DÄ plusForenWeitere LänderReformen des Gesundheitswesens in Russland

Weitere Länder

Weitere Länder

Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.

Avatar #102832
am Montag, 17. November 2014 um 04:56
geändert am 17.11.2014 05:05:34
geändert am 17.11.2014 13:32:09
geändert am 17.11.2014 14:25:09
geändert am 18.11.2014 19:54:56

Reformen des Gesundheitswesens in Russland

Auf den ersten Blick kann es erscheinen, dass es bei den neuesten Entwicklungen des russischen Gesundheitswesens [1] der gleiche Weg eingeschlagen wird, wie er in den Neuen Bundesländern ab 1990 gegangen wurde, nämlich der Reduktion der staatlichen Arztstellen bei gleichzeitiger Mehrbelastung der verbleibenden angestellten Ärzte. Nach meiner Erfahrung im Ausland (1989-2002 mit Unterbrechungen) war die Belastung jedoch nie übermäßig. Ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, wenn es nicht genug Zeit gab, klarzukommen bzw. eine konsiliarische Mitbeurteilung in Anspruch zu nehmen. Es gibt immerhin Unterschiede zwischen beiden Ländern. In Deutschland gab es die Krankenkassen, die alle nötigen Kosten gedeckt haben, d.h. eine praktisch kostenlose Gesundheitsfürsorge auf einem hohen modernen Niveau. In Russland deckt die Versicherung nicht alles; außer anderem die Arzneimittel nicht. Es gibt die sogenannten medizinisch-ökonomische Standards, wo die Leistungen aufgelistet sind, die von der verbindlichen Krankenversicherung zu übernehmen sind; doch werden solche Leistungen nicht unbedingt in allen Fällen problemlos erbracht, insbesondere bei ambulanten Patienten in den Polikliniken. Es kann zum Beispiel eine Alternative geben – fürs Geld machen oder lange warten. Meiner Meinung nach, sollten wir das deutsche System mit einem landesweit kalkulierten Punktwert übernehmen. Heute zahlen bei uns verschiedene Versicherer unterschiedliche Summen für eine und dieselbe Leistung. Deswegen empfangen private Institutionen keine Patienten mit einer staatlichen (kostenlosen) Versicherung, die für die Leistungen wenig zahlt. Mit einem einzigen obligatorischen Punktwert würde es möglich sein, auch private medizinische Einrichtungen dazu zu bringen, alle versicherten Patienten zu empfangen. Das System soll durchsichtig und korruptionsfrei sein, womit es hierzulande Schwierigkeiten gibt. Das Personal ist vom kaufmännischen Geist angesteckt, die medizinische Ethik ist wenig bekannt, Schmiergelder werden genommen und erwartet [2], Vorteilsnahme und Vetternwirtschaft werden fast als Norm betrachtet. Es fehlt an kompetente und faire Verwalter: leitende Chefarzte (die gleichzeitig auch Verwaltungsleiter der Krankenhäuser sind) kooperieren in Bestattungs-, Bau- und anderen Geschäften. Es fehlt an gute Fachliteratur, an die Verantwortung usw. Die Ärzteorganisationen - so etwas wie eine deutsche Ärztekammer - gibt es in Russland nicht; zum Teil deswegen sind sowohl der Status des ärztlichen Berufes als auch die medizinische Ethik als verbindliche Norm wenig beachtet. Eigentlich braucht Russland eine internationale Hilfe in Sachen Gesundheitswesen, doch gibt es Befürchtungen, dass ausländische Fachleute in die Korruption verwickelt werden. Meines Erachtens kann eine internationale Hilfe in dieser Hinsicht eher hilfreich sein, sonst können es hier einige Mitarbeiter kaum einsehen, dass den öffentlichen Angestellten einschließlich der Mediziner die Annahme jeglicher Geschenke, in welcher Form auch immer, verboten werden sollte. Bereits kleine Vergehen müssen geahndet werden. Außerdem gibt es hier viel Selbstzufriedenheit: warum sollen wir uns über die Lebenserwartung und Überlebensraten kümmern, diese Ziffern betreffen meistens die Rentner [3], die mit der Wirtschaft und Verteidigung des Landes wenig zu tun haben. Es kommt schließlich auf die Prioritäten an, und die Prioritäten werden zum Teil von externen Faktoren, vor allem, von internationalen Konflikten, abhängig. Der Erlaß über die Erhöhung der Arztlöhne ist jedenfalls nicht schlecht, aber er scheint von den Behörden konterkariert zu werden, indem notwendige Arztstellen gestrichen werden.

1. Vlassov V. Doctors in Moscow rally against planned hospital closures. BMJ. 2014;349:g6623.
2. Jargin SV. Barriers to the importation of medical products to Russia: in search of solutions. Healthcare in Low-resource Settings 2013;1:e13. http://www.pagepressjournals.org/index.php/hls/article/view/728
3. Jargin SV. Societal and political will for cancer prevention in Russia. Lancet Oncol. 2014;15(8):e298.

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos