DÄ plusForenKommentare NewsRe: Ethik auch bei Prävention bewahren

Kommentare News

Kommentare News

Alle Kommentare zu Online-News

Avatar #715180
am Sonntag, 17. Juli 2016 um 22:11

Ethik auch bei Prävention bewahren !!!

Der Unterzeichner teilt ganz ausdrücklich die Bedenken des Abg. Dr. Franz–Joseph Huainigg, ÖVP-Sprecher für Menschen mit Behinderung, zu den sogenannten „Gruselbildern“ (abschreckende Realabbildungen kranker und behinderter Menschen):

„(…) Ich erachte die Anti-Raucherkampagne durch Abschreckungsbilder als sinnvoll, verwehre mich aber dagegen, Rauchen in direkten Zusammenhang zu Behinderung als Folge des Rauchens zu stellen. Beispielsweise lautet ein Warnhinweis ‚Rauchen verursacht Schlaganfälle und Behinderungen’, begleitet von Bildern wie einer blassen, apathischen, im Rollstuhl hängenden Frau oder eines künstlich beatmeten Mannes im Krankenbett. Diese Sujets vermitteln ein klischeehaftes und negatives Bild von Behinderung, die ich als diskriminierend empfinde“ (https://www.bizeps.or.at/huainigg-behinderung-als-abschreckung-ist-nicht-akzeptabel/).

Zumindest das österreichische Parlament hat reagiert: „In Form einer Entschließung spricht sich der Gesundheitsausschuss dafür aus, bei den kombinierten Warnhinweisen auf den Packungen künftig darauf zu achten, dass es zu keiner Diskriminierung behinderter Menschen kommt“, und offensichtlich das „European Disability Forum“ eingeschaltet.

Die sog. "Gruselbilder" verstoßen also

a) gegen die Würde einer großen Gruppe Menschen (Behinderte und chronisch Kranke), die mühsam für ihre Integration kämpfen,

b) überdies gegen den Jugendschutz ("jugendfrei" sind diese Abbildungen wohl kaum),

c) überdies sinngemäß gegen §201a StGB (Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt).

Überdies dürfte die Herkunft bzw. Autorisierung im Einzelfall höchst fragwürdig sein (seit wann können tote bzw. todkranke Säuglinge etc. wirksam in derartige Bilder einwilligen? Postmortaler Persönlichkeitsschutz?).

Wie wird das Erschrecken von Menschen gerechtfertigt, die ihre eigenen sterbenden Angehörigen zu erkennen glauben (Presseberichte)?

M.E. ist es eine schallende Ohrfeige auch für die gesamte Ärzteschaft, dass erst Betroffene selbst dagegen Protest einlegen müssen.

Es mag ja sein, dass man mit abgeschlagenen Extremitäten Menschen bspw. vom Diebstahl oder eben vom Rauchen abschrecken kann.

Seit wann aber heiligt der (und sei er medizinisch noch so sinnvolle) Zweck diese schlicht und einfach barbarischen Mittel?

Darf man - noch dazu als Arzt (http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/RoteReihe/Kombinierte_Warnhinweise_Band_10.pdf) - derartige Abscheulichkeiten verbreiten?

Wo bleiben die Ethikkommissionen dieser Republik?

Aufklärung - immer. Gruselbilder - NIMMER!
Avatar #697854
am Montag, 18. Juli 2016 um 23:47

Ich verstehe die Bedenken nicht.

über den Verstand erreicht man ja den Raucher nicht.
Wenn Sie eine nahen Verwandten an Lungenkrebs haben sterben sehen,
das geht nicht so ganz schnell auch dank all der medizinischen Bemühungen das zu verhindern, meist erfolglos,
denken Sie vielleicht etwas anders über "Ethik".
Avatar #715180
am Mittwoch, 20. Juli 2016 um 00:21

Re: Ethik auch bei Prävention bewahren

Zur Erinnerung: Rauchen beruht dem Grunde nach auf freier Willensentscheidung, chronische Krankheit bzw. Behinderung eo ipso eher nicht.

Es gilt also, die Verhältnismäßigkeit zu wahren: es ist m.E. (nicht nur, aber ganz besonders einem Arzt) nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich vollkommen verboten, diese freie Willensentscheidung über einen Akt (hier: "Schockbilder") beeinflussen zu wollen, der Dritte, noch dazu vollkommen Unbeteiligte, bspw. nicht rauchende beatmete Rollstuhlfahrer, in ihrer Menschenwürde verletzt (wäre es anders: weshalb hätte u.a. die österreichische Ge­sund­heits­mi­nis­terin Sabine Oberhauser, die nicht gerade für einen zimperlichen Umgang mit dem Rauchen bekannt sein dürfte, unverzüglich dem Einwand des Dr. Huainigg vollumfänglich stattgegeben?). Der (noch so beachtliche) Zweck heiligt nicht jedes beliebige Mittel.

Bei allem Mitgefühl, und mit allem gebotenen Respekt: nicht Rauchen ist kein (verlässlicher) Schutz vor Siechtum etc., und Rauchen beruht nun einmal auf "freiem Willen" (was ja durchaus für angemessene Aufklärung spricht).

Die Rechte behinderter Menschen sind überdies einklagbar. Man darf sie nicht übergehen, auch nicht fahrlässig oder auch nur "unbedarft". Man darf schon gar nicht "Leid gegen Leid" aufrechnen.

Die institutionelle "Tabakkontrolle" bedarf m.E. nunmehr zwingend einer unabhängigen Kontrolle, bspw. via "Peer Review", damit ihre (im übrigen teilweise wohl kaum "jugendfreien"*) anscheinend rein privatrechtlichen (!) Publikationen endlich einmal von unabhängiger Seite und vor allem umfassend geprüft werden ("Quis custodiet ipsos custodes?"). Wie sonst können wir uns auf ihre Objektivität verlassen?

*) http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/RoteReihe/Kombinierte_Warnhinweise_Band_10.pdf, insbesondere Seite 13; wer hat solche "Abscheulichkeiten" wie das Bild des Embryos in der Mülltonne eigentlich autorisiert?
Avatar #697854
am Mittwoch, 20. Juli 2016 um 09:04

Wer sich heute nicht alles auf "Ethik" beruft!

Es geht ausschließlich um Abschreckung vor dem Rauchen,
das geht keineswegs auf Kosten von irgend jemand. Eine solche Behauptung ist schlicht absurd und dient offenbar nur zur Selbstdarstellung irgend welcher Funktionäre (oder schlimmeres).
Auch die GEGNER von medizinischer Hilfe bei Unfruchtbarkeit der Frau berufen sich auf "Ethik",
ebenso wie die fanatischen Gegner der lebensrettenden Organtransplantation.
"Ethik" ist also nicht glaubwürdig,
eher in unserer modernen Gesellschaft
die ökonomischen Interessen der Tabakindustrie.
Avatar #715180
am Mittwoch, 20. Juli 2016 um 10:19
geändert am 20.07.2016 20:00:32

Re: Ethik auch bei Prävention bewahren

Warum wurden die "Schockbilder" kassiert, wenn die geschilderten Empfindungen bspw. des Dr. Huainigg absurd resp. unbeachtlich wären?

Es handelt sich um einklagbare Rechte benachteiligter Menschen. Dann wären die dazugehörigen Gesetze ebenfalls "absurd".

Richtig ist, dass die Motivation medizinisch in höchstem Maße sinnvoll ist. Dennoch muss es gewisse Grenzen geben.

Die Tabakindustrie bedarf schärfster Kontrolle, ohne jede Frage (vgl. "Dieselgate"). Dass aber die (womöglich auch nicht völlig altruistische) "Tabakkontrolle" nun nach eigenem Gutdünken, ggf. rücksichtslos schalten und walten darf, und gar keiner Kontrolle unterliegt, kann auch nicht der rechte Weg sein.

Aus übergeordneter Sicht ist noch zu fragen, welche gesellschaftlichen Auswirkungen die massenhafte Verbreitung und somit "Gewöhnung" an derart abscheuliche Bilder im Kontext bspw. mit der zunehmenden Gewaltbereitschaft haben könnte: wie kann der Rechtsstaat glaubwürdig seine friedfertige Grundordnung vertreten, wenn er selbst so grausame Bilder verbreitet? Wie kann er seinen Bürgern bspw. verbieten, Bilder von Unfallopfern ins Netz zu stellen ("Es ist eine Frage des Anstands", sagte jüngst Niedersachsens Innenminister Pistorius), wenn er selbst solche Vorbilder schafft?

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos