DÄ plusForen Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß? ....Ärzte ohne Anatomie sind wie die Maulwürfe

Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?

Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?

Der Präparierkurs im Medizinstudium steht immer öfter in der Diskussion. Diskutieren Sie mit: Ist er noch zeitgemäß?

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am Samstag, 13. August 2016 um 23:48
geändert am 13.08.2016 23:56:14
geändert am 13.08.2016 23:57:50

....Ärzte ohne Anatomie sind wie die Maulwürfe

Während meines Studiums habe ich insgesamt in 8 Kursen meinen Mitstudenten als Vorpräparantin assistiert und versucht, den angehenden Kollegen/innen die Anatomie am "Präparat", also einer Spenderleiche,und auch am Lebenden (oft an mir selbst!) zu erklären. Ich glaube, der Präparierkurs ist unersetzlich, erlaubt er doch den angehenden Medizinerin einen Einblick in Körperstrukturen, die schwerlich an Plastiken, an Modellen, am PC oder etwa am Lebenden studiert und verstanden werden können. Ja, Anatomie muss verstanden werden. Jeden Tag nach PräparierEnde bot ich "meinen Studenten" eine Zusammenfassung des Tages, die ich als "Führung durch die Leiche" betitelte. Ich möchte hier nicht mit Details langweilen, aber will an einem praktischen Beispiel den Sinn dieser "Leichenführungen", ja den Sinn des PräpKurses darlegen:
Wollte ich z.B. den N. phrenicus erklären, so suchten wir ihn nach Präparation am Hals auf und verfolgten seinen Weg durch den Körper, bis eben zum Zwerchfell. So konnten wir zum einen "verstehen", was das motorische und sensible Versorgungsgebiet dieses "also gemischten" Nerven wohl sein mag und zum anderen fügte ich interessante klinische Aspekte ein, z.B. die Bedeutung des Singultus bei Phrenicusreizung oder aber das Eiselbergsche Phänomen - Studenten verstehen eher, was sie sehen, wenn man es ihnen gleichzeitig anschaulich erzählt - visuell und akustisch ist intensiver/konzentrierter! Sicher, so etwas kann man auch lesen, man kann Bilder gucken, heutzutage stundenlang 3 D Graphiken am PC verfolgen (leider doch oft zu Hause allein "im stillen Kämmerlein", aber im Präpkurs arbeitet man im Team!) - aber, begreifen kommt von "hingreifen", "angreifen". Und, was man begriffen hat, vergisst man nicht mehr! Ich jedenfalls, heute nach über 25 Berufsjahren als Hausärztin auf dem platten Land habe "meine Anatomie" bis heute griffbereit - dank Präpkurs! Er ist nicht der angenehmste Kurs, auch steht man im Kühlen, Formalin ist kein Kölnisch Wasser, aber, das ist eine gute Vorbereitung auf unseren anstrengenden und zehrenden Beruf. „Ärzte ohne Anatomie sind Maulwürfen gleich: sie arbeiten im Dunkeln, und ihrer Hände Tagewerk sind Erdhügel.“ (Tiedemann). Ich kann mir keine gute Alternative für den Präparierkurs vorstellen!