DÄ plusForenSchweizAls Arzt in die (deutsche) Schweiz

Schweiz

Schweiz

Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.Wer einen Arbeits­aufenthalt im Ausland plant, hat viele Fragen. In diesem Forum können Ärzte aus dem Ausland ihre Erfahrungen weitergeben und sich mit mit Ärzten in Deutschland austauschen.

am Sonntag, 22. März 2015 um 14:48

Als Arzt in die (deutsche) Schweiz

Gerade habe ich mich durch einige Forenbeiträge geblättert und bin über viele Beiträge sehr erschrocken. Deshalb werde ich meine fast 4jährige Erfahrung innerhalb der Schweiz hier darlegen. Die deutschen Verhältnisse kenne ich als Ärztekind, Studium, Famulaturen und PJ in Deutschland zur Genüge und auch in anderen Ländern konnte ich das Gesundheitssystem (und die Länder an sich) kennenlernen. Hierzu gehören: Malta, Hong Kong, Frankreich, Griechenland und in Ansätzen USA.
Ich kam als Student in das Kanton Bern im Rahmen meines PJ im Tertial für Innere Medizin. Es wurde (und wird) sehr viel Wert auf Pünktlichkeit und Genauigkeit gelegt, aber das sollte einen nicht gross stören. Die Kontaktaufnahme nach der Bewerbung war prompt und immer sehr freundlich...ja...ich MEINE freundlich und nicht höflich, was sich daran zeigt, dass sehr viele dieser Menschen zu sehr guten Freunden geworden sind!
Zu Beginn kam ich mir doch recht verloren vor...aber nach einigen Auslandsaufenthalten, war das für mich nicht neu (und ich denke, das wird jedem in jedem Land so ergehen). Die Hierarchie war an meiner PJ- (und späteren ersten) Arbeitsstelle flach. Ausnahme: die Beziehung zu zwei der drei Chefärzten...aber da man das aus Deutschland in viel grösserem Rahmen kannte, war das in Ordnung. Der dritte Chef war sehr kollegial und man konnte ausnahmslos mit ALLEN Vorgesetzten (das schliesst alle Ober- und Chefärzte ein, mit denen ich bisher arbeitete; Schweizer, Deutsche und auch Afghanen) sehr gut arbeiten. Man bekommt 3 bis 4 mal pro Woche ein Teaching in Form von EKG Kursen, Befundvisiten, Updates, Weiterbildungen, Patientenpräsentationen, Journal-Clubs,... . Von einem Mangel an Weiterbildung kann absolut keine Rede sein.
Hinzu kommt, dass man an den kleineren Häusern sehr schnell selber viele Dinge machen darf. Zunächst unter Supervision und dann eigenständig. An den grösseren dauert das mitunter sehr viel länger (was aber in Deutschland oft nicht anders ist).
Die Atmsophäre ist insgesamt beim Arbeiten sehr angenehm und man arbeitet gerne. In der Freizeit merkt man, dass Schweizer insgesamt zurückhaltender sind. Wenn sie sich aber öffnen, dann von ganzem Herzen und das schätze ich sehr.
Ja...im puncto Streitkultur habe ich andere Vorstellungen, aber das ist vmtl auch mein griechisches Erbe. Es gibt wenig Schweizer, die direkt mal in die Luft gehen oder die direkte Konfrontation suchen. Spricht man ein Problem aber offen an, trifft man nie auf verschlossene Türen und es wird aktiv nach einer Lösung gesucht.
Das Berndeutsch ist für mich mittlerweile ein deutscher Akzent wie das Schwäbische, Bayerische, Pfälzische, Platt,.... geworden (was es ja auch eigentlich ist). Ich verstehe es sehr gut und kann es mitunter auch sprechen. Von Seiten meiner Patienten, Mitarbeiter und Freunden bin ich niemals auf Ablehnung gestossen, wenn ich etwas nicht verstand oder weil ich keine Mundart spreche. In sehr vielen Fällen wurde ich sogar von den älteren Menschen hier gefragt, ob diese doch besser "Schriftdeutsch" mit mir sprechen sollen und auch neue Mitarbeiter fragen mich. Natürlich sprechen Schweizer lieber ihren Dialekt...aber da fallen mir auf Anhieb eine ganze Menge Volksgruppen in Deutschland ein, die das auch machen. Es stört mich kein bisschen und ich finde ihre Sprache super (und irgendwie putzig ;)! )!
Natürlich sind meine Schweizer Kollegen und Freunde manchmal neugierig, wie denn gewisse Dinge in Deutschland gehandhabt werden, aber das ist normal. Wenn man hierher kommt, muss man sich natürlich im Klaren sein, dass viele Dinge (u.a. auch in der Medizin) anders gemacht werden, als in Deutschland. Ob das im Einzelfall besser oder schlechter ist, probiert man am besten selber aus. Man ist nicht verschlossen für Verbesserungen, sollte aber auch bereit sein, sich auf manches einzulassen (wie bspw die oben erwähnte Streitkultur). Wer natürlich stur wie ein Laster auf seinen Wünschen und Vorstellungen beharrt, wird hier nicht gut ankommen (in welchem Land der Erde käme man das?!).
Von der menschlichen Seite her ist zu erwähnen, dass ich mit Ämtern bzgl meiner Aufenthaltsbewilligung das erste und einzige Mal in vier Jahren Probleme hatte. Ich habe aber gehört, auf Ämtern wäre das wohl mitunter auch in D. so und auch das liess sich bereinigen.
Zu meiner ersten Stelle kam ich,beim Joggen mit meinem alten Chef. Er fragte mich direkt, ob ich nicht nach dem StEx für ihn arbeiten möchte. Ich hier in aller Deutlichkeit herausstellen, dass dies ein hier geboren und aufgewachsener Schweizer war, da ich an vielen Stellen die viel beschrieene Fremdenfeindlichkeit gelesen habe...
Die SVP ist für mich in grossen Bereichen eine erzkonservative, wirtschaftsnahe und zum Teil fremdenfeindliche Partei...bevor aber aufgeschrien wird, möchte ich an eine gewisse GROSSE bayerische Volkspartei, die Republikaner, die AfD und die NPD verweisen...dass sich die Schweiz Gedanken über Zuwanderung macht, ist verständlich, wenn man bedenkt, dass von den 8 Mio. Einwohnern etwa 1 Mio. Zuwanderer sind. Rein prozentual ist das ein wenig mehr, als bei uns. Jüngst bietet die Schweiz eine milliardenschwere Hilfe für das angeschlagene Griechenland an...macht man sowas, als Rassist? Würde Erdogan einen Hilfsfond für Kurden gründen?
Die sog. "Zuwanderungsinitiative" wurde von 51% aller abgegebenen Stimmen angenommen. ABER die Wahlbeteiligung lag bei 50%, das heisst, knapp über 25% aller Stimmberechtigten (also gerade jeder Vierte), stimmte zu. Wer nicht wählte, waren oft die, die dagegen gestimmt hätten, wie sich aus Analysen ergab. Dass es aber eigentlich rein um Wirtschaftsverträge mit der EU ging, wird von fast allen Deutschen geflissentlich ignoriert.
Die Bezahlung ist hier kantonal geregelt, d.h. ALLE Spitäler innerhalb eines Kantons zahlen den gleichen Lohn (je nach Arbeitsjahr, Stellung und Facharzttitel...ein AA im 3. Jahr bekommt in jedem Haus die gleiche Bezahlung). Unterschiede gibt es in der Dienstvergütung (und die können gross sein). Insgesamt ist ein Schweizer Gehalt sehr hoch. Die KK-Beiträge sind tiefer als in D. (und Zahnversicherungen muss man auch in D. seperat abschliessen). Mehr Kosten fallen in puncto Miete, Versicherungen und Lebensmittel an. Unterm Strich bleibt mir hier mehr übrig als meinen Kollegen aus D.
Die Arbeitswoche hat 50 Stunden und mit denen komme ich sehr gut aus (im Gegensatz zu D.). Hier gibt es weniger Ferien, aber auch das wird von Haus zu Haus unterschiedlich geregelt (in diesem Jahr sind es bei mir 6 Wochen...). Kein Grund, zu klagen. Der Arbeitsdruck und -Aufwand ist hier gleich, wie in D. Natürlich gibt es hier - wie auch überall - Kollegen mit unglaublich vielen Überstunden, wobei das Problem dann (oft) nicht am Arbeitsaufwand, sondern der Organisation liegt. In Zeiten des Ärztemangels werden die Überstunden infolge Arbeitsaufwand aber sicher steigen.

Als Fazit kann ich jedem, der mit diesem Gedanken spielt, empfehlen, in der Schweiz zu arbeiten. Ob man dann gleich hier bleiben möchte, kann man für sich entscheiden. Die Schweiz(er) heissen Deutsche in einem sehr grossen Teil der Fälle willkommen und sind ein sehr herzliches Volk! Die Arbeit ist bei Leibe nicht weniger, als in D., die Bezahlung aber besser, das Arbeitsklima angenehmer und die Hierarchien flacher (im Einzelfall gibt es aber schwarze Schaafe, von denen auch ich weiss...). Die Ausbildung ist gut und man muss sich nicht verstecken!
Freizeitmöglichkeiten gibt es hier in rauen Mengen (vom Wandern bis hin zu alpinen Skitouren, Segeln oder Paragliding).
Fremdenfeindlichkeit gibt es hier genauso, wie in D. (Hooligans, NPD-Demos, PEGIDA,...). Wahrscheinlich fällt das einem in einem fremden Land erst auf...es ist aber insgesamt sehr sehr wenig.
Ich habe meinen Entschluss hierherzukommen bis jetzt nicht einen einzigen Tag bereut!
am Mittwoch, 4. November 2015 um 20:16

Danke, endlich mal eine andere Meinung

Lieber Greek Medicus,

Ich bin froh nun auch mal etwas positives über die Arbeit in der Schweiz zu lesen, ich war langsam verunsichert beim Blättern durch das Forum.

Ich mache gerade meinen FA in der Dermatologie und möchte danach in die Schweiz.
Hast Du Tipps für Einstieg und Bewerbung?
Ich kenne die Schweiz nur aus dem Urlaub, fand es bis jetzt aber immerhin wunderschön.
Glaubst Du man hat als Deutscher bei Patienten und Kollegen eine Chance?
Freue mich über jede Info.

Viele Grüße von der Nordsee

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos

Mehr zur Schweiz

Offizielle Informationsstelle:

Ausführliche gemeinsame Hinweise des Bundesamts für Gesundheit und der Verbindung Schweizer Ärzte finden Sie auf der folgenden sog. Wegleitung:
http://www.fmh.ch/index.cfm?l=d&a=1&m=30&o=1012&obj=1

Bundesamt für Gesundheit
CH-3003 Bern
Tel ++41 (0)31 322 21 11
Fax ++41 (0)31 322 95 07

eMail: info@bag.admin.ch
http://www.bag.admin.ch/berufe/projektmed/gesetz/d/index.htm


Verbindung Schweizer Ärzte
Foederatio Medicorum Helveticorum (FMH)
Elfenstr. 18
CH - 3000 Bern 16
Schweiz

Tel.: 0041 31359 1111
Fax: 0041 31359 1112
http://www.fmh.ch

Schweizerische Ärztezeitung
http://www.saez.ch/

Suche nach Krankenhausadressen
http://www.emh.ch/d/set_med-addresses.html

Alle Foren
Kommentare Print
Kommentare News
Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?
Was ist ein guter Arzt?
Akupunktur: Spekulative Lehrinhalte?
Ärzte als Suizidhelfer?
Priorisierung
Aufstand Kassenärzte
Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte
Arbeiten im Ausland
Organspende
Forschungsbetrug
Gesundheitszentren
Der Nachwuchs geht
Ärzte-TÜV
Praxis-EDV
Vermischtes
NEIN-Sagen