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Avatar #106067
am Sonntag, 19. Juni 2016 um 23:53

E-Health und Arzt-Patienten-Interaktion

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Viele Ärzte sehen Gesundheitsrecherche im Internet kritisch
vom Montag, 13. Juni 2016
Ich begrüße vorbehaltlos alle Anstrengungen, die Patienten-Arzt-Patienten Kommunikation mit E-Health-Allokationen zu verbessern!

Doch die Bertelsmann Stiftung betreibt anlässlich ihrer 2. Gesundheitsmonitor-2016-Studie erneut undifferenziertes Ärzte-“Bashing”. Die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner, kann ihre lnterpretation von “genervten Ärztinnen und Ärzten” nicht ansatzweise belegen. Sie hat niemals in eigener Praxis als Vertragsärztin gearbeitet und keinen Forschungsschwerpunkt über bio-psycho-soziale Erkenntnisse zu Arzt-Patienten-Interaktionen entwickelt.

„Hat sich die Medizin für den mündigen Patienten geöffnet?”, fragt die Autorin der Monitor-Studie, Anja Bittner selbst. Ihre Antwort lautet schon im Ansatz völlig schief: “Nein, jedenfalls dann nicht, wenn der Patient seine Informationen aus dem Internet hat. So gab zwar ein Viertel der niedergelassenen Ärzte an, dass sich rund 30% ihrer täglichen Patientinnen und Patienten über das Internet vorinformiert haben. Die 4 häufigsten Themen, über die sich die Patienten informierten, sind laut Umfrage die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen.”

Professionell interagierende niedergelassene Ärzte stellen zunächst offene Fragen wie “Was führt sie zu mir?” Oder “Was kann ich für sie tun?”. Und es geht von der Vorgeschichte (Anamnese) zunächst zu den Krankheits-B e s c h w e r d e n! Danach erst zu den medizinischen Symptomen und der klinischen Untersuchung. Die Patienten informierten sich am häufigsten “laut Umfrage (über) die Therapien, die Symptome, die Behandlungen allgemein und die Kassenleistungen”, noch b e v o r sie sich über ihre eigene Krankheits-Vorgeschichte und die zu schildernden Beschwerden im Klaren geworden sind.

Das ist der entscheidende Grund für Kommunikations-Schieflagen in der Arztpraxis. Die angemessene Detektion von Syndromen, eine zielgerichtete apparativ-technische und labor-chemische Diagnostik, Differenzialdiagnostik, Arbeitsdiagnosen, pathophysiologisch begründete Krankheits-Hypothesen usw. brauchen das vorherige Gespräch mit dem Arzt und Patienten bzw. die Abklärung, worum es eigentlich geht.

“Dr. Google” und das Internet kennen solche qualitätsgesicherten, professionellen Vorgehensweisen nicht: Nahezu alle physiologischen Lebensweisen, normales und abweichendes Verhalten, Varianten der Natur werden unmittelbar pathologisiert, dämonisiert, diskriminiert und mit zwingendem Alarmismus belegt. Der medizinisch-ärztliche Sachverstand bleibt außen vor.

Sogar unter
http://www.patienten-information.de/kurzinformationen/seltene-erkrankungen/marfan-syndrom
der BÄK und KBV, welche EDV-scheue niedergelassene Ärztinnen und Ärzte angeblich ignorieren, finden sich fragwürdig-falsche Informationen: Auf Seite eins wird das extrem seltene Marfan-Syndrom aufgeführt. Ich selbst habe 2 Patientinnen in meiner Praxis bei 20.000 bisher Behandelten.

Unter
http://www.patienten-information.de
Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) -Im Auftrag von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und Bundesärztekammer (BÄK) findet sich:

“DIE ERKRANKUNG – Das Marfan-Syndrom ist eine erblich bedingte Erkrankung. Durch einen genetischen Fehler wird das Bindegewebe nicht normal gebildet. Bindegewebe kommt fast überall im Körper vor. Betroffen sind daher viele verschiedene Organe und Körperstrukturen, wie Knochen und Gelenke, Augen oder Herz und Blutgefäße. Nach Schätzungen sind etwa 1 bis 2 von 10000 Menschen am Marfan-Syndrom erkrankt. Die Krankheit wird unabhängig vom Geschlecht vererbt. Männer und Frauen sind gleich häufig betroffen. Ist ein Elternteil erkrankt, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, dass auch das Kind erkrankt. Bei etwa jedem Vierten wird die Krankheit nicht vererbt, sondern die Erbinformation hat sich zufällig verändert. Das Marfan-Syndrom tritt dann in dieser Familie neu auf.”

Bei Erkrankung eines Elternteils beträgt nach der Mendel’schen Vererbungslehre die Wahrscheinlichkeit nur 25 Prozent und n i c h t 50 Prozent wie angegeben, dass ein Kind daran ebenfalls erkrankt. Der weitere Erklärungstext ist auch gar nicht an Vorgeschichte und Patienten-Beschwerden interessiert, sondern steigt sofort auf weiterführende Diagnostik, Verlauf und Therapie bzw. Sterblichkeits-Drohkulisse ein. Symptombeschreibungen sind verwechslungsanfällig für Anorexie, Kollagenosen und VACTERL-Syndrom. Es wird so getan, als könne jeder mit verstärkter Gelenk-Beweglichkeit diese hochspezifische Erkrankung haben.

Es ist vorsätzliche Irreführung in der Bertelsmann-Studie: Immerhin “47% der befragten Ärztinnen und Ärzte sehen in den (vor-)informierten Patienten eine Chance für eine positive Veränderung des Arzt-Patienten-Geschehens. 98% der Ärzte erklären (zwar), dass sich der Trend zur Selbstrecherche medizinischer Fragen in den vergangenen 5 Jahren verstärkt habe … nur 40% freuen sich über das Interesse der Patienten”.

Das bedeutet doch eher einen p o s i t i v e n Trend, wenn nur noch 60 Prozent der Ärzte Vorbehalte haben!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #691359
am Montag, 20. Juni 2016 um 23:42

Dr. Google oder Morbus Google?

Das Internet ist in erster Linie eine riesige Datenbank, das sagt aber noch nichts über die Qualität der dort verfügbaren Daten. Wer wissen möchte, wieviel personeller Aufwand notwendig ist, um Daten wirklich zu pflegen, kann das Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg mit ca. 900 Mitarbeitern als Beispiel nehmen (Quelle: Wikipedia).

Das andere Problem ist die Medienkompetenz der Leute, die darauf zugreifen. Der aufgeklärte Patient ist ein Idealbild, spätestens dann, wenn man selbst mit der Krankheit zu kämpfen hat und Angst hat, dass einem die Zeit davon läuft, bedarf es außerordentlicher Disziplin, um die verfügbaren Informationen richtig einzuordnen. Dr. Google und Morbus Google sind sicher die Extremvarianten des Umgangs mit medizinischer Information aus dem Internet, die Wahrheit liegt meistens irgendwo dazwischen.

Dies erklärt auch die Skepsis, wenn Ärzte mit Dr. Google konfrontiert werden. Die Zeit, die sie durch Dr. Google gewinnen könnten, wird durch den Morbus Google mehr als aufgefressen, ganz abgesehen davon, dass im EBM weder Zeit noch Geld für die Therapie des Morbus Google vorgesehen sind.

Bei einer derartigen Umfrage sollte man auch überlegen, welche Patientengruppen davon betroffen sind. Die Ü70 sind zwar das Gros der Patienten, sind aber fast durchgehend komplett analog ohne Zugang zum Internet. Bei den unter 40-jährigen gibt es keine Berührungsängste beim Internet, die sind aber selten in der Arztpraxis. Das bedeutet, bei einer derartigen Umfrage dürfte die mittlere Altersgruppe, insbesondere der Personen mit einer Veranlagung zum Hypochonder und einer entsprechenden Anfälligkeit für den Morbus Google, deutlich überrepräsentiert sein.

Wer also auf Dr. Google vertraut, sollte also immer bedenken, Dr. Google hat keine Approbation, Dr. Google kann also auch nicht für Fehlurteile verklagt werden. Dr. Google ist ein miserabler Diagnostiker (dies ist die Kernkompetenz eines Arztes aus Fleisch und Blut, siehe auch den Beitrag von Dr. Schaetzler), aber er kann bei der Bewältigung von Krankheiten helfen (nicht nur Patienten, auch deren Angehörige benötigen Aufklärung). Es ist also durchaus eine wichtige Frage zu überlegen, wie man die Neugier der Patienten in die richtigen Kanäle lenkt.
Avatar #115425
am Dienstag, 21. Juni 2016 um 14:49

Dr. Google weis nicht alles, Ärzte aber auch nicht

Also, ich finde als Patient Dr. Google durchaus brauchbar. Insbesondere den Teil der Ärztezeitungen, Veröffentlichungen von Universitätsaufsätzen und Patientenrechten.

Schon mancher Arzt musste meinen Eigenversuchen und den Erkenntnissen aus dem Internet zustimmen. Manche haben sich über das Wissen gewundert.

Wenn man mit sieben Facharztrichtungen zu tun hat, die überwiegend einen "Tunnelblick" für ihre eigene Sparte haben, sollte man schon aufpassen.

Aber viele Fehler passieren Ärzten in der "Verwaltung". Da gibt man in vier Fachpraxen ausdrücklich seine Allergie an und ein Jahr später fragt man nach und erfährt, dass keine Praxis das noch "abgespeichert" hat. Dass eine ganze Gruppe von Antidiabetika deshalb nicht vertragen werde, habe ich aus einem Universitätsaufsatz erfahren. Auch, dass bei starker Herzschwäche eine Hypoglykämie für mich ein "patientenrelevanter Endpunkt" sein könnte habe ich auch aus dem Internet erfahren. So gibt es noch mehr "Sachen".

Meine Meinung ist, dass man/frau die Komplexität des eigenen Körpers auch gar nicht zumuten kann. Die Studien die gemacht wurden was Ernährung und Verhalten betrifft, die gelten eigentlich nur für Gesunde, die diese gar nicht nötig haben.

Was Erbkrankheiten betrifft, die gehen nicht nur von einer Generation zur anderen. Es sind immer mehrere Generationen nötig. Auch, dass wir schon mit vielen "Programmfehlern" geboren werden und man nicht die "Weiterentwicklung" vorhersehen kann, ist eigentlich "biologisch logisch".

Die Gesundheitsstudien, die es den Kassen erlauben, die "Schuld" auf die Patienten zu schieben, erinnern mich an eine Zeit, in der es als wissenschaftlich erwiesen galt, dass die Erde eine Scheibe ist.

Die Ärzte sollten ihre Patienten ernst nehmen und Patienten sollten nicht erwarten, dass der Doktor immer alles weis und auch keine sofortige "gesicherte" Diagnose erwarten.

Ein Arzt steckt buchstäblich nicht in der "Haut seines Patienten". Er hat aber gewisse Erfahrungen mit dem Großteil seiner Kunden.

Unter diesen Gesichtspunkten sollte eine gedeihlich Zusammenarbeit zwischen Patient und Arzt erfolgen, soweit es die Komplexität von Gesundheit und Krankheit überhaupt zulässt.

Schließlich sind Menschen auch "nur" hochkomplexe, biochemische Computer. Bei allem Fortschritt in der Technik "machen" auch "normale" Computer Fehler - hardwaremäßig. Für die Fehlerfreiheit "unter allen Umständen" von Programmen, gibt es auch keine Garatie.
Avatar #115425
am Dienstag, 21. Juni 2016 um 14:54

Berichtigung

Soll sinngemäß heißen:...dass man/frau wegen der Komplexität des Körpers ein ausführliches Wissen einem Arzt nicht zumuten kann.
Avatar #115425
am Dienstag, 21. Juni 2016 um 14:54

Berichtigung

Soll sinngemäß heißen:...dass man/frau wegen der Komplexität des Körpers ein ausführliches Wissen einem Arzt nicht zumuten kann.

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