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Avatar #835313
am Freitag, 10. Juli 2020 um 11:11

Ärztliche Ethik im Anthropozän

Lieber Herr Kollege Dr. Scholl,

vielen herzlichen Dank für den Einblick in die Gemengelage der Vertreter verschiedener Interessen in Bezug auf die Vor- bzw. Nachteile fleischfreier Ernährung. Aus unserer Sicht greift die Argumentation besonders an einer Stelle viel zu kurz und wir möchten gern einen weiteren, gerade aus präventivmedizinischer Sicht wesentlichen Aspekt ergänzen:

Entscheidend ist, dass wir global die Emissionen möglichst schnell auf Null (sic!) senken müssen, um die globale Temperaturerwärmung zu begrenzen und so den daraus resultierenden direkten und indirekten (Hunger!) gesundheitlichen Folgen vorzubeugen. Die Berufsordnung der Bundesärztekammer bezieht dazu eindeutig Stellung: "Ärzte haben eine besondere Verantwortung, an der Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesundheit der Menschen mitzuwirken.“ Das bedeutet, dass insbesondere wir Ärzte alle unseren Beitrag leisten müssen, denn nur durch die Summe der Einzelmaßnahmen (Kleinvieh macht auch Mist) bleibt das 2°-Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens, die wahrscheinlich beste Präventionsmaßnahme des 21. Jahrhunderts, überhaupt erreichbar.

Ziel der präventiven Arbeit des Ernährungsmediziners muss es also sein, auf uns alle einzuwirken, uns gesund zu ernähren bei gleichzeitig möglichst geringem CO2-Fußabdruck. Der zurzeit immer noch leider häufig anzutreffende Reflex, die Relevanz einzelner Maßnahmen durch Vergleiche mit anderen, evtl. CO2-intensiveren Bereichen zu relativieren, ist eine verständliche Abwehrhaltung. In Bezug aber auf die Prävention und die daher aus medizinscher Sicht zu fordernde Transformation hin zu einer fossil free economy ist dieser Reflex absolut kontraproduktiv. Ob fleischfreie, vegetarische, vegane, low-carb oder proteinbasierte Ernährung am Ende ein paar Prozente Gesundheit schenken, ist in diesem Kontext vergleichsweise unerheblich.

Dr. Charlotte Lingg, PD Dr. med. Christian Schulz
________________________________________
Oberärzte
AG Klimawandel
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Klinikum rechts der Isar
Technische Universität München
Avatar #65680
am Freitag, 10. Juli 2020 um 14:38

Verwunderliche Kommentare und Fake-News

Über manche aufgeregten Kommentare zum Fleisch-Artikel kann man sich nur sehr wundern. Man hat den Eindruck, etliche Kommentatoren wollen Aussagen lesen, die gar nicht im Artikel stehen. Beispielsweise findet sich nirgendwo, dass der Autor eine fleischarme Ernährung ablehne – dennoch wird das in den Kommentaren behauptet.
Offensichtlich fehlt es auch an Fachwissen bezüglich der Aussagekraft von Studien: Um diese Frage drehte sich ja die Debatte in den Annals of Internal Medicine und um das EAT Lancet Paper.
„Bavaria Blue“ meint, Low-Carb sei der größte Marketing-Schwindel im Gesundheitsbereich – und hat wohl die aktuellen „STANDARDS OF CARE“ der American Diabetes Association verpasst, die sich im Januar 2020 wie folgt äußern: „Reducing overall carbohydrate intake for individuals with diabetes has demonstrated the most evidence for improving glycemia and may be applied in a variety of eating patterns that meet individual needs and preferences… reducing overall carbohydrate intake with a low- or very-low-carbohydrate eating pattern is a viable option.” Schwindel? Doch wohl eher mangelndes Fachwissen bei Bavaria Blue? (Diabetes Care 2020;43(Suppl. 1):S48–S65 | https://doi.org/10.2337/dc20-S005)
“Canuto” bezieht sich auf die kanadischen Ernährungsempfehlungen 2019, die angeblich vom Fleisch abraten und pflanzenbasiert seien. Wer es nachschaut, wird sehen, dass in diesen Leitlinien als gesunde Proteinquellen mageres Fleisch, Wild, Fisch, Eier und Milchprodukte empfohlen werden. Planzenbasiert und fleischarm also? https://food-guide.canada.ca/en/healthy-eating-recommendations/make-it-a-habit-to-eat-vegetables-fruit-whole-grains-and-protein-foods/eat-protein-foods/
Und schließlich versucht Dr. J. Hein – wohl gemerkt unter der Überschrift „Polemik“ – offensichtlich ganz unpolemisch dem Autor zu unterstellen, er habe keine eigenen wissenschaftlichen Publikation vorzuweisen. Da ich selbst auf ResearchGate unterwegs bin, dem Netzwerk von Wissenschaftlern, habe ich einmal nachgeschaut und bin auf 24 Artikel von Dr. Scholl gestoßen: https://www.researchgate.net/profile/Johannes_Scholl/publications.
Offensichtlich verleitet der Eifer der Fleischgegner zu manchen Falschbehauptungen.

Avatar #67450
am Samstag, 11. Juli 2020 um 16:40

Wer liest ist im Vorteil

Ich bin eigentlich nicht verwundert über den "Aufschrei der Ideologen" der hier einschlägt. Wenn man den Artikel unvoreingenommen liest, bleibt nur ein Credo: Die meisten Ernährungsempfehlungen basieren auf Glauben und nicht auf Evidenz. Das ist sicherlich richtig. Vielen Dank für diesen Artikel.
Avatar #631867
am Samstag, 11. Juli 2020 um 18:37

Unverantwortbarer Artikel

Den zahlreichen Kommentaren kann ich mich nur anschließen: Schade, dass es im Jahr 2020 ein derart offensichtlich voreingenommener Artikel noch ins Ärzteblatt schafft.
In der Absicht, pflanzenbasierte Ernährungsstile zu diskreditieren, nutzt der Autor zum Teil substanzlose Belege und Ad-Hominem-Argumente:

„Der E-Mail-Account der verantwortlichen Chefredakteurin [...] wurde von Tausenden von Mails überflutet und musste stillgelegt werden.“
Was hat diese Feststellung in einem wissenschaftlichen Artikel über die gesundheitlichen und klimatischen Auswirkungen von Fleischkonsum zu suchen? Hier handelt es sich um reine Stimmungsmache.

„Der Chef von Impossible Foods machte [...] folgende Rechnung auf [...]. Dies stellt der Klimaforscher Frank Mitloehner von der University of California in Davis mittels Klimakalkulator richtig [...]. Die Fake-News wurden mittlerweile von der Website von Impossible Foods entfernt.“
O-Ton: Weil der Chef eines Produzenten für Fleischersatzprodukte eine falsche Emissionsbilanzierung veröffentlicht hat, kann eine pflanzenbasierte Ernährung nicht klimafreundlich sein. Der Autor setzt dadurch eine pflanzenbasierte Ernährung mit dem Konsum von Ersatzprodukten gleich und kritisiert diese in der Folge als „chemisch“ und für einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung nicht finanzierbar. Nun sind derartige Ersatzprodukte sicherlich in einigen Fällen ebensowenig gesundheitsförderlich wie das Original, der Verweis auf „chemische“ Inhaltsstoffe wie Methylcellulose als „Grundsubstanz des Tapenkleisters“ ist nichtsdestotrotz grob unsachlich angesichts der Tatsache, dass diese auch in zahllosen anderen Lebensmitteln wie Backwaren, Soßen, Fleischwaren sowie bei der Arzneimittelherstellung als Trägerstoff verwendet wird und gesundheitlich unbedenklich ist.

Am Ende des Artikels findet sich dann noch ein Kommentar über die Gründerin der EAT-Foundation, die „vermutlich mit einer noch so teuren veganen ‚Global Health Diet‘ auch eher wenig zur Rettung des Planeten [beiträgt]. Denn sie fliegt mit ihrem 20 Millionen US-Dollar teuren Privatjet jährlich etliche Male um die Welt.“
Auch wenn ein solches Flugverhalten zweifellos angeprangert werden sollte, so handelt es sich beim hämischen Kommentar des Autors dennoch um ein Ad-Hominem-Argument mit der Absicht, die von der Gründerin vertretene Ernährungsweise in ein schlechtes Licht zu rücken.

Unbestritten handelt es sich um ein kontroverses Thema mit schwer durchschaubarer Datenlage. Der Autor erweckt aber mit seinem Artikel leider den Eindruck, als habe er sich auf einem Auge blind gestellt und zielgerichtet solche Studien herangezogen, die ihn in seiner vorgefertigten Meinung bestätigen. Sicherlich lässt sich über die genauen Prozentangaben hinsichtlich der Auswirkungen des Fleischkonsums auf Klima und Gesundheit diskutieren - die karzinogene Wirkung sowie die mit Fleischkonsum einhergehenden Emissionen und der enorme Flächen- und Wasserverbrauch sind jedoch breiter wissenschaftlicher Konsens.
Angesichts dessen halte ich es für verantwortungslos, in einem Ärzteblattartikel auf ein YouTube-Video mit dem Titel „Why We Should Be Eating MORE Meat, Not Less“ zu verweisen.

Cand. med. Johannes Gaßner
Avatar #835436
am Sonntag, 12. Juli 2020 um 12:12

Ernährung und Klima

Erfreulich viele Kommentare mit sachlich-wissenschaftlichen Argumenten, die beim Autor leider Fehlanzeige sind. Wie kann ein solcher Artikel, der nicht dem Peer-Review Verfahren unterliegt, im DÄ veröffentlicht werden? Eine sehr gute Zusammenfassung bietet: Scherer er al. ,2019,One Earth 1, 349-360

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