur" in der Medizin bei Beratung, Untersuchung, weiterführender (Differenzial-)Diagnostik, Therapie und Palliation von K r a n k h e i t e n reicht den Delegierten wohl nicht aus: Sie wollen das zur K e r n k o m p e t e n z der Ärztinnen und Ärzte in Klinik und Praxis gehörende Krankheits-Versorgungsmanagement, das eh' schon nicht immer reibungslos funktioniert, noch mit ebenso allgemein wie unverbindlichen Präventionsregularien toppen.

Die nichtmedizinischen Humanwissenschaften warten nur darauf, dass die Prävention a l l e i n in den Händen von Ärzten sich als stumpfes Schwert erweist: Medizinerinnen und Mediziner beschäftigen sich von ihrer berufsspezifischen Sozialisation her professionell und schwerpunktmäßig mit Anatomie, (Patho-) Physiologie, Biochemie, der Nosologie von Krankheiten der Krankheitsepidemiologie und krankheitsspezifischen Therapien. Unsere beruflichen Entwicklungen in (Grundlagen-) Forschung, Wissenschaft und angewandter Medizin auf den Gebieten der Psychiatrie, Psychosomatik und Somatik mit ambulant/stationärer Versorgungspraxis in Kliniken auf Stationen und Funktionsabteilungen, in der Niederlassung als Haus-, Fach- und Spezialarzt haben im Wesentlichen nur ein gemeinsames Ziel: Erkennung, Untersuchung, Diagnostik, Therapie und Palliation von K r a n k h e i t e n prozess- und ergebnisqualitätsmäßig zu etablieren, zu optimieren und möglichst weitgehend fehler-, schaden- und nebenwirkungsfrei zu gestalten.

Dass wir dabei p r i m ä r über eine wie auch immer geartete Expertise der Primärprävention verfügen könnten, ist eine ebenso populäre wie irrige Annahme. Populär deshalb, weil es zum einen viele Kolleginnen und Kollegen s e l b s t sind, die in omnipotenter Verkennung der eigenen Begrenztheit ärztlich diagnostisch-therapeutischer Fähigkeiten meinen, die Verhütung und Verhinderung von Krankheiten selbst, sozusagen als präventiologisches „Abfallprodukt“ auch noch „mit links“ erledigen zu können.

Zum anderen gibt schätzungsweise 30.000 bekannten Krankheitsentitäten und täglich werden es mehr ("Von den ca. 30.000 bekannten Krankheiten werden über 7.000 zu den 'Seltenen Erkrankungen' gezählt" http://www.bmbf.de/de/1109.php). Davon ist nur ein Bruchteil primär-präventiv verhinderbar. Mit dem schon semantisch schiefen Blickwinkel der „Gesundheits“-Forscher, der „Gesundheits“-Politiker, der „Gesundheits“ und „Ernährungs“-Experten, der „Präventologen“, aber auch der professionellen „Gesundbeter“, „Heilpraktiker“, „Alternativ-“ und „Geistheiler“ wird deutlich, dass es diesen Damen und Herren unterschiedlichster Profession und Provenienz überhaupt nicht um Krankheit geht. Sondern in erster Linie darum, wie sie selbst mit ihrer existenziellen Angst vor Krankheit, Siechtum, Sterben und Tod umgehen,um damit Geld, Macht und Einfluss erringen zu können.

In Wahrheit sind Geburt, Leben und Vergänglichkeit eine Legierung von Gesundheit und Krankheit. Pathologische Prozesse sind „unsterblich“ mit lebendigen Manifestationen emulgiert. Krankheit und Zerfall sind dem Leben ebenso immanent wie Freude, Glück, Lust, Ekstase, Wahnsinn, Genuss, Kommunikation, soziale und individuelle Identität, Sinnstiftung und kulturelle Reflexion. Von daher mahne ich zu Zurückhaltung in der Präventionsdebatte. Noch niemand wurde präventiv "geheilt", weil man Krankenwagen zu "Gesundheitswagen" mutieren ließ.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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