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Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte

Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte

Ärzteschaft im Umbruch: Die Ausbeutung der Arbeitskraft und die Überlastung insbesondere junger Ärztinnen und Ärzte hat das Deutsche Ärzteblatt in mehreren Beiträgen thematisiert. Auch auf dem 104. Deutschen Ärztetag in Ludwigshafen war es ein zentrales Thema. Der Druck dürfe nicht weiter von oben nach unten weitergereicht werden, hieß es. Dieses Forum soll den Ärzten als Plattform für den persönlichen Erfahrungsaustausch dienen. Wir bitten, dabei auf persönliche Verunglimpfungen und insbesondere auf Namensnennungen zu verzichten. Die Redaktion behält sich vor, derartige Beiträge zu entfernen

Avatar #87604
am Freitag, 7. September 2001 um 15:49

Mär von der Kostenexplosion hält sich hartnäckig

Hallo zusammen,
bei unseren aktuellen Diskussionen - auch was Öffentlichkeitsarbeit betrifft - sollten wir die folgende Veröffentlichung durchaus nützen:

http://www.aerztezeitung.de/docs/2001/07/10/126a0601.asp

Ärzte Zeitung, 10.07.2001

Mär von der Kostenexplosion hält sich hartnäckig

Nicht nur die GKV-Ausgaben sind in den vergangenen zehn Jahren gestiegen - auch das Bruttoinlandsprodukt

Die Ausgaben der GKV sind in den vergangenen zehn Jahren nominal um rund 43 Prozent gestiegen. Im Jahre 1991 lagen die Ausgaben bei 183 Milliarden DM, 2000 waren es bereits 261 Milliarden DM. Diese Expansion signalisiert Kostenexplosion - aber der Schein trügt. Denn auch das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller produzierten Güter und Dienstleistungen, ist im selben Zeitraum um über 35 Prozent gewachsen - ebenfalls nominal, also in jeweiligen Preisen.

Von Karl H. Brückner

Gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind die GKV-Gesamtausgaben in den vergangenen zehn Jahren nie über knapp sieben Prozent gestiegen und 2000 auf unter 6,6 Prozent gesunken. Ähnlich niedrig war die Quote in diesem Zeitraum zuletzt 1993 - nur 1991 war der GKV-Anteil am BIP mit 6,2 Prozent deutlich niedriger.

Besonders ausgeprägt ist der Rückgang der GKV-Gesamt- und GKV-Leistungsausgaben am Sozialprodukt seit 1996 ausgefallen. Im vorletzten vollen Kalenderjahr der CDU/CSU-FDP-Koalition erreichten die GKV/BIP-Quoten die Spitzenwerte des Jahrzehnts: 6,98 Prozent (gemessen an den Gesamtausgaben) und 6,59 Prozent (Leistungsausgaben). Erst mit massiven Anhebungen der Patientenzuzahlungen und Leistungskürzungen durch die GKV-Neuordnungsgesetze schaffte die alte Koalition eine Wende.

Aber auch unter Rot-Grün ist die GKV/BIP-Quote weiter gesunken. Und das, obwohl die neue Koalition die GKV-Neuordnungsgesetze weitgehend kassiert und die Zuzahlungen kräftig zurückgefahren hat. Die GKV-Ausgaben sind auch deshalb um knapp 6,74 Milliarden DM (1999 im Vergleich zu 1998) und über fünf Milliarden DM (2000) kräftig gewachsen. Daß die GKV/BIP-Quote dennoch weiter (leicht) abnahm, war vor allem auf das robuste Wirtschaftswachstum zurückzuführen - im vergangenen Jahr real drei Prozent.

Seit einem viertel Jahrhundert kämpfen deutsche Gesundheitspolitiker gegen die angebliche Kostenexplosion. Bis in die jüngste Zeit hinein waren sie dabei überaus erfolgreich, wie die Zahlen zeigen. Die Ausgabenentwicklung des vergangenen Jahrzehnts illustriert einmal mehr auch die von den Kostenexplosions-Propheten gelegten falschen Spuren und Trugschlüsse. Zwei einflußreiche Protagonisten dieser These waren der Sozialmediziner Hans Schäfer (im Jahre 1973) und der damalige rheinland-pfälzische CDU-Sozialminister Heiner Geißler (1975). Mit dressierten grafischen Darstellungen (Schäfer) und statistischen Kunstgriffen (Geißler) haben sie die Legende von der Kostenexplosion so richtig populär gemacht. Obwohl die statistischen Tricks von Schäfer und Geißler seit langem bekannt sind, hat die Kostenexplosions-Metapher überlebt. Einige der offensichtlichen Trugschlüsse:

Die Steigerung des GKV-Beitragssatzes von 8,2 Prozent (1970) auf aktuell 13,5 Prozent war (nicht nur aber doch) wesentlich auf die Erosion der GKV-Einnahmenbasis infolge schwachen Wirtschaftswachstums, steigender Arbeitslosigkeit und sinkender Lohnquote zurückzuführen.

Während das Wachstum des Sozialprodukts aussagekräftig immer real (bereinigt um Preissteigerungen) ausgewiesen wird, werden Ausgabensteigerungen in der gesetzlichen Krankenversicherung dem staunenden Publikum generell nominal (also nicht preisbereinigt) präsentiert. Die Gegenüberstellung von nominalen GKV-Ausgabensteigerungen und realem BIP-Wachstum verzerrt die tatsächlichen Proportionen.

Die für Gesundheitspolitiker entscheidende Maßzahl ist nicht der Anteil der gesamten Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, laut Statistischem Bundesamt waren das 1998 10,9 Prozent, sondern die rund 40 Prozent niedrigere GKV/BIP-Quote. Denn das Wachstum im freien Gesundheitsmarkt (Private Krankenversicherung, Selbstzahler et cetera) geht die Politik so wenig an, wie andere Privatausgaben der Bürger - etwa für Autos und Reisen.
Im Kanzleramt setzen Gerhard Schröders Berater auf mehr Wachstum im freien Gesundheitsmarkt. Dennoch hantieren Gesundheitspolitiker praktisch ausschließlich mit der Gesamtausgaben-Quote. Das ist zwar nachvollziehbar, denn diese Quote ist zweistellig und suggeriert so - auch im internationalen Vergleich - viel größeren Handlungsbedarf als die vergleichsweise mickerige GKV/BIP-Quote. Redlich aber wäre es, wenn Kostendämpfungs-Politiker auf den Versuch verzichten würden, das Publikum mit solchen Taschenspieler-Tricks gefügig zu machen.


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am Freitag, 7. September 2001 um 16:12

Keine Kostenexplosion

Wenn schon muss man von einer Leistungsexplosion sprechen und nicht von einer Kostenexplosion, aber mach das mal einem Politiker klar. Und man sollte sich endlich dazu aufraffen die Verwaltungskosten zu beziffern und das Kind beim Namen zu8 nennen. Es ist erschreckend, wie wenig vom Geld der Prämienzahler schlussendlich noch in die medizinische Versorgung fliesst!
Avatar #81591
am Freitag, 7. September 2001 um 21:38

Und das ist noch nicht alles

Wir haben noch nicht von den demographischen Veränderungen, einer deutlich gestiegenen Anspruchshaltung der Patienten und den ganzen neuen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen, von der Absicherungsmedizin, die heute vielerorts betrieben wird, ganz zu schweigen...
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am Freitag, 7. September 2001 um 22:44

Dafür halten wir uns doch wirklich gut!

... wenn wir das wirklich alles einberechnen, Demographie, Leistungsexplosion, ...
dann könnte man vielleicht auch auf den Schluß kommen, daß schon ein gewaltiges Stück Arbeit hinter uns allen liegt und die Produktivität und Effizienz eigentlich deutlich gestiegen sein müsste!
Man muß auch mal positiv denken ...
Avatar #81591
am Sonntag, 9. September 2001 um 19:59

Und was haben wir davon?!

Honoriert werden wir dafür bestimmt nicht. Ich habe selbst erlebt, daß hoffnungslos überlastete Kollegen, Überstunden aufgeschrieben haben, nur um der Verwaltung klarzumachen, daß man bei ihnen nicht auch noch Stellen streichen könne.
Ebenso frustrierend finde ich unseren Mangel an Solidarität, sonst hätten wir schon längst etwas unternommen. Das Pflegepersonal hat sich doch auch großen Einfluß erkämpft!
Das Schlimmste ist, daß auch die hierarchischen Strukturen innerhalb der Ärzteschaft absolut zementiert sind. Nicht nur der in Ehren ergraute Chef verfährt mit uns nach Gutsherrenart, seine OÄ, gerade mal Mitte Dreißig bis Vierzig, sind fast noch schlimmer, zumindest tagsüber. Nachts fällt ihnen dann leider auch nichts ein, wenn man ´mal einen Rat braucht.