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Avatar #759489
am Sonntag, 9. Februar 2020 um 17:59

"Schulmedizin" ?

Man mag die Verwendung des Begriffs kritisieren, jedoch drängt sich die Frage auf, welcher Begriff für die HOCHSCHULMedizin bzw. Mainstream-Medizin denn besser sei?
Die Anregung von Practicus nehme ich gerne an, denn das wäre eine wirklich spannende Diskussion wenn er sagt:
"Das suggeriert, die wissenschaftliche Medizin sei verschult, verknöchert, apodiktisch und fortschrittsfeindlich..."
VERSCHULUNG: Klar ist sie das, nennt sich Hochschule oder Universität; wer dort dem Herrn Professor widerspricht, dessen Karriere ist gefährdet. Weiß man doch alles.
APODIKTISCH: Auf jeden Fall, nennt sich Leitlinien. Wer daneben therapiert riskiert vor Gericht zu verlieren. Apodiktisch heisst "keinen Widerspruch duldend" - auf jeden Fall, merken wir hier bei den Kommentaren doch immer wieder, wenn die Scientisten aufjaulen, wenn man mal etwas neben den Mainstream argumentiert bzw. Kritik übt.
FORTSCHRITTSFEINDLICH: Naja, nicht durchgehend. Pharma-Innovationen sind ja gewünscht, wenn die Studienlage entsprechend ist (oder entsprechend gemacht wurde). Fortschrittsfeindlich war die Schulmedizin schon oft, siehe Bashing von Semmelweis, Gerson, Budwig, Dr. Kern; Bekämpfung von Homöopathie, Akupunktur, orthomolekularer Therapie und von Ärzten, die etwas neben dem Mainstream therapierten; knackiges Beispiel:
"1971 reiste Dr. Kern, der das orale Strophanthin 1947 entwickelt hatte, auf Einladung von Prof. Schettler nach Heidelberg - natürlich in der Hoffnung auf einen offenen Dialog mit einigen Fachkollegen. Obwohl im Interesse einer fairen Auseinandersetzung zwei Diskussionsleiter vereinbart worden waren, setzte Prof. Schettler den alleinigen Vorsitz von Prof. Wollheim durch. Dieser bügelte alle relevanten Wortmeldungen pro Strophanthin konsequent nieder.

Dr. Kern wurde schliesslich vor 150 Medizinern und der versammelten Presse als Scharlatan hingestellt. Kaum ein Mediziner traute sich danach noch, für das verpönte Strophantin einzutreten. Diese ungeheuerliche Veranstaltung ist Insidern bis heute als "Heidelberger Tribunal" bekannt."
Avatar #103488
am Dienstag, 11. Februar 2020 um 00:30

Strophanthin

@ Mitdenker:

Was genau wollen Sie mit dem Hinweis auf Strophanthin sagen? Ein verhindertes Wundermittel ist es nach derzeitigem Stand des Wissens nicht: https://www.medizin-transparent.at/strophanthin-das-verschwundene-herzmedikament/

Aber mehr würde mich interessieren, wie Sie den Hinweis von "Practicus" beurteilen, dass die Homöopathie "Schulmedizin" par exellence ist. Die Lehren von Hahnemann gelten bei klassischen Homöopathen bis heute, ebenso die von Kent bei spiritualistischen Vertretern der Homöopathie. Es gibt innerhalb dieser Schulen keinen Fortschritt. Sogar die Zahl der Schläge bei der Potenzierung wird einfach beibehalten, ohne dass Studien je verglichen hätten, wie oft man schlagen soll.

@ Naturfreund:

Wissenschaftliche Thesen werden nicht demokratisch entschieden, aber deswegegen gefährdet Wissenschaft nicht die Demokratie. Die korrekte Auskunft der Uhrzeit ist ja auch nicht "undemokratisch".
Avatar #759489
am Mittwoch, 12. Februar 2020 um 11:40

Fortschritt ein Wert an sich?

Zu Strophantin habe ich eine überaus positive Einstellung, EGAL was irgendwelche Seiten dazu sagen. Meine Jugenderfahrung war: Ich hatte wochenlang heftiges Herzstechen, Hausarzt findet NICHTS, Heilpraktikerin (der ich anfangs misstraute, soll ja Hokuspokus sein) stellte klare Diagnose und gab mir Strophantus -, Problem innerhalb von 1-2 Tagen WEG. Jetzt bin ich über 60, NULL Herzprobleme, bei allerbester Gesundheit. Tja, jetzt wissen sie warum der junge Mitdenker auf die folgende Erkenntnis kam: DIE HEILPRAKTIKERIN WAR BESSER ALS DER NETTE HAUSARZT (sowohl diagnostisch als auch therapeutisch). Solche Schlüsselerlebnisse macht so manche(r).

Fortschritt:
Ist kein Wert an sich, warum soll man z.B. das Schröpfen neu erfinden, wenn es seit Jahrhunderten gut wirkt und einfach zu praktizieren ist? Schröpfglas-Vakuum erzeugen und draufsetzen. Fertig. Warum wirft da nie einer vor: "Da gab es keine Fortschritt!" (Naja, ok, die kleinen Pumpen an den Schröpfköpfen vielleicht)
Ausserdem gab es genug "Fortschritt" in der Hom. seit Hahnemann, wobei man da auch vermuten kann, dass das eine oder andere evtl. ein "Rückschritt" sei. Das erinnert an die verschiedenen Richtungen in der Psychotherapie, aber das ist wohl alles jetzt ein wenig "off topic".
Avatar #691359
am Donnerstag, 13. Februar 2020 um 00:52

Sturm im Wasserglas

Ein Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer ist nicht die Person, welche über die Zukunft des Berufsstandes der Heilpraktiker entscheiden wird. Dafür ist der Gesetzgeber zuständig. Aber es ist ein Testballon zur aktuellen Stimmung und ein Versuch, die Protagonisten aus der Reserve zu locken. Die Reaktion der Wutbürger ließ nicht lange auf sich warten, dabei haben sich die Wutbürger wirklich die größte Mühe gegeben, alle bestehenden Vorurteile in Bezug auf den Berufsstand des Heilpraktikers zu bestätigen.

Ja, Ärzte tun sich schwer damit, Heilpraktiker als Teil des Gesundheitssystems zu akzeptieren. Das hat vor Allem damit zu tun, dass seitens der Heilpraktiker massiv Etikettenschwindel betrieben wird. Dort wo Heilkunde draufsteht, sollte auch Heilkunde drin sein. Wenn sich Heilpraktiker ausschließlich mit Naturheilkunde im engeren Sinn (Phytotherapie, milde Physiotherapien etc.) beschäftigen würden, wäre all dies kein Problem. Sehr wohl ein Problem ist das Sammelsurium an esoterischen alternativen Verfahren, die sich sowohl einer wissenschaftlichen Erklärung als auch einer Bestätigung ihrer klinischen Evidenz widersetzen. Das fängt schon mit der Ausbildung an, praktisch jede Heilpraktikerschule hat in ihrem Curriculum Angebote wie Irisdiagnostik, Schüsslersalze, Homöopathie etc. Das setzt sich fort mit der Weigerung der Heilpraktiker sich mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen ihrer Tätigkeit auseinanderzusetzen. Das ist auch kein Problem der Neuzeit, bereits in einem DÄ-Artikel von 2011 wurde diese Problematik dargestellt:
https://www.aerzteblatt.de/archiv/85221/Schulmedizin-versus-Naturheilverfahren-Hauptsache-pflanzlich

Da ist es auch wenig hilfreich, wenn ein Nichtdenker mit geballtem Einsatz von Whataboutismen versucht, vom Kern des Problems abzulenken, dieser Forist zeigt eindringlich, wie wissenschaftsfern ein Großteil der Heilpraktiker in dieser Frage ist und dass eine eigene Auseinandersetzung der Heilpraktiker mit dem esoterischen Unfug im eigenen Tätigkeitsspektrum auch in zwanzig Jahren nicht zu erwarten ist.

Ein Vizepräsident der Bayerischen Landesärztekammer kann die Gesetze nicht ändern, aber er kann eine Diskussion anstoßen, die sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen der Berufsausübung der Heilpraktiker beschäftigt. Egal ob Homöopathie, Irisdiagnostik, Schüsslersalze oder Geistheilung, all dies sind verschiedene Varianten einer ritualisierten Zuwendung. Der Beruf des Heilpraktikers ist ein freier Beruf und kann nicht einfach abgeschafft werden, auch hier gelten die Prinzipien des Bestandsschutzes. Aber die Rahmenbedingungen können und müssen hinterfragt werden. Dies fängt an mit der Berufsbezeichnung, der ganze esoterische Hokuspokus ist keine Heilkunde, deshalb sollte der Berufsstand in Ritualtherapeut umbenannt werden. Nur dort wo ausschließlich echte Naturheilkunde drin ist, wäre die Bezeichnung Heilpraktiker weiterhin legitim. Und es geht weiter mit dem Tätigkeitsspektrum. Bisher gab es nur eine kurze Negativliste mit Verboten. Nach den Erfahrungen z.B. mit alternativen Krebstherapien wäre es sinnvoller, sich auf eine Positivliste mit erlaubten Behandlungen zu beschränken, wobei individuell das Tätigkeitsspektrum durch zertifizierte Zusatzausbildungen erweiterbar sein sollte.

Streng genommen schaden sich die Heilpraktiker mit ihrer Haltung selbst. Gerade beim Thema Homöopathie gibt es schon lange heftige Diskussionen. Wenn die Anhänger der Homöopathie dies als spezielles Ritual mit starker Placebowirkung akzeptieren würden, stünde einer Integration in die Schulmedizin nichts entgegen. Die Placebowirkung ist wissenschaftlich akzeptiert und bewiesen. Für die Berechnung der Wirksamkeit (numbers needed to treat=NNT) könnte man eine Interventionsgruppe mit einer Nichtinterventionsgruppe vergleichen. Dies entspricht sicher auch den Alltagserfahrungen der Hömöopathieanwender. In dem Augenblick, wo aber eine spezifische Wirksamkeit der Homöopathie postuliert wird, muss sich die Hömöopathiegruppe in einer verblindeten randomisierten placebokontrollierten Studie messen lassen, die NNT geht unter diesen Bedingungen gegen unendlich.

Warum also tun sich die Anhänger der Homöopathie (und all der anderen pseudowissenschaftlichen Therapien) so schwer damit, das Ritual als wirksames Agens anzuerkennen? Das hängt damit zusammen, dass ein Ritual bzw. Placebo am besten wirkt, wenn der Patient von der Wirkung überzeugt ist. Auch gibt es bei den Ritualtherapien einen kulturellen Aspekt, nicht jeder Patient ist für jedes Ritual empfänglich. Zusätzlich wird der Patient im Vorgespräch für das geplante Ritual konditioniert, deshalb benötigt eine homöopathische Anamnese auch relativ viel Zeit. Die Haltung des Behandlers zum Ritual erlaubt drei mögliche Kommunikationsstrategien. Erstens, der Behandler steht dem Ritual kritisch gegenüber und klärt den Patienten über die Rolle des Rituals auf, das wäre die sauberste Lösung, würde aber den Verzicht auf einen Teil des Placeboeffekts bedeuten. Zweitens, der Behandler steht dem Ritual kritisch gegenüber, verschweigt dies aber dem Patienten. Das wäre bei freundlicher Auslegung Beihilfe zum Selbstbetrug und bei unfreundlicher Auslegung eine Lüge. Dies würde das Vertrauensverhältnis zwischen Behandler und Patient gefährden und wäre deshalb nur für Ausnahmesituationen akzeptabel. Drittens, der Behandler belügt sich selbst und gibt all den Ritualen einen besonderen Sinn, indem ihnen ein bisher unverstandener spezifischer Wirkmechanismus angedichtet wird. Offensichtlich ist dies die einfachste und am häufigsten praktizierte Variante. Aus diesem Grund sollten auch Ärzte die Finger von der Homöopathie lassen, der Selbstbetrug ist gleichbedeutend mit Kontrollverlust in der Funktion als Lotse des Patienten und mit dem ärztlichen Berufsethos nicht vereinbar.

Noch ein paar Worte zum Thema Leitlinien. So abfällig wie sich einige Foristen aus der Heilpraktikerecke über Leitlinien äußern, zeigt dies, dass sie das Prinzip wissenschaftlicher Arbeitsweise nicht verstanden haben. Ich empfinde Leitlinien nicht als Gängelung, sondern als Bereicherung. Nur reproduzierbare und objektivierbare Daten können helfen, sich im Dschungel der verschiedenen Therapiemöglichkeiten nicht zu verirren. In den letzten Jahren haben Leitlinien in ihrer Struktur große Veränderungen durchgemacht. Moderne Leitlinien haben ein Verfallsdatum, damit neue Erkenntnisse regelmäßig integriert werden. Moderne Leitlinien machen Angaben zu den Interessenskonflikten ihrer Autoren, um die Einflussnahme der Industrie zu begrenzen. Moderne Leitlinien wichten ihre Aussagen in Abhängigkeit von der Belastbarkeit/Evidenz der zugrundeliegenden Daten. Die nächste Strukturänderung bei Leitlinien wird wahrscheinlich dahin gehen, dass dort die Einschlusskriterien der wichtigsten Studien thematisiert werden, damit besser sichtbar wird, für welche Patienten die Leitlinie anwendbar ist und für welche Patienten eine individualisierte Therapieentscheidung notwendig ist. Auch fehlt aktuell noch ein Hinweis, ob alle Bevölkerungsgruppen (Frauen, Kinder, bestimmte Ethnien, bestimmte Altersgruppen) in den zugrundeliegenden Studien hinreichend berücksichtigt wurden. Wie gesagt, Leitlinien sind noch nicht perfekt, auch werden sie zunehmend umfangreicher (eine Lang- und eine Kurzfassung ist fast überall üblich). Aber Leitlinien zeigen am deutlichsten den medizinischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte.

Ich weiß, dass Psiram auf Heilpraktiker wie ein rotes Tuch wirkt, aber dort gibt es zwei Übersichtsartikel zum Thema Argumentationsweisen und Alternativmedizin, die aus meiner Sicht absolut lesenswert sind:
https://www.psiram.com/de/index.php/Rhetorik_der_Pseudomediziner_und_Vermarkter_zweifelhafter_Produkte
https://www.psiram.com/de/index.php/Alternativmedizin
Wenn sich Heilpraktiker mehr mit den methodischen und fachlichen Grundlagen ihres Berufs beschäftigen würden, dann müssten dies nicht andere für sie tun und dann könnte sich auch ein Herr Botzlar anderen Themen zuwenden.
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am Donnerstag, 13. Februar 2020 um 09:56

Gesundheitsausgaben

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/_inhalt.html

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