DÄ plusForenKommentare NewsWoher soll die Krankenkasse wissen, welchen Beruf der Versicherte hat?

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Avatar #675503
am Freitag, 4. März 2016 um 11:47

Schweigepflicht...

Kommentar zur Nachricht
Germanwings-Absturz: Montgomery wehrt sich gegen Aufhebung der Schweigepflicht
vom Donnerstag, 3. März 2016
ein Argument, dass gern genommen wird um die eigenen Interessen zu wahren. Aber sie ist wichtig, denn schon jetzt werden Daten auf schmutzigste Art und Weise von Behörden und Unternehmen ausgenutzt.

Richtig wäre es allerdings, wenn die Krankenkasse so viele Krankschreibungen von einem "Versicherten" erhält, dann sollte sie verdammt noch mal soviel Verantwortung besitzen und in solchen Fällen Kontakt mit dem Arbeitgeber aufnehmen, wenn der "Versicherte" einen Beruf ausübt, in dem er auf Grund er Erkrankung andere Leben gefährden kann. Die Diagnoseschlüssel sind der KK bekannt und somit gibt es keine Grund sich hier aus der Verantwortung zu ziehen. Wer das Geld von seinen "Versicherten" kassiert, hat auch eine absolute Sicherheitsverantwortung oder wird das Geld tatsächlich für goldene Kloschüsseln verbraten?
Avatar #115425
am Freitag, 4. März 2016 um 12:55

Woher soll die Krankenkasse wissen, welchen Beruf der Versicherte hat?

@Widerstand

Leider ist dies nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen. Zwar wird der Krankenkasse der Tätigkeitsschlüssel übermittelt, dieser darf aber eigentlich nur von der Bundesanstalt für Arbeit für deren Statistiken verwendet werden. Die Krankenkassen leiten diesen nur einfach weiter im voll elektronischen Verfahren.

Was den ICD Schlüssel betrifft ist dieser auch nicht voll aussagefähig. Außerdem wird dieser ohne eine Rücksprache mit dem ärztlichen Dienst der betreffenden Kassen von "einfachen" Verwaltungsangestellten verwendet, nämlich in erster Linie, um Geld zu sparen. Das Motto: Die Krankheit dauert schon zu lange, wir müssen uns da einschalten und einen Vorschlag machen, weil der Arzt den Patienten "offensichtlich" nicht richtig behandelt.

Dabei kommen unsinnige Vorschläge raus, wie z.B. eine Verhaltenstherapie, die der Patient aber schon ohne Erfolg hinter sich gebracht hat, mit dem Ergebnis, dass diese Therapie gar nicht zu seiner Krankheit passt. Die Krankenkassen werden zudem auch erst tätig, wenn es um Krankengeldzahlungen geht, nachdem der Arbeitgeber schon 6 Wochen bezahlt hat.

In die Menschen, die so etwas tun, kann sich nicht einmal ein Arzt richtig reindenken. Das ist sehr tragisch. Nicht jede psychische Krankheit ist mit Suizid oder erweitertem Suizid verbunden. "Gesicherte" Diagnosen können mitunter erst nach Monaten gestellt werden, bzw. können sich im Laufe der Zeit auch ändern.

Deshalb sind solche Ereignisse nicht vorhersehbar. Außerdem ist es auch möglich, dass ein Pilot den "Plötzlichen Herztod" erleidet. Dieser ist (bis jetzt) auch nicht vorhersehbar. Es bleibt eigentlich nur das "4 Augen-Prinzip" um in Zukunft das immer bestehende Restrisiko zu minimieren.
Avatar #115916
am Sonntag, 6. März 2016 um 11:56

Der Deutsche Ärztetag 2015

hat zu dem Thema eine ganze Zahl von Bechlüssen gefasst, die sehr gute Lösungen für das Problem aufzeigen.

Mit die wichtigste: Wenn der Arzt weiß, dass der betreffende Pilot oder Fluglotse ist, muss der Arzt die einfache Möglichkeit haben, den Patienten DIENSTUNFÄHIG melden zu können.

Der Grund sollte gerade eben bei psychischen Problemen NICHT genannt werden, weil das die Adherence zerstört.

Ggf. braucht es mehr Flugmediziner.
Avatar #691359
am Sonntag, 6. März 2016 um 23:19

Ursache und Wirkung

Die Forderung nach Lockerung der Schweigepflicht mag auf den ersten Blick angemessen erscheinen. Aber angenommen, es würde dazu kommen, was wären die Konsequenzen? Ein Pilot mit psychischen Problemen würde erst gar nicht zum Arzt gehen, sobald er seine Flugtauglichkeit bedroht sieht. Selbst eine kleinere Störung könnte sich im Laufe der Zeit zu einer schwersten Depression entwickeln und im Endeffekt hätte man nicht weniger sondern mehr tickende Zeitbomben, weil dann auch die dazukämen, die evtl. auf eine ambulante Psychotherapie angesprochen hätten.

Das Kernproblem ist aus meiner Sicht nicht eine Pflichtverletzung der behandelnden Ärzte, sondern die Frage, wie kann ein gebildeter Mensch ohne vorherige Gewaltkarriere plötzlich alle moralischen Werte über den Haufen werfen und eine derartige schreckliche Tat begehen? Der Selbstmord des Piloten ist aus meiner Sicht vergleichbar mit einem Amoklauf, wie z.B. dem Amoklauf in Erfurt: https://de.wikipedia.org/wiki/Amoklauf_von_Erfurt .

In beiden Fällen hatten die Täter ein Lügengebäude um sich herum errichtet, in beiden Fällen gab es einen Verfallstag, in beiden Fällen drohte der totale gesellschaftliche Abstieg. In dem einen Fall war es die Abiturprüfung und der Schulverweis ohne jeden Abschluss. In dem anderen Fall war allein schon das Aufsuchen von 17 Ärzten ein Maß für den Leidensdruck des Kopiloten. Innerlich wird er sehr genau gewusst haben, dass ihm ohne eine mehrwöchige stationäre Einweisung nicht zu helfen ist. Diese Einweisung kann aber nicht vor dem Arbeitgeber geheim gehalten werden und führt automatisch zu einem Verlust der Fluglizenz, wahrscheinlich für immer. Wenn man Kurzschlussreaktionen wie diese zukünftig verhindern möchte, sollte man also nicht die ärztliche Schweigepflicht aushöhlen, sondern dafür sorgen, dass solche Personen nicht in eine aus ihrer Sicht absolut ausweglose Situation geraten müssen.

Dies würde bedeuten, dass man z.B. in einer so hochgradig spezialisierten Berufsgruppe wie Verkehrspiloten alternative Karrierewege schafft (z.B. Frachtpiloten, Ausbilder etc.), wo die Anforderungen weniger streng sind als in der Personenbeförderung, wo man ohne Gesichtsverlust eine derartige Krankheitsphase überstehen kann. Dies würde auch bedeuten dafür zu sorgen, dass gar nicht erst ein Lügengebäude mit überkritischer Größe errichtet werden muss. Notwendig wäre dafür eine Vertrauensperson in der Fluglinie, möglichst selbst ein erfahrener Pilot, der einerseits an die Schweigepflicht gebunden ist, der andererseits zusammen mit dem Betriebsarzt eine Lösung findet, die nicht zum gesellschaftlichen Absturz des Betroffenen führt und der zeitlich befristet eine Art berufliche „Vormundschaft“ über den betroffenen Piloten erhält. Das wäre dann eine Abmachung zum beidseitigen Vorteil, im Tausch für die Erhaltung der beruflichen Perspektive entbindet der betroffene Pilot seinen Arzt von der Schweigepflicht und zusammen müssten Vertrauensperson (=Vormund) plus Betriebsarzt plus behandelnder Arzt entscheiden, wie die Interessen aller Beteiligten geschützt werden können. Das Alles kostet die Fluglinien wahrscheinlich viel Geld, andererseits wie viel Geld kostet ein derartiger Absturz?

Gerade bei Piloten wird zu Beginn der Ausbildung sehr streng selektiert, aber wie man sieht, reicht dies nicht aus, manche Probleme sind zu Beginn der Ausbildung einfach noch nicht absehbar. Bei Maschinen kann zusätzliche Kontrolle das Sicherheitsniveau erhöhen, bei Menschen führt zusätzlicher Druck dazu, dass einige unter dem Druck zusammenbrechen und andere diesen Druck in eine Gewalttat transformieren. Gerade das Luftfahrtbundesamt sollte es eigentlich besser wissen, nämlich dass nur nichtsanktionierende Systeme erst eine erfolgreiche Fehlerkultur ermöglichen. Der Absturz war ja gerade die Folge eines übergroßen Erfolgsdrucks, wegen dieses Drucks wurde die Krankschreibung nicht umgesetzt. Und Aufgabe des Luftfahrtbundesamtes wäre es diesen Druck zu senken, nicht ihn weiter zu erhöhen. Mit einer Aushöhlung der Schweigepflicht hätte man diesen EINEN Fall vielleicht verhindern können, dies aber um den Preis eines Eingriffs in die Grundrechte der Verfassung und um den Preis des totalen Kontrollverlusts bei ZUKÜNFTIGEN ähnlichen Ereignissen.

Siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Verschwiegenheitspflicht
Avatar #697854
am Montag, 7. März 2016 um 22:21

Montgomery ist ein guter Ärztevertreter!

Ich darf höflich darauf hinweise, dass auch dieser Flugzeugabsturz keineswegs restlos geklärt ist, wie auch einige andere Flugzeugabstürze.

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