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Avatar #88767
am Donnerstag, 24. Oktober 2019 um 08:55

Glocken zum Krankenhaussterben werden schon mal zur Probe geläutet

Kommentar zur Nachricht
Zustände in den Notaufnahmen sind „erbärmlich“
vom Mittwoch, 23. Oktober 2019
Das Resümee des Chefarztes der Notaufnahme: 600 INZ an ausgewählten Krankenhäusern reichen aus, um die Bevölkerung zu versorgen. Dieser Testballon zu INZ ist mit guten Argumenten gefüllt. Die Zustände in den Notaufnahmen sind erbärmlich, der Nachwuchs tut sich das nicht mehr an – also müssen die Notaufnahmen deutlich attraktiver werden. Deswegen sollen den Notaufnahmen vorgeschaltete INZ die Masse der Patienten abfangen und nur noch ein kleiner Teil bis in die Notaufnahmen gelangen. Eine rationale Argumentation.

Krankenhäuser ohne INZ werden vielfach keine Überlebenschance haben.

Allerdings gibt es da noch eine weitere Kleinigkeit. Woher kommen die Ärzte, die die INZ bestücken sollen? Die Krankenhäuser haben keine. Also müssen die Niedergelassenen ran. Und jetzt den Taschenrechner raus. 600 INZ multipliziert mit 365 Tagen pro Jahr multipliziert mit 3 Schichten pro Tag multipliziert mit 5 Ärzten pro Schicht ergibt was? 3.285.000 Dienste pro Jahr, die die Niedergelassenen ableisten müssen.

Pro Arzt fallen an Diensten pro Jahr an:
82 (bei 40.000 teilnehmenden Ärzten)
55 (bei 60.000 teilnehmenden Ärzten)
41 (bei 80.000 teilnehmenden Ärzten)

Wie viele Ärzte werden hurra schreien, dass sie endlich mal wieder am Krankenhaus Dienst machen dürfen? So nachts und am Wochenende? Sind sie nicht genau deswegen in die Niederlassung gegangen, um u. a. selbst über ihre Arbeitszeiten zu entscheiden?

Wer argumentiert, dass es keine 5 Ärzte pro Schicht sind, weil so viele Patienten kommen doch gar nicht, der irrt. Denn wenn u. a. die ärztlichen Bereitschaftsdienstzentralen wegfallen, dann laufen in den INZ auch all diese Patienten auf.

Stand heute beherrschen Ärzte noch nicht die Fähigkeit der Bilokation. Entweder arbeiten sie in ihrer Praxis, dann arbeiten sie nicht in der INZ. Arbeiten sie in der INZ, dann arbeiten sie nicht in der Praxis. Für jeden INZ-Dienst ist die Praxis einen Tag geschlossen. Wenn ein Arzt von bisher 200 Sprechtagen nur noch 120 Sprechtage in der eigenen Praxis arbeitet, müssen die Fixkosten auch auf 120 statt auf 200 Sprechtage umgelegt werden. Damit steigen die Fixkosten pro Sprechstundentag um 67% an.

Wenn bisher bei Einnahmen von 100 Kosten von 50 anfielen, ergab sich daraus ein Überschuss von 50. Macht der Arzt 80 Dienste in der INZ, steigen seine Kosten auf 83. Damit sinkt der Überschuss von 50 auf 17. Man könnte auch sagen, dass die Einkünfte eines Niedergelassenen nach der Einführung der INZ um zwei Drittel zurückgehen.

Was hat das mit dem Glockenläuten wegen Krankenhaussterben zu tun, denn das war doch die Überschrift meines Kommentars?
Da bin ich jetzt ganz ärztefunktionärstechnisch unterwegs und sage „Stimmt. Das Krankenhaussterben, der Umbau des Rettungs- und Notfallwesens und insbesondere die Einführung der INZ haben keinerlei Auswirkungen auf die Niedergelassenen. Das ist doch eine völlig andere Baustelle, betrifft uns nicht. Nur weil so ein Depp daherkommt und öffentlich aufzeigt, dass die Niedergelassenen dabei die absoluten Verlierer sein werden, muss man das doch nicht thematisieren.“

Weil die Ärztefunktionäre so oder so ähnlich denken und handeln, wird am Ende was passieren? Genau, alle Bemühungen Ärzte in die Niederlassung zu bekommen, alle Fördermaßnahmen, Landarztquoten, zusätzlichen Studienplätze … werden durch die INZ unterlaufen. Denn die INZ sind nichts anderes als ein Generalangriff auf die Niedergelassenen.

Das haben Sie nicht verstanden? Dann tippe ich mal, dass Sie Ärztefunktionär sind. Sie haben es verstanden, aber es ist halt im Moment nicht angesagt das laut zu sagen, denn „ich bin Ärztefunktionär und bisher bin ich immer noch am besten damit gefahren, meine Kollegen zum Schafott zu führen und selbst den Judaslohn zu kassieren“.

Selbst wenn Sie als Niedergelassener als Rebell dagegen opponieren, Sie haben schlechte Karten. Denn Sie werden in dem Fall keine Mitarbeiterinnen mehr haben. Denn es werden mehrfach so viele MFA wie Ärzte in den INZ benötigt. Wo kommen die vielen MFA her? Aus den Arztpraxen der Niedergelassenen. Selbst wenn Sie weiterarbeiten wollten, ohne MFA bleibt Ihnen nur die Ressource „Familie“.

Wie bitte, für Ihre Patienten würden Sie alles tun? Also bei einem Bruchteil des bisherigen Überschusses sogar noch die eigene Familie in dieses hochdefizitäre Kleinunternehmen Arztpraxis einbinden? Gott sei Dank. Endlich jemand, der gute Chancen hat, die Nachfolge von Mutter Theresa antreten zu können.
;-)
Avatar #108046
am Donnerstag, 24. Oktober 2019 um 11:33

Integrierte Notfallzentren - mal offen gedacht, abseits etablierter Strukturen

Herr Fleischmann und Herr/Frau fjmvw sprechen genau das Problem an: weder die niedergelassenen Ärzte noch die Krankenhausärzte haben Kapazitäten, den Notfalldienst in der bisherigen Form abzusichern. Daran ändert auch eine neue räumliche Struktur von INZ nichts. Abgesehen von ihren Kapazitäten habe die Ärzte zunehmend auch keine Motivation mehr, Bereitschaftsdienste zusätzlich zu ihrer normalen Arbeitszeit zu übernehmen, die gar keine "Bereitschaft", sondern voll ausgeschöpfte zusätzliche Arbeitszeit sind, noch dazu mit der psychischen und physischen Belastung andauernder Notfallsituationen.
Also muss eine andere Lösung her. Ich habe Spahns Entwurf mehrmals gelesen. Ich kann aus ihm auch eine andere Möglichkeit der Absicherung der ärztlichen Leistungen der geplanten INZ entnehmen: die INZ könnten eigene Ärzte selbst einstellen. Ärzte, die für den Notfalleinsatz ausgebildet sind. Die am INZ ihre reguläre Arbeitszeit im Schichtsystem leisten. Deren Vergütung unabhängig von KV und Krankenhaus direkt über das INZ erfolgt. Die Zahl dieser Ärzte müsste so bemessen sein, dass sie auch den aufsuchenden Notdienst mit abdecken können. Und zwar sowohl den Hausbesuch im Rahmen der 116 117, als auch den Notarzteinsatz im Rahmen des Rettungsdienstes. Eine imponierende Idee wäre dabei, dass der Notarzt den Patienten nach dem Rettungseinsatz nicht an den Notarzt der Notfallambulanz abgibt – was eine verlustfreie Übermittlung aller Parameter voraussetzt -, sondern ihn im INZ weiter betreut bis zur stationären Aufnahme ins Krankenhaus oder bis zur Entlassung.

Da ich diese Idee bisher noch nirgends in der Diskussion gesehen habe, würden mich Rückmeldung aus der Ärzteschaft sehr interessieren.

Im Übrigen noch ein Hinweis: die INZ sollen durchaus nicht den bisherigen Notaufnahmen vorgelagert sein. Die INZ sollen die Notaufnahmen ersetzen. Ein Krankenhaus würde seine Patienten demnach in Zukunft direkt vom INZ eingewiesen bekommen, auf die regulären behandelnden Stationen. Eine „Selbsteinweisung“ von Patienten direkt in ein Krankenhaus wäre nicht mehr möglich; Patienten könnten sich nur noch an ein INZ wenden. Ärzte am Krankenhaus könnten in relativer Ruhe geplant arbeiten, ohne von ihren Stationen zu Notfällen abgerufen zu werden.
Avatar #4050
am Sonntag, 27. Oktober 2019 um 14:54

INZ - mal offen gedacht

Liebe "Mathilda",
genau so wie sie es beschreiben wäre es eine sinnvolle Herangehensweise: abseits aller etablierter Strukturen und Prozesse etwas "Neues" zu schaffen, bestenfalls gut für die dort Tätigen UND für die Patienten.
Mein Eindruck als "Moderator der Ideen" in den verschiedenen Sektoren ist, daß insbesondere die KBV alles beim Alten belassen möchte...und der Krankenhausgesellschaft eine qualitative Verbesserung der Notaufnahme-Organisation gar nicht so recht wäre, da durch gut organisierte Notaufnahmen bereits aktuell stationäre Patientenbehandlungen reduziert werden.
Insofern: das BGM sollte sich nicht von seinem Weg abbringen lassen, schnellstmöglich den INZ-Gedanken als imperative Forderung an die Selbstverwaltungen zu formulieren...mit klaren Struktur- und Qualitätsvorgaben auf beiden Seiten des Tresens! Die Zeit drängt...
Avatar #795499
am Mittwoch, 30. Oktober 2019 um 11:43

Notaufnahme in Not

Am besten, man kümmert sich heutzutage selbst so um seine Gesundheit, dass ein Notaufnahmeszenario gar nicht erst entsteht, mal abgesehen vlt. von einem Unfall. Die Aussicht, in einer lebensbedrohlichen Situation von einem völlig überlasteten Notarzt - möglichst noch gegen Ende einer Doppelschicht - diagnostiziert zu werden, ist nicht gerade ermutigend... Aber die Ärzte selber können sicher am wenigsten dafür. Ich ziehe alle Hüte vor denen, die sich immer noch tagtäglich in diesen Stress werfen, um Menschenleben zu retten!!!
Avatar #79783
am Mittwoch, 30. Oktober 2019 um 21:20

Und auf dem Land?

Dasmag ja alles in den Städten funktionieren, wo jedes Krankenhaus eine Notaufnhme zur Rekrutierung von "Kurzliegefällen" betreibt, die 30% der Betten füllt (die eigentlich überflüssig sind und nur Ressourcen binden)
Was soll aufdem Land passieren? Gilt da für die Niedergelassenen wieder wie vor 50 Jahren die 24/7-Dienstbereitschaft (die immer noch in der Berufsordnung und den Mantelvertägen steht!)?

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