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Avatar #779143
am Freitag, 12. Juli 2019 um 08:26
geändert am 12.07.2019 11:48:59

Faktisch weit daneben

Kommentar zur Nachricht
Überprüfung von Masernimpfstatus in Baden-Württemberg geplant
vom Donnerstag, 11. Juli 2019
Schon wieder die schwer ausrottbare Behauptung zur "Zunahme der Masernerkrankungen" und irgendeiner mysteriösen "Unterschreitung von Impfquoten".
Du meine Güte, wem spricht Lucha das nach - vielleicht dem Ge­sund­heits­mi­nis­ter ? Die Impfbereitschaft in Deutschland ist enorm hoch, allein schon die erste Masernimpfung bei 97% der Kinder spricht Bände. Und vor allem sind die gemeldeten Masernerkrankungen beim RKI in 2019 - wie auch im Vorjahr - weit unter dem langjährigen Mittel. Weit und breit ist keine Zunahme in Sicht.

Oder, wie es die ZEIT gerade vor 14 Tagen angesichts des grob fehlerhaften Referentenentwurfs zur Impfpflicht so schön formulierte:
"Dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium in seinem Referentenentwurf schreibt, die "angestiegenen Fallzahlen" seien "auf fortschreitende Impfmüdigkeit" zurückzuführen, ist also gleich in zweierlei Hinsicht falsch." (
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-06/impfpflicht-masern-kita-jens-spahn-stellungnahmen-ethikrat/ )

Ob der Grüne Minister in BaWü wirklich einen guten Riecher hat, wenn er sich offenbar gerade freiwillig vom Aktionismus unseres Ge­sund­heits­mi­nis­ters anstecken lässt ?
Avatar #771555
am Freitag, 12. Juli 2019 um 23:55

Herdenimmunität und optimale Impfrate

Inzwischen glaube ich, daß zwei Dinge in der Diskussion ständig miteinander verwechselt werden: einserseits Herdenimmunität, und andererseits optimale Immunitäten. Dabei muß zwischen individueller und kollektiver optimaler Immuität unterschieden werden. Die kritische Schwelle zur Herdenimmunität liegt viel tiefer als die optimalen Immutität, und wurde in Deutschland anscheinend schon 2003 überschritten, denn seitdem schwankt die Zahl der Masernfälle um 1000 jährlich ohne, daß überregionale Epidemien ausgebrochen sind.

Weit unterhalb der kritischen Schwelle, also z.B. bei Bevölerkungsimmunitäten von 0%-80% ist sich impfen lassen vor allem Selbstschutz. Im Bereich kurz unter der kritischen Schwelle, also bei Immunitäten von 80%-90%, besteht bereits ein deutlicher Herdenffekt, und eine einzige zusätzliche Impfung kann bis zu zwei Erkrankungen in der Bevölkerung verhindern.
Ist Herdenimmunität von ca. 90% einmal erreicht, dann haben zusätzliche Impfungen nur noch einen vergleichsweise marginalen Effekt. Nun kann eine weitere Steigerung der Impfrate das Erkrankungsrisiko für die Ungeimpften zwar noch einmal deutlich reduzieren, gerade deshalb fällt allerdings das Impfrisiko zunehmend ins Gewicht.

Optimale Immunitäten haben halt ein "Gschmäckle", wie man vielleicht in Baden-Württemberg sagt. Denn um die kollektive Gesundheit der Geimpften und Ungeimpften gleichzeitig zu optimieren muß eine höhere Impfrate erreicht werden, als wenn jeder Impffähige durch individuelle Impfentscheidung die eigene Gesundheit optimiert. Mit anderen Worten, zum Zweck einer optimalen kollektiven Impfung, die nach Vorstellung der Gesundheitspolitik auch denen zugute kommen soll, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, müßen sich einige Impffähige "opfern" und zusätzlich impfen lassen, obwohl sich dadurch ihr eigenes Gesundheitsrisiko sogar leicht erhöht.

Über dieses ethische Dilemma zwischen kollektiver und individueller Immunität wird allerdings nicht offen gesprochen, und es ist vermutlich kaum bekannt. Stattdessen wird "Herdenimmunität" gesagt, wenn man eigentlich optimale kollektive Immunität meint, und die Bevölkerung zum "noch mehr Impfen" aufgefordert und verpflichtet.

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