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Avatar #648603
am Montag, 9. Dezember 2019 um 22:38

Schon entsetzlich

Wenn stimmt, wie ich kürzlich dem Bericht einer seriösen Zeitung entnommen habe, dass in den USA einer Patientin zur Behandlung ihrer Migräne (!) die 3x tgl. Einnahme eines Mischpräparates aus Oxycodon (unklar ob 2,5, 5 oder 10 mg) + 375 mg Paracetamol (Percocet®) verschrieben wurde, kann ich mich nur entsetzen.

Da ist ja so ziemlich alles falsch, was man bei der medikamentösen Therapie einer Migräne falsch machen kann. Und dass die Frau danach Opiatabhängig war ist kaum verwunderlich.

Wieso haben Ärzte so etwas verordnet?
Avatar #79783
am Dienstag, 10. Dezember 2019 um 23:55

@normalerdoktor

da brauchen Sie nicht in die USA zu schauen. Auch hierzulande habe ich schon Migränepatientinnen gesehen, die jeden Monat 10 Fläschchen Tramadol-Trropfen wegen ihrer Migräne verschrieben bekamen.
Mischpräparate aus Opioiden (Tramadol, Codein) und Paracetamol sind vor allem bei Zahnärzten sehr beliebt.Wir haben in Deutschland einen kaum erfassten Abusus von schwach wirksamen Opioiden (Tramadol, Tilidin), die von Migräne über Regelschmerzen bis zu orthopädischen Indikationen recht libertär verschrieben werden.
Nach Auffassung der zuständigen Gremien wurde von einer Aufnahme von Tramadol in die Anlage zum BtMG abgesehen, weil Tramadol angeblich kein oder ein nur sehr leichtes Entzugssyndrom auslöst.
Als Suchtmediziner sehe ich das genaue Gegenteil: Sowohl der hochdosierte Dauergebrauch als auch der Entzug erzeugen schwerste psychische und physische Probleme, da sich ein Opioidentzug und ein SRI-Entzug überlagern.
Die leichte Verfügbarkeit behindert zusätzlich den Erhalt einer mühsam erzielten Abstinenz!
Ich halte die amerikanische Opioidkrise für eine Folge des dortigen Sozial- und Gesundheitssystems: Die "Hire & Fire"-Kultur, die bei häufigen krankheitsbedingten Fehlzeiten zum Verlust von Arbeitsplatz und damit meist auch der Kran­ken­ver­siche­rung führt, und die enorm teure ärztliche Behandlung - ein Arztbesuch kostet zwischen 100 $ und 500 $, dazu kommen sehr hohe Arzneimittelpreise.
Eine - bei Opioiden essenzielle - regelmäßige Einnahme ist für die Kranken finanziell nicht drin, eine Bedarfseinnahme führt in die Sucht.
Und Opioide sind halt sehr wirksam - mit Schmerzen arbeiten ist damit kein Problem.
Wenn dann die weitere Einnahme nicht mehr finanzierbar ist, geht es halt zum Dealer an der Ecke, der Heroin für einen Bruchteil des Oxycodonpreises anbietet.
Wird das Strassenheroin dann mit Fentanyl oder Fentanylderivaten "aufgeppept", ist der Drogentod nicht mehr weit: Eine Portion aus dem selben Bubble kann bei unsorgfältigem Mischen wirkungslos, die nächste tödlich sein....

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