DÄ plusForenKommentare NewsZwei skandalöse Vorgänge!

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Avatar #555822
am Mittwoch, 10. Juli 2019 um 22:35

gleich im Doppelpack ...

Kommentar zur Nachricht
Homöopathische Mittel werden in Frankreich künftig nicht mehr erstattet
vom Mittwoch, 10. Juli 2019
... die Homöopathie und die Akupunktur abschaffen!
Der Hinweis der Fa. Hevert kommt einer Nötigung gleich. Die Wahrheit ist manchmal schwer verdaulich.
Avatar #106067
am Mittwoch, 10. Juli 2019 um 23:41

Homöopathie vs. Allopathie

Mir persönlich fehlen bei den ganzen Diskussionen um wissenschafts- und erkenntnistheoretische bzw. praktische Evidenz, Pathophysiologie, Wirkungsnachweis, Reliabilität, Reproduzierbarkeit von Homöopathie und Allopathie immer wieder zweifelsfreie, durch randomisierte kontrollierte Studien (RCT) nachgewiesene Belege, dass die Homöopathie als besondere Therapierichtung alleine, außer bei Alltagsbeschwerden, bio-psycho-sozialen Befindlichkeitsstörungen, Bagatellen, funktionellen Symptomen/Syndromen, sich selbst limitierenden und/oder psychosomatischen Erkrankungen, auch bei ernsthaften, u.U. lebensbedrohenden bzw. -verkürzenden Krankheitsentitäten heilen, helfen oder lindern könnte?

Offenkundig ist in dieser dringend notwendigen gesamtgesellschaftlichen Debatte zu dem Themenkomplex ein Klima der Einschüchterung entstanden, so dass ich hier nachdrücklich mein unveräußerliches Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und den Schutz der Freiheit der Wissenschaft einfordern muss.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #691359
am Donnerstag, 11. Juli 2019 um 00:33

Das Paralleluniversum der Homöopathie

Manchmal habe ich Zweifel, ob die großen wissenschaftlichen Fachverlage sich mehr der Wissenschaft oder dem Profit verpflichtet fühlen. Wie ist es sonst zu erklären, dass es mittlerweile ein ganzes Sammelsurium an homöopathischen und alternativmedizinischen Journalen gibt, die derartigen Publikationen eine Plattform bieten?

Nehmen wir ein besonders deutliches Beispiel, welches bereits hier im Forum von Anhängern der Homöopathie wie saures Bier angepriesen wurde:
James Michael, Subhas Singh, Satarupa Sadhukhan, Arunava Nath, Nivedita Kundu, Nitin Magotra, Susmit Dutta, Maneet Parewa, Munmun Koley, Subhranil Saha: Efficacy of individualized homeopathic treatment of insomnia: Double-blind, randomized, placebo-controlled clinical trial. In: Complementary Therapies in Medicine Volume 43, April 2019, Pages 53-59.
Der Artikel ist hinter einer Paywall, ein deutschsprachiger Kommentar und der Link zum Journal sind verfügbar:
https://www.carstens-stiftung.de/artikel/homoeopathie-lindert-schlafstoerungen.html
https://doi.org/10.1016/j.ctim.2019.01.007
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30935555

Doppelblinde randomisierte placebokontrollierte Studie zu einer individualisierten Behandlung, das klingt doch hervorragend, oder etwa nicht? Angenommen, der Artikel wäre nicht in einem Journal für komplementäre Medizin, sondern in einem normalen Journal mit neurologischem Schwerpunkt eingereicht worden, was wäre dem Reviewer alles aufgefallen?

1. Die Ergebnisse widersprechen den bekannten Daten aus der Literatur.
Exemplarisch hier ein Auszug aus der aktuellen Leitlinie:
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/063-003l_S3_Insomnie-Erwachsene_2018-02.pdf
„Für die Homöopathie ergeben sich in einem systematischen Review [160] „Trends“, jedoch keine signifikanten Schlafverbesserungen, die Studienqualität wird als mangelhaft bewertet. Ein weiteres systematisches Review [162] konstatiert ebenfalls schlechte Studienqualität (insbesondere kleine Fallzahlen) und mangelnde Wirksamkeit.“
160. Cooper KL, Relton C (2010) Homeopathy for insomnia: a systematic review of research evidence. Sleep Med Rev 14:329–337
162. Ernst E (2011) Homeopathy for insomnia and sleeprelated disorders: a systematic review of randomized controlled trials. Focus Altern Complement Ther 16:195–199

2. Die Größe der beiden Vergleichsgruppen ist sehr gering (jeweils 30), dazu gab es noch einige Studienabbrecher. Dazu folgender Kommentar auf der Seite der Carstens-Stiftung: „Lediglich fünf Teilnehmer (zwei aus der Homöopathie- und drei aus der Placebo-Gruppe) brachen die Studie vorzeitig ab, die fehlenden Werte wurden jedoch statistisch berechnet, sodass die Daten aller 60 Patienten berücksichtigt werden konnten (sog. Itention to Treat-Analyse).“
Bei derartig geringen Patientenzahlen müssen die Unterschiede schon erheblich sein, um signifikant zu sein. Und dass dabei stärkere Effekte erreicht werden als bei einfachen Studien (siehe Leitlinie), ist schon sehr verwunderlich.

3. Verblindung und individualisierte Therapie sind schlecht miteinander vereinbar. Damit bei einer individualisierten Therapie die verschiedenen Therapie-Varianten gleichmäßig auf den Verum- und Kontroll-Arm verteilt sind, muss vor der Randomisierung die homöopathische Anamnese erfolgen (diese ist aber ein wesentlicher Bestandteil des therapeutischen Rituals und ermöglicht eine grobe Einschätzung der Eignung des Patienten für diese Ritualtherapie). Dies widerspricht aber dem Konzept der doppelten Verblindung, wo die Randomisierung vor der ersten therapeutischen Maßnahme erfolgen sollte. Dies spiegelt sich auch in der Literatur wieder, wo zwischen individualisierten und nicht individualisierten Behandlungen unterschieden wird:
Randomised, double-blind, placebo-controlled trials of non-individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5366148/
Randomised placebo-controlled trials of individualised homeopathic treatment: systematic review and meta-analysis
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4326322/

4. Die Erklärungsversuche der Homöopathie sind mit der Naturwissenschaft absolut unvereinbar. Dementsprechend hoch ist das Interesse seitens der Befürworter der Homöopathie einen Präzedenzfall zu schaffen. Dieser Interessenskonflikt zwischen dem Interesse der Autoren das eigene Weltbild zu bestätigen und den Anforderungen an wissenschaftliches Arbeiten erhöht das Risiko für Datenmanipulation.

Jeder dieser vier o.g. Punkte ist für sich allein genommen kein Beweis, dass diese Arbeit manipuliert wurde, in ihrer Summe sollten sie aber einen jeden Reviewer misstrauisch stimmen und zu einer vertieften Prüfung der Rohdaten führen. Allerdings sprechen die zeitlichen Eckdaten nicht unbedingt für eine Tiefenprüfung durch die Reviewer:
„Received 23 August 2018, Revised 18 December 2018, Accepted 8 January 2019, Available online 9 January 2019.“

Damit kommen wir zum Kern des Problems: Die großen Wissenschaftsverlage (hier konkret Elsevier) nutzen das Prinzip des peer Reviews als wesentliches Element der Qualitätsicherung. Theoretisch sollten die unterschiedlichen Journals lediglich unterschiedliche Themen bündeln, für die Qualität der Publikation sollte es aber absolut egal sein, in welchem Journal ein paper eingereicht wird. Wenn aber in einem Journal für komplementäre Medizin das Editorial Board praktisch allesamt Vertreter und Anhänger der komplementären Medizin sind, wo bleiben dann die kritischen Stimmen, die aus wissenschaftlicher Sicht schlechte oder manipulierte Studien aussortieren?
https://www.sciencedirect.com/journal/complementary-therapies-in-medicine/about/aims-and-scope

Wenn pseudomedizinische Artikel durch Anhänger dieser Pseudomedizin geprüft werden, dann wird das ganze System des peer Reviews korrumpiert und ad absurdum geführt. Ich sehe hier die großen Wissenschaftsverlage (Elsevier, Thieme etc.) in der Pflicht sich entweder von diesem pseudowissenschaftlichen Ballast zu trennen oder zumindest dafür zu sorgen, dass ausreichend qualifizierte externe Gutachter diese Artikel prüfen. Die Konsequenz besteht darin, wenn derartige Publikationen einmal die Hürden des peer reviews passiert haben, dann werden sie bei pubmed gelistet und gelten als seriöse Primärquelle. Dadurch wird eine inhaltliche Auseinandersetzung in der Zukunft deutlich schwieriger.

Das konkrete Beispiel betrifft nur einen Artikel aus einem Journal, dieses Paralleluniversum ist aber wesentlich größer, wer ausreichend Zeit hat, kann gern recherchieren, welche Zeitschriften es zum Themenbereich Homöopathie und Alternativmedizin gibt und kann dann ungefähr abschätzen, welche Lawine an schlechter Wissenschaft zukünftig auf uns zukommt.
Avatar #79783
am Freitag, 12. Juli 2019 um 21:17

Zwei skandalöse Vorgänge!

Skandal 1: Ein geduldeter Eingriff in die Gesetzgebung, der die "besonderen Therapierichtungen" vom wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis zugunsten des Anwender-Konsenses befreit wurden - da zB die Anwender von Bioresonanz die Methode für wirksam halten, darf sie als wirksam beworben und die Behandlung damit als "Heilmethode" vermarktet werden (für 100 EUR je Sitzung!)
Skandal 2: Die Mutlosigkeit des Ärztetages, der sich nicht dazu durchringen konnte, die offizielle Zusatzbezeichnungen samt zugehörigen "Weiterbidungen" in Homöopathie und Akupunktur ersatzlos zu streichen!

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