DÄ plusForenKommentare PrintBitte stets beide Gender betrachten, Kind ist Mädchen oder Junge

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Avatar #798265
am Freitag, 15. November 2019 um 11:47

Was ist mit der Beschneidung von Jungen?

Kommentar zum Print-Artikel
Weibliche Beschneidung: Neoklitoris und Vulvarekonstruktion für verstümmelte Frauen
aus Deutsches Ärzteblatt 46/2019 vom Freitag, 15. November 2019
Warum wird in diesem langen Artikel zur Beschneidung von Mädchen die Beschneidung von Jungen mit keinem einzigen Wort auch nur erwähnt?

Ich verstehe zwar, dass dieser Artikel die Beschneidung weiblicher Genitalien behandelt, aber die männlichen Beschneidung - insbesondere die ethischen Fragestellungen, wenn diese an nichteinwilligungsfähige Jungen vorgenommen wird - hätte zumindest kurz erwähnt werden können.

Die Beschneidung von Jungen ist weltweit vielfach weiter verbreitet als die Beschneidung von Mädchen.

Die männliche und weibliche Beschneidung sind auch historisch eng verwandt: In sämtlichen Kulturen, in denen Mädchen beschnitten werden auch die Jungen beschnitten.

Ein größerer Schwergrad der weiblichen Beschneidung lässt sich für die radikale ethische und legale Unterscheidungen auch nicht mehr vorschieben.

Laut der dem Artikel beigefügte WHO-Tabelle, entspricht die typische männliche Beschneidung, – d. h. die Entfernung des Präputium (Vorhaut) – der weiblichen Beschneidung vom „Typ Ia - Entfernung des Präputium clidoritis“, die von der WHO als „Genitalverstümmlung“ klassifiziert wird.

Es gibt keinen rationalen Grund dafür, warum die Entfernung der Klitorisvorhaut, und sogar Eingriffe ohne jedwede Gewebsentfernung wie das Durchstechen der Klitorisvorhaut als „Genitalverstümmlung“ gelten und als schwere Strafttat verfolgt werden sollen, die Entfernung der Vorhaut hingegen straffrei bleibt.
Es gibt keine rationalen Gründe für diesen Doppelstandard. Keine!
Der einzige „Grund“ dafür sind Sexismus - die Vorstellung, die Körper kleiner Jungen weniger wert sind als jene von Mädchen und das Bestreben, bestimmte religiöse Interessensgruppen zu befriedigen.
Avatar #727963
am Freitag, 25. September 2020 um 17:09

Bitte stets beide Gender betrachten, Kind ist Mädchen oder Junge

Rituelle Operationen am Genital betreffend, betrachte man die Mädchen und Frauen ebenso wie die Jungen und Männer.

Kind ist Junge oder Mädchen. Noch die geringst invasive Form der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM) muss verboten werden, weltweit, also auch FGM Typ Ia oder Typ IV. Eine Legalisierung beispielsweise der sogenannten milden Sunna (FGM Typ Ia oder IV nach der Klassifikation der WHO) ist zu verhindern.

Der schafiitische Fiqh ebenso wie das schiitische Islamische Recht der Bohra (aller, nicht nur der Dawudi Bohra) unterscheidet hinsichtlich der religiösen Pflicht (wâdschib, farD) zum Beschneiden zwischen Junge und Mädchen nicht. Die Rechtsschule der Schafiiten ist vorherrschend in Malaysia, Indonesien, Dagestan, Kurdistan, Somalia, in Teilen Ägyptens. Überall dort ist der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung ein besonders schwieriger.

Genitalverstümmelung ist weiblich oder männlich, Kind ist Mädchen oder Junge. Reden wir über FGM, female genital mutilation, weibliche Genitalverstümmelung und ebenso über MGM, male genital mutilation, männliche Genitalverstümmelung.

Die sensorisch-sexuelle Bedeutung der penilen Vorhaut wird immer noch allzu oft verkannt. Bei einer Zirkumzision werden die für das sexuelle Erleben zentralen Körperteile des Penis amputiert, das Gefurchte Band, die innere Vorhaut, das Frenulum (Bändchen) und das Frenulare Delta. Sexualsensorisch entspricht jede Zirkumzision daher einer Amputation nicht der Klitorisvorhaut, sondern der Klitoris, einer FGM Typ Ib nach der Klassifikation der WHO.

Die Vorhaut, nicht die Eichel, ist der für leichte Berührung empfindlichste Teil des intakten männlichen Geschlechtsorgans (Sorrells, Snyder, Reiss, Ede, Milos, Wilcox, Van Howe: Fine-touch pressure thresholds in the adult penis). Die Vorhaut ist sensibler als die menschlichen Lippen oder Fingerspitzen. Aufgrund ihrer sexuellen Empfindsamkeit spielt das Präputium eine bedeutende Rolle im Sexualleben unbeschnittener Männer und belastet eine jede Vorhautamputation Sexualität, Sexualpartner und Partnerschaft (Frisch, Lindholm, Grønbæk: Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark).

Tausende von überwiegend spezialisierten Nervenendigungen bzw. Tastkörperchen (Meissner-Körperchen, Vater-Pacini-Körperchen, Ruffini-Körperchen und Merkel-Zellen) werden bei der Zirkumzision, die wir endlich männliche Genitalverstümmelung (MGM) nennen sollten, amputiert. Diese spezialisierten Nervenendigungen dienen dazu, auch leichteste Berührungen sowie Feinheiten von Temperatur, Geschwindigkeit bzw. Vibration oder Textur wahrzunehmen und weiterzuleiten. Im Vergleich dazu befinden sich auf der Glans penis (Eichel) nur wenige, überwiegend unspezialisierte freie Nervenenden, sogenannte Nozizeptoren, die Schmerzreize detektieren und weiterleiten können.

Ob es um Mädchen und spätere Frauen geht oder um Jungen und spätere Männer: Überwinden wir das verharmlosende Gerede von der Beschneidung - "Genitalverstümmelung: Euphemistischen Begriff meiden".

Edward von Roy, Diplom-Sozialpädagoge (FH)

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