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Avatar #646036
am Montag, 26. Oktober 2020 um 17:19

Tiefe Verunsicherung, Verzweiflung und Fortschreiten des konitiven Abbaus

Kommentar zum Print-Artikel
Psychische Belastungen in der COVID-19-Pandemie: Allgemeine Verunsicherung
aus Deutsches Ärzteblatt 43/2020 vom Freitag, 23. Oktober 2020
Leider wurde meines Wissens bislang nicht systematisch untersucht, wie es Bewohnern von Altenheimen als Folge der Corona bedingten Einschränkungen ihrer Besuche, ihres Bewegungsradius und ihrer fehlenden Aktivitäten in den Heimen geht. Solche Untersuchungen während des Lockdowns scheitern bereits im Ansatz, da nur den Heimärzten der Zugang zu den Bewohnern erlaubt war. Telefonische Befragungen sind bei einem Grossteil der Bewohner in Alten- und Pflegeeinrichtungen nicht mehr zielführend. Die im Artikel zitierte Studie aus Leipzig und Mannheim widmet sich, da als telefonische Befragung durchgeführt, nur jenen älteren Mitbürgern, die noch problemlos am Telefon den Sinn einer solchen Studie erfassen können und bereit sind ein längeres Interview zu führen. Es handelt sich damit um eine Subgruppe älterer Menschen, die noch über erhebliche Kompetenzen im Alltag verfügen.
Als Gutachter in Betreuungsverfahren war und ist es mir gestattet, auch während der Schließung der Heime Zugang zu den Einrichtungen zu erlangen. Meine Erfahrungen (keine Studien), sind hier ganz anders bezüglich der Beeinträchtigung der Bewohner und ihres psychischen Zustandes. Von den betreuenden Pflegekräften wird häufig von tiefer Verzweiflung der Bewohner berichtet, die z.T. nicht erfassen können, warum sie von den Kindern und Enkeln nicht mehr besucht werden, wähnen, sie hätten etwas verbrochen.
Durch die deutlich zurückgehende Ansprache der Menschen wird der kognitive Abbau gefördert.
Ich denke bei aller Sorge um ältere, bezüglich einer Covid-19 Erkrankung sehr gefährdete Menschen, dürfen wir nicht vergessen diese Menschen jetzt zu fragen und ihre Meinung ernst nehmen, ob sie in der bisherigen Weise mit Besuchsverboten und Trennscheiben geschützt werden wollen, oder ob es ihnen, da die Lebenserwartung ohnehin begrenzt, wichtiger ist jetzt ihre Lieben noch zu sehen und das Risiko einer Infektion eingehen wollen. Vielleicht sollten wir auch fragen dürfen ob sie auf eine unbestimmte Zeit "post Corona" warten wollen, die sie vielleicht gar nicht mehr erleben, da die Herzinsuffizienz, Herzinfarkt oder der Schlaganfall schneller waren.
Dr. med. Ulrich Krüninger
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Palliativmedizin
Deggendorf
dr.krueninger@t-online.de
Avatar #745246
am Montag, 26. Oktober 2020 um 17:31
geändert am 26.10.2020 17:33:00

@Dr. Krüninger - Danke für diese tieferen Einblicke

Leider wurde meines Wissens bislang nicht systematisch untersucht, wie es Bewohnern von Altenheimen als Folge der Corona bedingten Einschränkungen ihrer Besuche, ihres Bewegungsradius und ihrer fehlenden Aktivitäten in den Heimen geht. Solche Untersuchungen während des Lockdowns scheitern bereits im Ansatz, da nur den Heimärzten der Zugang zu den Bewohnern erlaubt war. Telefonische Befragungen sind bei einem Grossteil der Bewohner in Alten- und Pflegeeinrichtungen nicht mehr zielführend. Die im Artikel zitierte Studie aus Leipzig und Mannheim widmet sich, da als telefonische Befragung durchgeführt, nur jenen älteren Mitbürgern, die noch problemlos am Telefon den Sinn einer solchen Studie erfassen können und bereit sind ein längeres Interview zu führen. Es handelt sich damit um eine Subgruppe älterer Menschen, die noch über erhebliche Kompetenzen im Alltag verfügen. Als Gutachter in Betreuungsverfahren war und ist es mir gestattet, auch während der Schließung der Heime Zugang zu den Einrichtungen zu erlangen. Meine Erfahrungen (keine Studien), sind hier ganz anders bezüglich der Beeinträchtigung der Bewohner und ihres psychischen Zustandes. Von den betreuenden Pflegekräften wird häufig von tiefer Verzweiflung der Bewohner berichtet, die z.T. nicht erfassen können, warum sie von den Kindern und Enkeln nicht mehr besucht werden, wähnen, sie hätten etwas verbrochen. Durch die deutlich zurückgehende Ansprache der Menschen wird der kognitive Abbau gefördert. Ich denke bei aller Sorge um ältere, bezüglich einer Covid-19 Erkrankung sehr gefährdete Menschen, dürfen wir nicht vergessen diese Menschen jetzt zu fragen und ihre Meinung ernst nehmen, ob sie in der bisherigen Weise mit Besuchsverboten und Trennscheiben geschützt werden wollen, oder ob es ihnen, da die Lebenserwartung ohnehin begrenzt, wichtiger ist jetzt ihre Lieben noch zu sehen und das Risiko einer Infektion eingehen wollen. Vielleicht sollten wir auch fragen dürfen ob sie auf eine unbestimmte Zeit "post Corona" warten wollen, die sie vielleicht gar nicht mehr erleben, da die Herzinsuffizienz, Herzinfarkt oder der Schlaganfall schneller waren. Dr. med. Ulrich Krüninger Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Palliativmedizin Deggendorf dr.krueninger@t-online.de
Sehr geehrter Herr Dr. Krüninger,

ich danke Ihnen für Ihre tiefergehende Reflektion der Zusammenhänge und Auswirkungen der staatlichen Interventionen. Das diesen Thematiken viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, das bedauere ich ebenfalls sehr.

Mit freundlichen Grüßen
André B.

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