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am Mittwoch, 2. August 2017 um 12:09

Auf zu neuen Ufern!

Schön, dass das Ärzteblatt auch über die biomedizinische ME/"CFS"-Forschung berichtet und der Artikel ausnahmsweise mal nicht mit der Sparte "Psychische Erkrankungen" getagged ist!

Traurig allerdings, wenn behauptet wird, es seien die Patientenverbände, die von "myalgische(r) Enzephalomyelitis (ME)" sprechen. Denn auch ein Großteil der biomedizinischen Forscher benutzt die Bezeichnung ME oder ME/CFS. Die vorgestellte Studie der Stanford University ist der beste Beweis dafür. Denn da ist zu lesen: "Myalgic encephalomyelitis or chronic fatigue syndrome (ME/CFS) is a complex and debilitating disease of unknown etiology affecting more than one million Americans and millions of individuals worldwide".

Von der renommierten Stanford University wurde 2014 übrigens auch eine Studie veröffentlicht, die dem Namensbestandteil "Enzephalomyelitis" Berechtigung verleiht. Dabei wurden sogar gleich drei Gehirnanomalien bei ME/“CFS“-Patienten ausfindig gemacht. Einer der Befunde - die im Vergleich zu gesunden Kontrollen deutlich reduzierte weiße Substanz im Gehirn der Erkrankten - wies auf eine chronische Entzündungsreaktion hin, so Erstautor Michael Zeineh. (1)

Im selben Jahr hat eine japanische Studie Belege für Neuroinflammation in ausgedehnten Hirnarealen ME-Kranker gefunden, die auch mit der Schwere der neurologischen Symptome verknüpft war. Bei Autopsien wurden darüber hinaus virale Infektionen des Gehirns gefunden. So ganz aus der Luft gegriffen, wie gerne dargestellt, ist die Bezeichnung ME also nicht. (2)

Woher das Ärzteblatt die Information nimmt, "Leitsymptom" dieser Erkrankung sei "eine schnelle körperliche und psychische Erschöpfbarkeit", bleibt rätselhaft. Denn von einer schnellen psychischen Erschöpfbarkeit ist in keiner der Krankheitsdefinitionen die Rede, wohl aber von körperlicher und kognitiver Erschöpfbarkeit. (3, 4)

Und es gibt zwar nicht den einen, die Krankheit identifizierenden Biomarker, dafür jedoch eine Reihe von Biomarkern, die in zahlreichen Studien mit ME in Verbindung gebracht werden konnten. Sie sind bloß nicht allgemein anerkannt, werden nicht angewandt - da den meisten Ärzten unbekannt - und v.a. nicht von den Kassen bezahlt. Im Zusammenhang mit einer gründlichen Ausschlussdiagnostik und mit einer strenggefassten Krankheitsdefinition wie den Internationalen Konsenskriterien von Carruthers et al. ermöglichen sie dem Arzt aber eine sichere Diagnosestellung. (4, 5)

Dass das Konzept der konventionellen Entzündungstests bei dieser Krankheit nicht greift, heißt nicht, dass bei ME keine Entzündungsreaktionen vorliegen. Vielmehr sollte das zum Anlass genommen werden, es neu zu überdenken und andere Parameter zu etablieren. Wie José Montoya im Interview zu Protokoll gab: "'Inflammation is much more complicated than two imperfect old measures', ... 'We're showing an inflammation that has not been seen before.'" (6)

Auf zu neuen Ufern also!

1) Zeineh, Michael M.; Montoya, Jose G. et al. “Right Arcuate Fasciculus Abnormality in Chronic Fatigue Syndrome”, Radiology 2014,

2) Nakatomi Y et al. “Neuroinflammation in Patients with Chronic Fatigue Syndrome/Myalgic Encephalomyelitis: An 11C-(R)-PK11195 PET Study.” J Nucl Med. 2014

3) Carruthers, Bruce et al. "Myalgische Enzephalomyelitis : Internationale Konsenskriterien",The Journal of Internal Medicine 2011, http://www.cfs-aktuell.de/ICC.pdf

4) Bruce M. Carruthers, Marjorie I. van de Sande, "Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom: Ein Überblick über das Kanadische Konsensdokument - Klinische Falldefinition und Leitfaden für Ärzte", Journal of Chronic Fatigue Syndrome 2003, http://www.cfs-aktuell.de/Konsensdokument.pdf

5) Knops, Michael „Charakterisierung des phänotypischen und funktionellen Immunstatus bei Patienten mit Chronischem Erschöpfungssyndrom“, Dissertation, Institut für Medizinische Immunologie der Charité, http://edocs.fu-berlin.de/diss/receive/FUDISS_thesis_000000093928

6) Miriam E. Tucker "Scientists Edge Closer To Elusive Lab Test For Chronic Fatigue Syndrome", NPR July 31, http://www.npr.org/sections/health-shots/2017/07/31/540565526/scientists-edge-closer-to-elusive-lab-test-for-chronic-fatigue-syndrome?utm_campaign=storyshare&utm_source=facebook.com&utm_medium=socia

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