am Mittwoch, 26. Juli 2017 um 23:24

vielleicht sollte man auch mal retrospektiv fragen

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Ärztenachwuchs hat wenig Interesse an Chefarzt-Posten oder eigener Praxis
vom Mittwoch, 26. Juli 2017
Ich bin jetzt 39 Jahre lang ärztlich tätig.
Unmittelbar vor dem 3.Staatsexamen wurde mein Semester gefragt, wer nach dem Examen was machen würde. Etwas mehr als die Hälfte - auch ich gehörte dazu - wollten im Krankenhaus bleiben. Vielleicht 40% plädierten für eine Praxisarbeit, von denen allenfalls eine Handvoll für die Allgemeinmedizin.

Gemeinschaftspraxen gab es 1978 praktisch nicht.
Polikliniken gab es in der DDR, denen wir Studenten einiges Gutes, unsere Professoren nichts abgewinnen konnten ("dann gehen Sie doch rüber, wenn Sie meinen, dort sei alles besser!" - noch bekannt?).

Was mich betrifft hat mich die Hierarchie im Krankenhaus umgestimmt ("der Assistent hält die Haken und die Schnauze" - noch bekannt?). Zur Besinnung gebracht hat mich einerseits eine Nierenoperation, die mir gezeigt hat, wie die körperliche Leistungsfähigkeit, die man auf dem Weg zum Chefarzt Chirurgie brauchen würde, ein unerwartetes Ende finden könnte. Durch dieselbe Erkrankung ist erstmals auch die Frage in den Vordergrund gerückt, wie viel Zeit ich für meinen damals 3 Monate alten Sohn opfern würde, wenn ich in der Klinikmaloche bleiben würde.

Diese Frage verbindet mich sehr mit der heutigen Generation von Ärzten, nur daß die keine Erkrankung brauchen, um klüger zu werden.

Was fehlt jetzt?
Offenbar wird der heutigen Generation die Praxis in miesen Farben dargestellt.
Daran hat die KV ebenso viel Schuld wie die Regierung und sogar die Ärztekammer.
Die Regierung sollte sich überlegen, wieviel Bürokratie sie den Praxisärzten noch zumuten möchte, die KV sollzte darüber nachdenken, ob sie weiterhin der Gerätemedizin so viel mehr Geld hinterherwirft wie der sprechenden und Häuser besuchenden Medizin, und die Ärztekammern sollten sich überlegen, in welch absurde Spezialistenmedizin die Weiter­bildungs­ordnung uns gebracht hat - als ich anfing gab es noch praktische Ärzte.

Arzt - Praxis - praktischer Arzt - schon diese Verknüpfung ist ihrem Wesen nach eine positive Schilderung des Landlebens als Arzt. Ich kenne meine Kinder noch persönlich, meine Kinder haben meine Praxis kennengelernt, wir sind gemeinsam durch Kindergarten, Schule und Sportvereine gegangen. Lehrer, Kindergärtnerinnen und Fußballer sind Nachbarn, Freunde und Patienten. Anders als Kolleginnen und Kollegen im Klinikbereich, Chefärztinnen und Oberärzte, bin ich weder Single geblieben noch wurde ich von meiner Frau geschieden. Wir haben uns ein Haus bauen können und freuen uns immer wiede, daß wir nachts mit offenen Fenstern schlafen können und wohnen, wo andere Urlaub machen.

Mag sein, daß jetzt der eine oder die andere sagen, daß seien doch keine medizinischen Argumente.
Aber diese Menschen täuschen sich gewaltig.
Ich hätte Chefarzt werden können, und ich habe es eine Zeitlang gewollt.

Das einzige medizinische Argument, daß ich es nicht wurde ist, daß ich mein eigener Herr sein wollte und die Medizin machen, die ich immer schon machen wollte.
Ich operiere auch in der Praxis und fahre auch mit 64 Notarzteinsätze. Aber ich habe auch die psychosomatische Grundausbildung gemacht, untersuche Feuerwehrärzte und betreibe die Chirotherapie.
Das ist ein gesunder Mix.

Dieses Bündel von guten Dingen sollte man vielleicht der heranwachsenden Generation junger Ärztinnen und Ärzte lieber schmackhaft machen, als sie für den Rest ihres Berufslebens in eine MVZ stecken zu wollen, wo sie irgendwann mit 67 mit einer vermutlich eher bescheidenen Betriebsrente ausscheiden werden - und immer einen Chef vor der Nase haben.

Die Nichtmedizinischen Gründe, in die Praxis zu gehen, habe ich genannt. Obwohl es mit viel Arbeit verbunden ist, es bleibt trotzdem Zeit genug für Familie und Freizeit. Und um ehrlich zu sein, egal wie viel Ärzte gerne über ihr Einkommen jammern, als Praxis-Arzt verdient man ganz ordentlich (bitte nicht den Krankenkassen verraten, sonst haben wir wider einen Grund zum Jammern).

Also, man sollte ruhig auch mal den Blick zurückwerfen.
Die Entscheidung war richtig.
Sie war so gut, daß ich nicht daran denken möchte, mit 65 aufzuhören. Sofern ich körperlich und geistig fit bleibe, möchte ich gerne auch mit 70 noch arbeiten, so wie es einige meiner Kolleginnen und Kollegen mir vorgemacht haben und auch in heutiger Zeit ausleben.

Wenn das keine ehrliche Aussage ist an meine, an unsere jungen Kolleginnen und Kollegen, mir fällt keine bessere ein.

Dr.Karlheinz Bayer, Bad Peterstal
am Donnerstag, 27. Juli 2017 um 15:32

Kollege kairoprax mal fragen

Was hat sich denn in all diesen Berufsjahren sozialpolitisch getan?
Dazu lese ich nichts.
Eine selbständige ärztliche Tätigkeit ist jedenfalls nicht mit Sozialgesetzbuch fünf und kassenärztlicher Vereinigung möglich. Dazu gibt es keine Umfragen, diese Frage erörtert keiner - stattdessen bekennt man sich zum "bewährten System", wenn man als Standesfunktionär Erfolg haben will.

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