DÄ plusForenKommentare NewsHausärztliches Engagement wird vor die Wand gefahren!

Kommentare News

Kommentare News

Alle Kommentare zu Online-News

am Donnerstag, 24. Mai 2018 um 01:28

Hausärztliches Engagement wird vor die Wand gefahren!

Kommentar zur Nachricht
Hausärzte empört über Missachtung von Hausbesuchen als Sprechstundenzeit
vom Mittwoch, 23. Mai 2018
Auch ein "Dienst nach Vorschrift", wie von KBV-Chef Dr. med. Andreas Gassen angedroht, bedeutet, dass zumindest bei Haus- und Familien-Ärztinnen und -Ärzten kurz vor Schließung der Sprechstunden immer noch Patienten akut ins vollbesetzte Wartezimmer drängeln wollen. Und damit aus 20 offiziellen Sprech-"Stunden" automatisch 25 volle Stunden pro Woche machen.

Leider völlig uninformiert, naiv und deplatziert betonte der KBV-Chef: "Ärzte arbeiten ja nicht nur in den Öffnungszeiten, die auf dem Praxisschild stehen, für die Patienten. Daneben seien etwa Befunde auszuwerten." Und erwähnt die Facharzt-fremden Hausbesuche erst gar nicht.

Die Realität ist: Bei 20 Wochen-Stunden reiner GKV-Sprechstunden-Zeit kommen nicht nur die besagten 5 Extra-Sprechstunden hinzu, bis das Wartezimmer endlich leer ist, sondern weitere logistische Herausforderungen.

1. Fahrt-/Rüstzeiten, wie bei jedem Handwerksbetrieb, Logistik 5h
2. EDV-Einrichtung, Verwaltung, Datenpflege, Abrechnung 5h
3. Fort- und Weiterbildung, Fachliteratur, Recherchen 5h
4. Fahrtzeiten Haus-/Heim-/Palliativ-Besuche, Verweilen 5h
5. Befundauswertungen/Anfragen/Gutachten/Bescheinigungen/REHA und Versorgungsämter 5h

So kommt man bei einer reinen GKV-Sprechstunden-Zeit von 20-25 Stunden auf die empirisch bereits mehrfach belegte durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 50 Stunden plus weitere 10 Stunden für zusätzliche, rein privatärztliche Tätigkeit bei den in der ambulanten hausärztlichen Krankenversorgung tätigen Vertragsärzten.

Von 20 auf 25 Wochenstunden zu erhöhen, wäre realiter eine Steigerung auf 30 Stunden: Damit läge die GKV-Wochenarbeitszeit bei über 60 Stunden plus 10 zusätzliche privatärztliche Tätigkeit.

Um taktische Schieflagen und Fehleinschätzungen der KBV konkret zu beleuchten, aus meiner hausärztlichen "Terminpraxis" vom 9.4.2018 ein Fallbeispiel:
Notfallpatient 10894, 47 Jahre, männlich, kommt mit reduziertem AZ und KZ aus der HNO-Abteilung eines Akutkrankenhauses im Pongau/Austria mit der Diagnose
- Herpes Zoster C2/C3 links
bei Z. n. Aciclobene [Aciclovir] 750 mg i.v. 3xtgl. für 10 Tage, ergänzend orale Virustatika und Urbason 40 mg für 4 Tage. Wegen massiver Schmerzsymptomatik Hydromorphon ret. 4 mg 1-0-0/ret. 2 mg 0-0-1, Gabapentin 1200 mg, Saroten 25 mg und der Empfehlung, einen niedergelassenen Neurologen aufzusuchen.

Vor mir steht also ein völlig verzweifelter, von neuropathischem Schmerz geplagter und mit Hydromorphon/Gabapentin "abgeschossener" Patient mit massiven Spuren von Herpes zoster des Nervus facialis (B02.2+LG), Chronischem hemikraniellen Schmerzsyndrom (R52.2+LG), Herpes zoster mit Neuralgie (B02.2+LG) und Zoster links (B02.9+LG). Eine neurologische Akutsprechstunde oder ein Pflegedienst sind unerreichbar, der Patient weint, fühlt sich völlig unverstanden: "Seit Tagen hört mir niemand mehr zu!"

Ich versuche es mit stützender verbaler Intervention, mit orientierender neurologischer Untersuchung und psychosomatischer Grundversorgung. Meine Botschaften kommen wegen der starken Analgo-Sedierung und der bio-psycho-sozialen Destabilisierung gar nicht richtig an. Wegen der stark neuropathisch geprägten Schmerzkomponente ersetze ich bisher unwirksames Amitriptylin durch Carbamazepin 200 ret. (1-2 zur Nacht langsam auftitrieren).

An einen geordneten Termin-Sprechstunden-Ablauf war nach dieser langdauernden, intensiven ärztlich-therapeutischen Intervention ohne Facharztunterstützung nicht mehr zu denken.

Politik, Medien und Öffentlichkeit muss endlich unmissverständlich klar gemacht werden, dass bereits bisher über Deckelung des Gesamtvolumens bzw. Budgetierung ambulanter ärztlicher Leistungen eine "kostenlose" Sprechstunden-Ausweitung mit uns Vertragsärztinnen und Vertragsärzten nicht mehr zu machen ist.

Budgetierungen, Regelleistungsvolumina (RLV), Pauschalierungen und Regressandrohungen wälzen Morbiditäts- bzw. auch Mortalitätsrisiken der Erkrankten von den Krankenkassen der GKV bzw. den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) als Vertragspartnern direkt und kollektiv auf alle niedergelassenen Vertragsärzte ab.

450 Millionen Euro mehr an ärztlicher Vergütung pro Jahr fordert KBV-Chef Gassen für den Fall, dass die GROKO tatsächlich beschließen wird, die Mindestsprechzeiten der Ärzte um fünf weitere Stunden zu erhöhen: "Ein Viertel mehr Sprechstunden heißt auch ein Viertel mehr Geld", sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der orthopädische Kollege Dr. med. Andreas Gassen.

Das wäre bei bereits laufender, mangelhafter Honorierung von Vertragsärzten insbesondere im hausärztlichen Bereich durch Pauschalierung, Budgetierung, Regelleistungsvolumina, oder durch empfindliche Laborkürzungen und einengende Ausnahme-Kennziffern durch die KBV selbst seit dem 1.4.2018 eine dilettantische taktische Fehleinschätzung.

Denn schon bisher besteht eine jahrzehntelange Kostenunterdeckung, weil insbesondere im hausärztlichen Versorgungsbereich zwischen 20% und 25% medizinisch zweifelsfrei notwendige Leistungen u n b e z a h l t erbracht werden müssen: Hohe Konsultationsfrequenzen ohne Facharzt-Einbindungen, Nicht-Abrechenbarkeit, falsches Kausalitätsdenken, zunehmende Multimorbidität, demografische Faktoren, Medikalisierung des Alltags, Forschung und Entwicklung, forensische und medizinische Weiterentwicklungen, nicht mehr einhegbares Anspruchs- und Vollversorgungs-Denken ("flatrate"-Medizin, "all-you-can-eat"-Mentalität) bzw. nicht zuletzt Arzthaftungs- und Antikorruptions-Gesetzgebung bestimmen den gesellschaftlichen Diskurs.

Ärztliche Kunst mit Vernunft und Augenmaß, Empathie und Professionalität, Solidarität und Selbstverantwortung, Fordern und Fördern verblasst gegenüber dem entfesselten Anspruchsdenken seitens Politik, PKV- und GKV-Kran­ken­ver­siche­rungswesen, Medien und Öffentlichkeit.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sollte sich davor hüten, mit ihrer Pseudo-Forderung: "Ein Viertel mehr Sprechstunden heißt auch ein Viertel mehr Geld", bereits bestehende Mangelversorgungen bzw. Unterdeckungen ärztlicher Leistungen, die sie zum Teil zuvor selbst geschaffen hat, ad absurdum zu führen.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos

Alle Foren
Kommentare Print
Kommentare News
Ist der Präparierkurs noch zeitgemäß?
Was ist ein guter Arzt?
Akupunktur: Spekulative Lehrinhalte?
Ärzte als Suizidhelfer?
Priorisierung
Aufstand Kassenärzte
Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte
Arbeiten im Ausland
Organspende
Forschungsbetrug
Gesundheitszentren
Der Nachwuchs geht
Ärzte-TÜV
Praxis-EDV
Vermischtes
NEIN-Sagen