DÄ plusForenKommentare NewsExponentielles Wachstum?

Kommentare News

Kommentare News

Alle Kommentare zu Online-News

Avatar #759489
am Dienstag, 20. Oktober 2020 um 22:50

Amtsärzte mucken auf!

Mutiger Beamter:
https://www.merkur.de/bayern/coronavirus-bayern-soeder-gesundheitsamt-chef-maskenpflicht-friedrich-puerner-kritik-zr-13922061.html

Auch weitere Amtsleiter kritisieren das Ganze öffentlich. Z.B. dieser hier:
https://www.reitschuster.de/post/amtsarzt-zerlegt-offizielle-corona-politik/

Avatar #759489
am Dienstag, 20. Oktober 2020 um 22:54

Exponentielles Wachstum?

Zu S. Rex:
Wenn es dauern expon. Wachstum gegeben hätte, was hätten wir dann jetzt für eine Situation?
Aber ich zitiere lieber mal jemand, der sich mit solchen Rechnereien besser auskennt - Prof. Streeck:
https://www.n-tv.de/wissen/Hatten-bislang-nie-exponentiellen-Anstieg-article22066787.html
Avatar #691359
am Freitag, 23. Oktober 2020 um 00:20

Exponentielles Wachstum

Das von MITDENKER zitierte Interview mit Prof. Streeck fand am 29.09.20 statt. Zu diesem Zeitpunkt konnte man sich die Zahlen irgendwie noch schönreden. Seine Aussage „ Wir hatten bislang nie einen exponentiellen Anstieg. Auch jetzt sehen wir eher einen linearen Anstieg.“ ist aber definitiv falsch.

Ein exponentielles Wachstum ist nur auf dem Papier unendlich, in der Realität kommt es zu einem Verbrauch der endlichen Ressourcen. Damit hat jedes exponentielle Wachstum bzw. jede Kettenreaktion eine charakteristische S-förmige Kurvenform. Zuerst haben wir ein Plateau, dann beginnt ein leichter Anstieg, dabei wird der Kurvenradius immer enger. An diesem Punkt hat die zweite Ableitung ihr Maximum. Dann steigt die Kurve weiter an, der Kurvenradius wird immer weiter. Dann kommt ein kurzes lineares Stück, der Wendepunkt, das ist das Maximum der ersten Ableitung. Von da an wird die Kurve flacher, auch dort gibt es einen Punkt mit maximaler Krümmung, das ist dann das Minimum der zweiten Ableitung. Von da an läuft die Kurve in einem Plateau aus.

Das funktioniert bei der real-time PCR, z.B. beim Einsatz von TaqMan-Sonden finden wir bei der gemessenen Fluoreszenz genau diese Kurvenform. Bei der Quantifizierung kann man willkürlich einen Grenzwert festlegen, der Zeitpunkt, wenn das Fluoreszenzsignal diesen Grenzwert überschreitet, ist der Threshold cycle. Bei einigen Geräten bestimmt die Gerätesoftware das Maximum der zweiten Ableitung, das ist dort der crossing point. Diese charakteristische Kurvenform ist auch der Grund, warum reaktive Ergebnisse von Fachpersonal geprüft werden müssen, bevor sie als positiv freigegeben werden.

Die gleiche Mathematik funktioniert aber auch in der Infektionsepidemiologie. Die Basiskurve ist die kumulative Anzahl an Meldefällen. Die erste Ableitung brauchen wir nicht zu berechnen, das ist die tägliche Inzidenz. Und wenn Herr Streeck behauptet, wir hätten nie einen exponentiellen Anstieg, dann ist dies doppelt falsch. Wenn man bei worldometers auf die tägliche Inzidenz für Deutschland schaut, dann hatten wir am 27.03.20 den Pik bei der Inzidenz, das ist der Wendepunkt der Kurve. Der größte Anstieg bei der Inzidenz war in dieser ersten Phase der ersten Welle war am 23. und 26.03.20. Normalerweise liegen Krümmungsmaximum (=Maximum der zweiten Ableitung) und Wendepunkt weiter auseinander, allerdings ist dies kein perfekter exponentieller Anstieg, da frühzeitig massiv interveniert wurde.

In der jetzigen Phase sieht man, dass die Kurve der Inzidenz etwa bis zum 02.10. noch relativ flach verlief, um danach zunehmend anzusteigen. Der Anstieg der Inzidenz vom 20.10. (ca. 7000) zum 21.10. (ca. 10000) ist der größte im bisherigen Verlauf. Der Anstieg der kumulativen Meldezahlen kann selbst mit den besten Taschenspielertricks nicht mehr als linear bezeichnet werden. Und im Augenblick beschleunigt sich dieser Prozess. Erst wenn die tägliche Inzidenz einen Pikwert erreicht hat und stagniert, erst dann ist eine vorsichtige Abschätzung von Krankenhausauslastung und Mortalität möglich.

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur schildern, was ich unmittelbar miterlebe. Meine Region hat diese Woche die 50-er Marke gerissen. Die Covid-19 Station ist innerhalb von drei Tagen fast vollgelaufen. Das wäre alles halb so schlimm. Die Hälfte meiner Meldungen sind primäre Covid-Patienten auf der Isolierstation. Ein Viertel sind initial unverdächtige Patienten von Normalstation und ein weiteres Viertel ist Personal. Dabei handelt es sich nicht um einen einzelnen Ausbruch, sondern die Situation erinnert eher an ein großes Buschfeuer, wenn der Wind die Funken verbreitet und unzählige neue Brandherde überall gleichzeitig erschafft. Und wenn dann einzelne Personen behaupten, man solle die Risikogruppen abschirmen, dann ist das der blanke Hohn. Die einzige wirksame Abschirmung der Risikogruppen besteht in einer flächendeckenden Umsetzung der Basishygiene in der Gesamtbevölkerung (AHA+L). Auf der ITS sieht es noch ruhig aus, aber das ist bei den aktuellen Einweisungszahlen nur eine Zeitfrage.

Letzte Beiträge zu diesem Thema

Zusatzinfos