DÄ plusForenKommentare NewsAngst, die Butter von Brot geklaut zu bekommen

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Avatar #768827
am Mittwoch, 20. November 2019 um 20:43

Der erste Schritt Ärzte aus dem Rettungsdienst zu vertreiben

In Schweden hat man in Zeiten von Ärztemangel in den 60-80ern, paramedizinischem Personal das Recht gegeben, via sg Behandlungsrichtlinien und Delegation, medizinische Behandlung durchzuführen.
Das hat dazu geführt, dass die berufsgruppe der Krankenschwestern/Pfleger besonders prehospital die meisten Ärzte verdrängt hat.
In der Anesthesie sieht es ähnlich aus.
Man sollte sich genau überlegen, ob das eine Entwicklung ist, die man sich In Deutschland wünscht.
Avatar #650821
am Donnerstag, 21. November 2019 um 06:09

Dringend mehr Kompetenz für Notfallsanitäter geboten

Ich verfolge die Diskussion um Kompetenzen von Notfallsanitätern gerade mit Spannung aus Australien. Ich habe viele Jahre in der Notfallrettung in Deutschland gearbeitet (zu Luft und zu Boden) und arbeite aktuell in der Luftrettung (Hubschrauber) im Großraum Sydney. Die Paramedics hier sind exzellent ausgebildet und können selbstverständlich sicher und auf hohem Niveau viele Maßnahmen durchführen, für die in Deutschland ein Notarzt entsendet werden würde. Arztbesetzte Rettungsmittel werden hier nur disponiert, wenn der Arzt sogenannte „meaningful interventions“ beitragen kann. Das schließt eine Notfallnarkose mit Intubation genauso wie Thoraxdrainagen oder Thoraktotomien ein. Thoraxdekompressionen per Nadel werden von den Paramedics selbstverständlich initial selbstständig durchgeführt. Dorthin müssen wir auch in Deutschland kommen. Wir brauchen keine Mediziner auf der Straße, die diese „meaningful interventions“ wenn überhaupt alle Jubeljahre durchführen und null Routine haben. Wir brauchen exzellent ausgebildete Notfallsanitäter in der Breite (das ist Aufgabe von uns Ärzten!) plus hocherfahrene Notfallmediziner die einem entsprechenden Beitrag in besonders komplexen Fällen für die Patientenversorgung beitragen können. Es geht nicht darum, den Notarzt abzuschaffen. Aber die breite Verteilung per Gießkanne der wertvollen Resource „Notarzt“ macht aus meiner Sicht keinen Sinn.
Avatar #750471
am Donnerstag, 21. November 2019 um 07:10

Angst, die Butter von Brot geklaut zu bekommen

Niemand will die Notärzte abschaffen, aber gerade im ländlichen Raum ist diese Ressource viel zu oft für Bagatellen gebunden, während bei wirklich kritischen Patienten Anfahrtszeiten von >20 min in Kauf genommen werden müssen.
Es geht in dieser Debatte auch nicht um Notfallkoniotomien, Thoraxdrainagen usw. usf., sondern den normalen Notfallpatienten, dem durch einfache Maßnahmen geholfen werden kann, ohne dass ein Arzt vor Ort sein muss.
Und jeder Arzt, der jammert, der Notarzt soll abgeschafft werden, sollte sich mal überlegen, wie viele NA-Dienste er macht. Das, was bei uns teilweise passiert, um das NEF nicht abmelden zu müssen, grenzt ggü. den Patienten durchaus bereits an Körperverletzung (bis zu 96 h Dienst am Stück...). Da wäre ein NotSan mit ein paar wenigen Maßnahmen, die er durchführen darf, die bessere Option für den Patienten.

Aber Deutschland hat - wie so oft - Angst davor, dass den Ärzten die Butter vom Brot geklaut wird. Zu Lasten der Menschen, für die wir alle da sein sollten: den Notfall-Patienten.
Avatar #771898
am Donnerstag, 21. November 2019 um 09:28

Verschleiertes Lohn- und Kompetenzdumping

Letztendlich wird über das Seelenstreicheln der Assistenzberufenur erreicht, dass in der Notfallversorgung das durchschnittliche Niveau in Sachen Lohn und Kompetenz gesenkt werden kann.
Dass das rechtzeitige, flächendeckende Eintreffen einer ärztlichen Handlung nicht erfolgt, sollte kein Argument sein, nichtärztliches Personal mit größeren Befugnissen auszustatten. Denn auch dies wird keine notärztliche Versorgung verbessern. Damit legitimiert man lediglich eine weitere Verschlechterung und Ökonomisierung unserer Medizin, nachdem man erfolgreich Assistenz und Arzt gegeneinander ausgespielt hat.
Avatar #629688
am Donnerstag, 21. November 2019 um 10:21

Klare Regelungen äußerst sinnvoll.

Da wurde der Notfallsanitäter geschaffen (an sich sehr sinnvoll), doch im Vergleich zum Rettungsassistenten stellen sich erneut die Fragen nach den "erweiterten" Kompetenzen. Beim Rettungsassistenten ging es dann immer wieder um das nicht-juristische Konstrukt der "Notkompetenz", auch gab es Stellungnahmen von der BÄK und der DIVI. Beim Notfallsanitäter wurden Standardarbeitsanweisungen (SAA) und Behandlungspfade Rettungsdienst (BPR) geschaffen, an deren Entwicklung zahlreiche ÄLRD und Fachverbände beteiligt waren und weiterhin sind. Aber? Juristisch ist es eine äußerst prekäre Situation, wenn nun der Notfallsanitäter eigenverantwortlich tätig wird, denn es ist möglicherweise ein Akt der Heilkunde und dabei gibt es den sogenannten Arztvorbehalt. Guckt man sich nun die aktuellen Stellungnahmen der DGOU und der DGAI/BDA an, dann geht es bei diesen ablehnenden Stellungnahmen um Notfallnarkosen oder Thoraxdrainagen. Immer wieder wird die "hervorragende" Notarztvorhaltung in Deutschland betont. Wenn man in die Praxis der Notfallrettung guckt, dann findet man auch größere Städte im Ruhrgebiet, wo zeitweise Notarztstandorte wegen eines Arztmangels nicht alarmiert können. Im ländlichen Bereich ist das auch längst ein Normalfall. Zudem steigen die Einsatzzahlen immer weiter an (für RTW, NEF, sogar für die Luftrettung). Obendrein verabschieden sich Krankenhäuser aus der Notfallversorgung oder werden abgewrackt. Man kann festhalten: da ist ein gewisser Flow drinnen. Und guckt man nun in die Versorgungsrealität des Notfallsanitäters, dann fangen die juristischen Probleme bereits an, wenn ein Beta2-Agonist und/oder ein Anticholinergikum beim Bronchospasmus vernebelt werden sollen oder auch die Anlage einer Venenverweilkanüle zur Infusion einer Vollelektrolytlösung bei Dehydrierung oder als Grundlage für die weiterführende Glucose-Gabe (i.v.) bei nachgewiesenem hypoglycämischen Schock. Auch die notfallmäßige Verabreichung von Adrenalin-Autoinjektoren bei schwerer Anaphylaxie usw., all das ist juristisch in einer Grauzone. In Realität ist es sogar so, dass das NEF zur Hypoglycämie nachgefordert wird, sich dann doch jemand des primären Rettungsteams (RTW) zur Anlage der Venenverweilkanüle überwinden konnte (was sehr oft passieren wird ) und auch die benötigte Glucose i.v. verabreicht wurde (was auch durch viele ÄLRD und bereits etablierte Fortbildungsmaßnahmen erwünscht ist), man dann als Notarzt 15 Minuten später auf den wachen und stabilisierten Patienten trifft und dieses Vorgehen nun absegnet. Irgendwie nötig, aber nicht sehr ressourcenorientiert. Es geht also ganz sicher nicht um nicht-ärztliche Notfallnarkosen oder Thoraxdrainagen.

Ich kann nur aus fast 20 Jahren Rettungs- und Notarztwesen berichten, dass die Rettungsassistenten, und jetzt Notfallsanitäter, sehr oft gute Arbeit leisten, sichere Arbeitsdiagnosen stellen und in der Tat symptomorientiert Patienten anhand von SOPs antherapieren können. Mehr Rechtssicherheit wäre hier meiner Meinung nach überfällig, letztlich auch für die vielen ÄLRD in Deutschland, die ja nicht selten nebenberuflich bis ehrenamtlich diese Funktion wahrnehmen.
Und als FA Anästhesie und Notarzt würde ich mir zudem wünschen, dass der eigene Berufsstand (Notarzt) sich mal auch selbst an die Nase fasst und zwar mit der Frage: wie aktuell sind meine Versorgungsstrategien (Sicherheit beim Atemwegsmanagement, Trauma-Versorgung, Thoraxdrainagenanlage, Management von pädiatrischen Notfällen, aktuelle Leitlinien, Simulation/Teamtraining)? Denn sowohl aus präklinischer, als auch ZNA-assozierter Versorgung sehe ich hier zunehmenden Fortbildungsbedarf, und das bei den ärztlichen Kollegen/innen. Grund: auch in der Notfallmedizin wächst das Wissen immer schneller an.

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