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Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.

Avatar #696069
am Mittwoch, 18. Februar 2015 um 03:14

Allgemeines zu Medizinerkarriere in den USA

Hallo allerseits,

zunächst als Vorbemerkung: Ich hatte eigentlich vor, diesen Beitrag in das medi-learn Forum zu stellen, dieses scheint aber auf unbestimmte Zeit aufgrund von Wartungsarbeiten geschlossen zu sein. So habe ich mich dann entschlossen, hier zu posten.

Mein Name ist Jannis und ich habe 2014 mein Abitur abgeschlossen und würde mich für das Wintersemester 15/16 bei der Charité in Berlin bewerben, um dort Medizin zu studieren.
Für mich war es bis jetzt immer der Plan, nach dem Studium, zumindest für die Facharztausbildung in die USA zu gehen. Ich habe zu diesem Thema bis jetzt viel recherchiert und habe einige Fragen.

Zunächst müssen ja die USMLE Steps - mit möglischst hohem score - absolviert werden, bis man sich für das Matching bewerben kann.
Wie realistisch ist es hier, dass man als deutscher Medizinstudent in höher nachgefragte residency Programme im Bereich Chirurgie kommt, also gematcht wird? Ich habe gesehen, dass die Charité es anbietet, das PJ in Chicago zu verbringen. Kann man hier die nötigen Erfahrungen und Kontakte im angloamerikanischen Gesundheitssystem zu sammeln, um tatsächlich eine Chance beim Matching zu haben?
Oder ist man als Ausländer höchstens anerkannt genug um mit weniger nachgefragten programs gematcht zu werden?

Auf der anderen Seite dann: die Arbeitsbelastung. In der Residency sind ja Wochenstunden im Bereich 80-100 Stunden keine Seltenheit sondern scheinen eher die Regel zu sein.
Wie sieht es nach der Residency aus, wenn man - ggf nach fellowship und wenn es das Visa wieder erlaubt - Attending wird. Reduziert sich hier die Belastung und hat man Zeit für Familie und Hobbies? Ist dieses eher der Fall für weniger nachgefragte specialties oder auch im Bereich Chirurgie möglich, zum Beispiel in einer Privatklinik? Der Beruf sollte sicherlich nicht das Leben selbst ersetzen und auch Freiraum lassen, wobei das in der Medizin ja eher utopisch erscheint....?!

Und zu allerletzt, wie einfach ist es, nach Deutschland zurückzukehren wenn man doch in der Heimat leben und arbeiten möchte?
Anders als in den USA erkennt ja Deutschland die amerikanische FA-Ausbildung nach Ablegung der FA-Prüfung und Absprache der Ärztekammer an oder?

Vielen Dank schon im Voraus für die Beantwortung meiner Fragen, auch wenn es doch einige geworden sind.

Jannis
Avatar #110852
am Donnerstag, 19. Februar 2015 um 09:20
geändert am 19.02.2015 09:46:08
geändert am 19.02.2015 09:52:29

Karriere in den USA

Bei Allem spielt die Zielsetzung eine Rolle. Was moechten Sie ? Ihre Neugierde befriedigen, in den USA leben, eine akademische Karriere machen, usw. usw. ?
1. Grundsaetzliche Vorraussetzung sind die beiden USMLE. Die Vorbereitung hierfuer ist sehr spezifisch - unbedingt das richtige Material besorgen; es gibt genug Foren um herauszufinden, was gelernt werden muss. Einen teuren 4 Tage Prep-Kurs in den USA sollte man durchaus erwaegen - dort wird sehr gezielt vorbereitet - also genau das, was man braucht. Ohne gezielte Vorbereitung wird es sehr, sehr schwer.
2. Anschliessend eine Stelle als Intern/Internship finden. Das klappt, frueher oder spaeter, sicher - ohne Frage. Man muss allerdings absolut flexibel sein - also jede Gelegenheit beim Schopfe packen, d.h. auch unattraktive Angebote ggf annehmen.
In der Zwischenzeit hospitieren - das ist in den USA kein Problem, vor allem mit den bestanden USMLE werden keine Steine in den Weg gelegt. Man spricht jemanden an und bittet darum mithelfen zu duerfen. Dieser Wunsch wird grundsaetzlich erfuellt.
3. Wenn man erstmal drin ist, kommt es nur auf den Leistungswillen an: wenn Sie der Erste sind der morgens kommt und der Letzte der abends geht, dann steht Ihnen nur eines im Wege: das deutsche Wesen.
4. das deutsche Wesen: gewoehnen Sie sich das schnellstens ab, wenn Sie mit dem Gedanken spielen in den USA zu leben. Also: halten Sie den Mund und hoeren Sie auf laut zu denken; erlauben Sie sich kein Mienenspiel.
Was immer Sie auch in den USA zu sehen glauben - laecheln Sie aufmunternd, ermutigen Sie Ihre Mitarbeiter. Die Menschen in den USA sind ausgesprochen grosszuegig in jeder Hinsicht - seien Sie daher allzeit ebenso ruecksichtslos grosszuegig in jeglicher Hinsicht. Sie machen sich doch nicht etwa heimliche Gedanken ueber die Aussenpolitik der USA ? Vergessen Sie Derartiges; kritisches Denken ist eine deutsche Tugend, die nur in Deutschand angewendet werden kann. Im Ausland fuehrt diese Tugend zu bleibenden Schaeden.
5. Seien Sie Christ. Das empfehle ich Ihnen grundsaetzlich ohnehin; falls Sie sich in den USA laenger aufhalten wollen, handelt es sich um eine Notwendigkeit. Sonst wird es sehr einsam werden.
6. Seien Sie sich im klaren darueber, dass es schwer wird ,wieder zurueck zukehren. Pruefen Sie also vorher, welche Kultur Ihnen wichtiger ist.
7. Beachten Sie die VISA Fragen. Nehmen Sie an der Green Card Lotterien teil und tun Sie dies, bis Sie Erfolg haben. Lassen Sie sich nicht auf ein J1 VISUM ein, H1B muss es sein. Auf dem Gebiet muss man selber Experte sein.

Die USA funktionieren grundsaetzlich anders als Deutschland: was immer Sie hier erreichen wollen, muessen/duerfen Sie selbst, von A - Z, kreieren. Vorgegebene Strukturen, wie in Deutschland, gibt es hier kaum.

Allgemein: Sie koennen hier zwar am Mahagonytisch, und fuerstlich entlohnt, arbeiten, aber Sie muessen dafuer damit zurechtkommen, dass Sie staendig hinterfragt werd und z.B im Internet nachlesen koennen was Sie selbst so alles getan haben, ob Ihre Operationszeit nicht etwas zu lang gewesen sein koennte, dass schon wieder einer Ihrer Patienten eine Bluttransfusion benoetigte, hueten Sie sich ja davor, dass ein totkranker Patient stirbt, das geht schon mal gar nicht, usw., usw. - insgesamt ist es etwas viel geworden mE. Ich hoffe, dass wir uns hier noch einmal selbst erneuern koennen - aber es sieht nicht derzeit noch nicht danach aus. Auch in einem operativen Fach haben Sie 50 - 60 % Ihrer Zeit noetig um Daten in den Computer einzugeben.
Medizin wie Sie es aus Deutschland kennen - wie auch immer - wird hier nicht praktiziert.

Konkret:
- USMLE scores nur wichtig fuer die steile Karriere. Das empfehle ich zu vergessen, da zB die Inder enorm stark sind.

- Match: funktioniert nachdem man sich vor Ort empfohlen hat. Dafuer hospitiert man - das Ziel ist hierbei kollegial-freundschaftliche Beziehungen zu jedermann, inkl Chef, aufzubauen, und 'professional conduct' zu zeigen. Wissen erwartet man von Ihnen in dieser Zeit noch nicht, aber 'focus'.
Von Europa aus funktioniert Match eher nicht.

- in den USA arbeitet man grundsaetzlich immer. Wenn Sie nicht ansprechbar sein wollen, muessen Sie hier 'out o town' sein. Allerdings ist die Arbeitsintensitaet oft etwas niedriger, da das soziale Leben hier auch auf dem Arbeitsplatz stattfindet - d.h. Kafeetrinken, netter Umgang, Literatur lesen, Vortraege hoeren, Komputerarbeiten verrichten, schon wieder ein meeting ...
Als junger Arzt kann man zwar schon mal eine schwere Rotation haben, aber alles haelt sich in guten Grenzen. Das Leben eines Assistenzarztes in Deutschland ist wesentlich beanspruchender durch staendige Bereitschaftsdienste.

- attending = auch hier 'full time'. Gedanklich ist man immer bei der Arbeit. Entweder man liest etwas, oder man ist auf einer Tagung, oder, oder, oder - alles immer berufsbezogen: 24/7.
Nach einigen Jahren lichtet sich der Wald und man fuehrt ein sehr angenehmes Berufsleben - gut bezahlt, keineswegs anstrengend, vielseitig und interessant. Kurz: genauso wie man sich es vorstellt. Es gibt knallharte politische Raenkespiele - 'turf wars', ohne doppelten Boden.

Der Beruf verliert hier immer mehr seine Selbststaendigkeit - die Versicherungen denken fuer die Aerzte bis ins kleinste Detail mit. Ich denke, die Eu wird in Kuerze folgen.

- Rueckkehr nach D: ein wichtiges Element ist eine 12 monatige Taetigkeit and eine deutschen KH, entweder vorher oder nachher. Ansonsten werden einem die Sachen schon anerkannt - nach langem Ringen.
Zusaetzlich bekommt man eine Schock, wenn an aus den USA in ein deutsches Krankenhaus kommt ... leider.

- deutsche Aerzte sind im praktischen Teil besser, da mehr zu tun 'OP Weltmeister', im theoretischen schlechter, da keine Infrastruktur hierfuer, als ihre USA Kollegen.
Avatar #98261
am Freitag, 20. Februar 2015 um 22:49

@ediestel

Ich stimme den zu was Sie hier ueber das arbeiten in den USA gesagt haben,da ich selbst in den USA arbeite,bin jedoch neugierig was Sie damit gemeint haben das mann eine Schock bekommt wenn man von den USA in ein deutsches Krankenhaus kommt? Ich selbst habe ausser in der Farmulatur und im PJ noch nicht in einem deutschen Krankehaus gearbeitet,moechte es aber fuer mich nicht ganz ausschliessen.
Avatar #91254
am Montag, 2. März 2015 um 10:13
geändert am 02.03.2015 10:17:55

Bisschen früh :)

Hallo Jannis,

ich sehe, dass du das Medizinstudium noch nicht begonnen hast, bist also keinesfalls zu spät mit Deiner Frage.
Du musst dir halt überlegen, was du willst:

1. Auf jeden Fall in die USA. Da ist ein Medizinstudium bestimmt nicht das schlechteste, aber residency würdest du in frühestens 7-8 Jahren beginnen. Das ist eine verdammt lange Zeit für Vorhersagen, wie dann das match funktioniert, wie kompetitiv es ist, etc. Kann sein, dass die eines Tages zwei Runden im match einführen wie in Kanada und damit Ausländern den Weg fast unmöglich machen (glaub ich zwar nicht, aber weiß man es?). Kann sein, dass es einfach insgesamt noch viel kompetitiver wird und man residencies die man jetzt noch gut kriegen kann dann nicht mehr kriegt. Wenn du also aus privaten Gründen zwingend in die USA willst, kann das mit einem Medizinstudium hier auch in die Hose gehen. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch schwer zu sagen, ob man in so vielen Jahren noch rüber will / muss.
2. Du willst auf jeden Fall Chirurg werden. Zu Studienbeginn haben viele Studenten Pläne / Ziele / Träume. Viele davon werden sich umorientieren, selbst wenn sie in D bleiben, weil die Vorstellung die man sich von einer specialty macht, oft nicht mit dem übereinstimmen, was man dann tatsächlich den lieben langen Tag treibt. Hätte zu Studienbeginn zum Beispiel nicht gedacht, dass es mich mal in die Radiologie treiben würde...
3. Du willst auf jeden Fall Arzt werden, u.U. Chirurg und u.U. in die USA - für den Fall ist dein jetziger Plan der richtige. Auslands-PJ, z.B. die genannte Sache ich Chicago sind doch eine gute Möglichkeit. Am Besten gleich von Anfang an entsprechende Angebote nutzen, Famulaturen, Englischsprachige Kurse, Forschungsaufenthalt in den USA, PJ-Tertiale, etc. Damit verbaut man sich ja nichts für Deutschland, wenn es nicht klappen sollte, im Gegenteil. Kann aber gut sein, dass du am Ende abwägen musst, ob du lieber Neurochirurg in Berlin oder Allgemeinarzt in NYC wirst.

Ansonsten viel Erfolg im Studium, ist eine tolle Zeit!
Shyldoc

P.S.: Zur Rückkehr nach Deutschland: Geht prinzipiell schon, meist muss man ein Jahr in dem Fach in Deutschland gearbeitet haben, den Katalog erfüllen, die Zeiten erfüllen und die Facharztprüfung auch hier noch ablegen. Letztere ist hier aber meistens einfacher. Im Falle eines J1-Visas muss man ja ggf. ohnehin nochmal zurück, da kann man das locker erledigen. Oder man arbeitet erstmal ein Jahr in D während man sich auf das match vorbereitet, ganz nahtlos nach dem Studium ist es ohnehin als Ausländer kaum zu machen mit dem match.
Avatar #110852
am Montag, 9. März 2015 um 00:17

@Tango

Mit 'Schock' uebertreibe ich ggf etwas, aber es ist doch deutlich 'anders'.

Ich kenne das deutsche System aus den 80/90 Jahren und jetzt interessehalber wieder.

In den 80/90 Jahren waren die deutschen Krankenhäuser tip top tadellos, sehr ordentlich, sehr sauber - insgesamt sehr gut.

Derzeit kommt mir alles etwas ungepflegt vor, nicht mehr ganz so sauber.

Im Umgang mit den Patienten ist man in den USA professioneller - also nicht mal kurz 'Hose runter' während der Visite mit etwas 12 Kollegen anwesend.
Auch sind die Kollegen zT 'schmuddelig - Studentenlook' - von mir als etwas unseriös empfunden.

Insgesamt alles Kleinigkeiten, sicher von Haus zu Haus verschieden, aber ein gewisser 'step down' im Vergleich with good old USA.

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Zusatzinfos

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Eine Tätigkeit in den USA ist für Ärzte mit Approbation und seit dem 1.Juli 1998 auch für Ärzte im Praktikum innerhalb des sogenannten Residency Program (Weiterbildungsprogramm, das auch als Einstieg für Fachärzte notwendig ist) möglich. Voraussetzung für den Fall einer zeitlich begrenzten klinischen Tätigkeit in den USA (max. 7 Jahre) ist das ECFMG Standard Certificate. Es wird nach Bestehen von Step 1 und Step 2 des USMLE-Examens (United States Medical Licensing Examination), des TOEFEL-Tests (verlangt wird eine bestimmte Punktzahl) und des sogenannten Clinical Skills Assessment Test (CSA) ausgestellt. Die Prüfungen für Step 1 und Step 2 werden von dem ECFMG (Educational Commission for Foreign Medical Graduates in Deutschland in Testzentren in vier Städten (Berlin, Hamburg, Frankfurt und München) abgenommen. In diesem Jahr wurde der schriftliche Test durch einen Computer-Test ersetzt. Prüfungstermine werden über das ganze Jahr verteilt angeboten. Der CSA-Test, eine klinisch-praktische Prüfung wird jederzeit, jedoch nur in einem Testzentrum in Philadelphia angeboten

Für die Beantragung der sogenannten Green Card - Voraussetzung für eine langfristige Tätigkeit- ist schließlich noch die Absolvierung der 3. Stufe des USMLE-Examens notwendig.

Allgemeine Informationen über die Zulassung zum Arztberuf in den USA und eine Adressenliste der einzelnen Zulassungsbehörden sind erhältlich bei der:

Federation of State Medical Boards of the U.S. (FSMB)
400 Fuller Wiser Road
Suite 300
Euless, Tx 76039-3855
USA

Tel: (817) 571 2949
http://www.fsmb.org

Die offizielle Informationsbroschüre über die Tests mit den Anmeldeformularen schicken wir Ihnen auf Anforderung gerne zu, diese sind aber auch im Internet abrufbar unter:

Educational Commission for Foreign Medical Graduates
(ECFMG)
3624 Market Street
Philadelphia, PA 19104-2685, U.S.A.

Tel.: 001-215-386-5900
Fax: 001-215-387-9963
http://www.ecfmg.org

United States Medical Licensing Examination (USMLE)
3750 Market Street
Philadelphia, PA 19104-3190

Tel.: 001-215-590-9600
http://www.usmle.org

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Famulatur: „Für Frieden und Gesundheit in Boston“