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Avatar #691359
am Montag, 14. Oktober 2019 um 00:31

Videosprechstunde Teil 1

Erweiterte Sprechstunden und Video-Behandlung klingen auf den ersten Blick ganz gut, allerdings scheint der SpiBu einige Probleme mit den Grundrechenarten zu haben, wenn die Öffnungszeiten eines Webshops als Referenz genommen werden. 24/7 bedeutet, die Woche hat 168 Stunden, die „normale“ Arbeitswoche hat dagegen lediglich 40 Stunden. Wenn in einer Modellrechnung eine Praxis Mo-Fr von 7-12 und Mo,Di,Do von 14-19 geöffnet hat, sind dies bereits 8 Zeitscheiben zu je 5 Stunden und damit kumulativ 40 Stunden. Ob der Arzt bzw. die Ärztin am Mittwoch- und Freitag-Nachmittag frei hat, Hausbesuche macht oder Papierkram erledigt, ist deren freie Entscheidung. Vielleicht sollten die SpiBu-Verantwortlichen in einer freien Minute sich mit den Rechtsgrundlagen von Selbstständigkeit und Scheinselbstständigkeit/Angestelltenverhältnis beschäftigen.

Aus Sicht des SpiBu dürfte die ideale ärztliche Arbeitszeit wahrscheinlich so aussehen: Mo-Fr von 7-10 und von 16-20 Uhr, dazu Samstags von 12-17 Uhr. Und damit in der Zwischenzeit keine Langeweile aufkommt, wird in der Woche zwischen 10 und 16 Uhr eine permanente Erreichbarkeit per Videosprechstunde eingefordert.

Ich bin mir nicht sicher, ob SpiBu und ich unter Videosprechstunde das selbe verstehen. Eine Videosprechstunde hat Nachteile, es gibt Probleme bei der körperlichen Untersuchung, bei der Erstellung von Dokumenten (AU, Rezept), bei der Privatsphäre (eine Videosprechstunde ohne Verschlüsselung bzw. VPN-Tunnel ist wie ein Behandlungszimmer im Freien), bei der IT-Sicherheit beim Patienten (ein Privathandy mit einer alten Android-Version ist nicht wirklich sicher), mit der technischen Ausstattung der Patienten (die meisten Patienten über 80 haben kein Smartphone oder können es nicht bedienen) und der Praxisorganisation (man braucht ein physisches Wartezimmer für die Praxis und ein virtuelles Wartezimmer für die Videosprechstunde.

Aus meiner Sicht gibt es zwei sinnvolle Scenarien für Videokonferenzen: Erstens der virtuelle Hausbesuch, wenn ein Praxismitarbeiter mit einem speziellen Tablet zu immobilen Patienten kommt. Hier kann der Arzt die Wegezeit an den Mitarbeiter verlagern und die ärztliche Arbeitszeit effektiver nutzen. Zweitens könnte in Grippezeiten bei bekannt zuverlässigen Patienten die AU nach Videokonferenz ausgegeben werden, um die Keimbelastung im physischen Wartezimmer zu verringern.

Es gibt aus meiner Sicht auch unsinnige Scenarien. Damit der Kater am nächsten Morgen nicht als Migräne verkauft wird, ist eine körperliche Untersuchung hilfreich. Außerdem haben die Patienten im echten Wartezimmer Vorrang, ein Vordrängeln mittels Videosprechstunde sollte nach Möglichkeit unterbunden werden. Und wir müssen über eine Praxisgebühr für die Videosprechstunde reden. Sonst ist am Samstag Abend bei einem schlechten Fernsehprogramm die Videosprechstunde voll mit Hypochondern, die den ganzen Tag in sich hineinhorchen konnten. Eine Videosprechstunde schafft keine ärztliche Arbeitszeit, sie verteilt sie nur anders.
Avatar #691359
am Montag, 14. Oktober 2019 um 00:33

Videosprechstunde Teil 2

Die Polemik in Teil 1 bezog sich auf den aktuellen Stand der Technik. Mit Alexa hat bereits jetzt eine intelligente Sprachsteuerung in viele Haushalte Einzug gehalten. Aus meiner Sicht ist es eine Frage von wenigen Jahren, bis eine KI verfügbar ist, welche mit einem animierten Avatar in einer Videokonferenz mit dem Patienten direkt per Sprache kommunizieren kann und nicht nur die Sprache, sondern auch die Videodaten des Patienten in Echtzeit auswertet. Um dem Ganzen einen Namen zu geben, nennen wir diese KI einfach „Dr. Alexis“.

Eine KI, welche einen Videostream auswertet, kann z.B. die Anamnese erfragen, kann bei bestimmten Leitsymptomen gezielt nachfragen, kann bei complianten Patienten einen Teil der körperlichen Untersuchung durchführen. Wenn ich mich nicht irre, sind einige private Klinikketten mittels MVZ im ambulanten Sektor aktiv, z.B. die Rhön-Klinikum Ag mit ihrem langjährigen Aufsichtsratmitglied Lauterbach. Ein derartiges MVZ könnte die in Teil 1 genannten Öffnungszeiten möglicherweise realisieren. Ein „Dr.Alexis“ als medizinische KI wäre zwar in der Anfangsphase teuer, wäre aber gut integrierbar. Eine derartige KI könnte im Vorfeld die Anamnese erheben, eine KI kann aus den Rohdaten der Videoübertragung hervorragend Scores berechnen und damit Verbesserungen oder Verschlechterungen erkennen. Eine KI kann Überweisungen und Rezepte vorbereiten und einen Termin zwischen Patient und MVZ-Arzt koordinieren. Eine KI ist zum jetzigen Zeitpunkt keine juristische Person und hat bei allem Detailwissen keine Approbation. Deshalb ist hier immer der echte Arztkontakt erforderlich. Der besondere Vorteil für Rhön dürfte darin liegen, dass eine KI auch wirtschaftliche Aspekte beachtet und vorausberechnet, ob eine Einweisung in die eigene Klinik wirtschaftlich sinnvoll ist, und im positiven Fall die Abstimmung mit dem Bettenmanagement erledigen.

Ein weiterer Einsatzplatz für „Dr.Alexis“ wäre als Dispatcher bei der KV bei der 116117. Eine KI kann die Anamnese erfragen und einen Vorschlag machen, welche Versorgungsebene für die aktuellen Beschwerden am besten geeignet ist. Eine KI kann bei einer guten Kamera sogar Puls und Atemfrequenz messen und erkennen, wenn ein Schockzustand bevorsteht und in diesem Fall selbstständig den Notarzt alarmieren. Und das Wichtigste, eine KI kennt keinen Feierabend und kann mit einer unendlichen Geduld auf alle wichtigen und unwichtigen Gebrechen eingehen, nur die Bandbreite der Verbindung und die Kapazität der Server sind das Limit. Dies sollte zu einer deutlichen Entlastung der Portalpraxen führen. Zum jetzigen Zeitpunkt steht bereits die Webadresse www.116117.de als Portal zur Verfügung. Wenn „Dr. Alexis“ seine Praxis auf den Servern der KBV betreibt, dann sollte die ärztliche Schweigepflicht gewährleistet sein. Eine gut geschulte KI sollte nicht nur medizinische Notfälle sondern auch psychiatrische Notfälle erkennen können und im Sinne einer Suizidprävention gefährdete Patienten beraten können.

Selbstverständlich könnte „Dr.Alexis“ auch anderswo arbeiten. Wir reden zwar immer von Digitalisierung, aber in seinem tiefsten Inneren tickt der Mensch analog, deshalb werden sich langfristig analoge Schnittstellen wie eine Videokonferenz durchsetzen, wenn eine KI zum Einsatz kommt. Ein gewisses Problem dürfte es bei den Geschäftsmodellen geben. Die Krankenkassen werden dafür sicher nicht extra bezahlen und die Patienten nur in sehr begrenztem Maße, nach meiner Schätzung dürfte für den Patienten ein Jahresabo (als Flatrate) höchstens 100 € kosten. Gleichzeitig fallen für das Webportal, die Nutzungslizenz der KI und die Rechenkapazität in der Serverfarm laufende Kosten an. Große MVZ’s von Klinik-Ketten sowie die Bundes-KV dürften deshalb zu den Vorreitern gehören.

Einer KI ist es völlig egal, mit welchen Fakten sie trainiert wird. Wie bereits oben besprochen ist eine KI auf berührungsfreie Methoden beschränkt. Auch hat eine KI keine Heilerlaubnis. Aber das sollte kein Problem sein, schließlich gibt es in Deutschland einen ganzen Berufszweig, welcher ohne Heilerlaubnis Patienten behandelt. Was also spricht dagegen diese KI mit Bachblüten, Schüssler-Salzen und Homöopathie zu trainieren? Eine homöopathische Anamnese dürfte für eine entsprechend trainierte KI eine leichte Fingerübung sein. Natürlich hätte dies auch Auswirkungen auf den Namen der KI, auf Anhieb fallen mir „Dr.Wunderalexis“ oder zu Ehren eines gewissen Ge­sund­heits­mi­nis­ters mit seiner neuen Liebe zur Homöopathie „Dr. Wunderspahn“ als mögliche Namen ein. Auf welchen Server „Dr.Wunderalexis“ seine Praxis haben wird, kann ich natürlich nicht vorhersehen. Ob er Kreditkarten nimmt oder Gutscheinkarten von Amazon, kann ich ebenfalls nicht vorhersagen. Wie ernst es „Dr.Wunderalexis“ mit dem Datenschutz nimmt oder ob er die Daten weiter verkauft, kann ich ebenfalls nicht sagen. Aber sicher ist, es wird eine Flatrate geben, die deutlich billiger ist als eine konventionelle homöopathische Anamnese. Damit dürfte sich die Problematik der ärztlichen Zusatzausbildung Homöopathie langfristig von selbst erledigen. Nicht ärztliche Homöopathen sollten sich rechtzeitig um Alternativen wie Osteopathie und Akupunktur kümmern. Wie gesagt, „Dr.Wunderalexis“ kann und darf nicht alles, aber er wird sicher gegen eine geringe Gebühr einen Kontakt an einen Quacksalber in der Umgebung vermitteln.

PS: Dies waren Reflektionen des in naher Zukunft (der nächsten 5 bis 10 Jahre) wahrscheinlich technisch Möglichen. Ob mir all diese Aspekte der „schönen neuen Welt“ wirklich gefallen, das erfordert noch einiges Nachdenken.

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