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am Freitag, 6. November 2020 um 10:06

Die psychische Pathologisierung von Transsexualität (Transidentität/transgender) ist überholt

Vorweg: Die Anhörung der Sachverständigen Dr. Alexander Korte im Innenausschuss des Bundestages vom 02.11.2020 wird auch von vielen ärztlichen und psychotherapeutischen Kolleg*innen kritisiert. Ihre Darstellung suggeriert, es wäre eine Kontroverse zwischen Ärzt*innen/Psycholog*innen und Jurist*innen. Es ging um die rechtliche Verankerung von geschlechtlicher Selbstbestimmung im Personenstandsrecht, was letztendlich eine juristische Fragestellung darstellt. Ärzt*innen und Psycholog*innen haben die Aufgabe, die politische Entscheidung durch fachliche Anmerkungen zu unterstützen und zu begleiten. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Bei der Beteiligung an politischer Willensbildung durch Ärtz*innen und Psycholog*innen ist jedoch zu beachten, dass diese auf Grundlage aktueller und wissenschaftlich evidenter Erkenntnisse beruht. Dass Herr Dr. Korte nach wie vor die psychologische Pathologisierung - entgegen der WHO, die mit dem ICD-11 Transsexualität aus dem Katalog der psychischen Störungen entfernt (hat) - festhält ist nicht mehr haltbar. Als Sachverständige nach dem Transsexuellengesetz habe ich viele transsexuelle Menschen begutachtet und kann mich den Ausführungen des Herrn Dr. Korte nicht anschließen. Bereits seit vielen Jahrzehnten liegen Erkenntnisse aus der Sexualforschung vor, die einer weiteren Psycho-Pathologisierung eindeutig entgegenstehen:

Schorsch, E. (1975). Sexuelle Deviationen: Ideologie, Klinik, Kritik. in Sigusch, V. (1975). Therapie sexueller Störungen, (S.135-136):
»Nach dem heutigen Stand der Forschung ist diesen Menschen (Anm. der Autorin: gemeint sind transsexuelle Menschen) in der Tat nur dadurch zu helfen, daß man nach gründlicher diagnostischer Abklärung und vorbereitenden Maßnahmen ihnen diesen Wunsch (Anm. der Autorin: nach medizinischen Maßnahmen zur Geschlechtsanpassung, E. Schorsch nennt sie „operative Geschlechtsumwandlung“) erfüllt. Alle anderen psychotherapeutischen Maßnahmen oder medikamentöse Behandlungsversuche sind völlig sinnlos.«

Zu Verkürzung meines Beitrags verzichte ich auf die Zitation ähnlicher Ausführungen von Pfäfflin, Sigusch und anderen Sexualwissenschaftlern und Psychologen. Zu erwähnen ist, dass auch Rauchfleisch in seinem 2019 veröffentlichen Buch »Transsexualismus – Genderdysphorie – Geschlechtsinkongruenz – Transidentität – Der schwierige Weg der Entpathologisierung« die weitere Pathologisierung deutlich in Frage stellt:
»Die bisherige Auseinandersetzung mit dem Phänomen „Transidentität“ zeigt, dass sie eine Variante der Geschlechtsidentitätsentwicklung darstellt, die nichts mit psychischer Gesundheit oder Krankheit zu tun hat...«

Die Bezeichnung als eine Variante der Geschlechtsentwicklung ist - entgegen Herrn Dr. Kortes Auffassung - bei vielen Psycholog*innen, Mediziner*innen und anderen wissenschaftlichen Fachgebieten wie der Neurowissenschaft längst angekommen. Es wäre also an der Zeit, sich in der Ärzteschaft endlich davon zu lösen, dass Transsexualität eine psychische Störung darstellt.
Avatar #847865
am Freitag, 6. November 2020 um 11:46

Kontroverse zwischen Ärzt_innen einerseits und Jurist_innen ?

Dieser Beitrag stellt eine Kontroverse zwischen Ärzt_innen und Jurist_innen als gegeben hin. Wie in der Aufzeichnung der Anhörung auf bundestag.de auch zu hören, vertritt Dr. Alexander Korte keineswegs "die Ärzte" (das sagt er in der Anhörung auch selbst) geschweige denn eine mehrheitlich akzeptierte Haltung. Es ist zunächst eine Kontroverse zwischen ihm und den anwesenden Jurist_innen. Dazu empfehle ich die Lektüre der Stellungnahmen, die zur S3 Leitlinie AWMF Geschlechtsdysphorie Erwachsene veröffentlicht wurden und des offenen Briefs des Vorsitzenden der Leitlinienkommission für die Erstellung der S3 Leitlinien Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter, Prof. Dr. Romer, der als Antwort auf einen Beitrag Dr. Kortes im "SPIEGEL" verschickt wurde.

Wie in der Anhörung völlig korrekt dargestellt wurde, ist die Frage der Selbstbestimmung über den Personenstand eine Frage von Menschenrechten und nur ein Stück Papier, dessen Änderung nichts mit medizinischen Maßnahmen zu tun hat. Eine Änderung des rechtlichen Geschlechts, so wie in den Gesetzen vorgeschlagen, bedarf keiner Sachverständigenbegutachtung. Ohne eine solche, ist im System der Krankenversicherungen jedoch keine medizinische Maßnahme zu begründen. Worin soll also bitte das Problem liegen ? Papier ist geduldig und kann, so die Vorschläge, nach einer Wartefrist wieder geändert werden.

Die Frage des im SGB verankerten Anspruchs auf geschlechtsangleichende Maßnahmen ist NICHT dazu da, eine ärztliche bzw. psychotherapeutische Indikation zu ersetzen, so wie das Hr. Korte darstellt. Die Verankerung dient dazu, es den behandelnden Ärzt_innen und Therapeut_innen zu überlassen gemeinsam mit den Behandlungssuchenden entsprechend den med. Leitlinien die geeignete Therapie zu finden, ohne dass der MDK z.B. chirurgische Maßnahmen nach "psychischen" Kriterien beurteilt.

Letzteres steht dem MDK bzw. dem MDS spätestens zum 31.12.2021 nicht mehr zu, dann endet die nationale Umsetzungsfrist der ICD-11.

Die evidenzbasierte S3 Leitlinie akzeptieren Hr. Korte und seine Fachgesellschaft DGSMTW nicht und stellen sich damit nicht nur außerhalb des Systems medizinisch-wissenschaftlichen Arbeitens in Deutschland sondern er versucht auch noch dieses etablierte System zu diskreditieren, in dem er nicht belegte und widersprüchliche Behauptungen aufstellt. Auch hierzu ist der offene Brief Dr. Romers lesenswert.

https://m.facebook.com/dgtiev/posts/offener-brief-an-die-spiegel-redaktion-vonuniv-prof-dr-med-georg-romer-universit/779102042452752/

Ausnahmen für genitalverändernde Operationen an Kleinkindern, darf es nur bei AKUTER Gesundheitsgefahr geben. Die oft von Ärzt_innen gegenüber Eltern dieser Kinder geäußerte Meinung, Gonaden müssten wg. eventueller Krebsgefahr entfernt werden, ist durch die Studienlage nicht gedeckt und übt psychischen Druck auf die Eltern aus. Jede Operation an einem Geschlechtsteil bei einem Kleinkind führt später durch die Narben zu Wachstumsproblemen und zu weiteren Operationen. Jede derartige chirurgischer Eingriff an einem Kleinkind, ohne dass z.B. der Harnfluss gehemmt ist, ist unverantwortlich und muss daher verboten werden.
Avatar #848279
am Montag, 9. November 2020 um 13:20

Beschränkung auf die Kernkompetenzen

Die Anhörung hat gezeigt das es darauf ankommt wer sich zu was äußert. Im Gegensatz zu dem einen Mediziner der seine recht singulären Ansichten auf juristisches Gebiet ausdehnte, beschränkten sich die geladenen Jurist*Innen auf ihr Fachgebiet.
In der Anhörung wurde die Personenstandsrechtliche Umsetzung einer objektiv fehlerhaften Geschlechtszuweisung im Geburtregister verhandelt. Nun ist es seit 1978 stehende Entscheidung des BVerfG das die singuläre Abhängigkeit von biologischen Merkmalen nicht verfassungsgemäß ist.
Die geäußerte Geschlechtszugehörigkeit fällt unter den Schutz von Art 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art 1 Abs 1 GG (Beschluss des 1. Senates des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) vom 11. Oktober 1978 - 1 BvR 16/72 – RN 50; u.a.O). Eine Anerkennung der geäußerten Geschlechtszugehörigkeit liegt nicht im Ermessen Dritter. (BVerfG, Entscheidung Ersten Senat vom 26. Januar 1993 - 1 BvL 38, 40, 43/92 – RN 34 ff. insbes. RN 38) In seiner Entscheidung vom 15. August 1996 – 2 BvR 1833/95 – hat das BVerfG dieses dahingehend präzisiert, dass die Respektierung und somit anerkennende Akzeptanz der geäußerten Geschlechtszugehörigkeit unbedingt verpflichtend ist. Etwaigen Einwendungen körperlicher Gegebenheiten sprach das BVerfG mit Beschluss des Ersten Senats vom 11. Januar 2011 - 1 BvR 3295/07 RN 56 ff. – die Berechtigung ab.
Die postulierte Infragestellung etablierter medizinischer Procedere erfolgte nicht, bestenfalls am Rande. Vielmehr verstärkt sich einem sachkundigen Betrachter der Eindruck auf das hier ein dogmatisch-indizierter Privatfeldzug zur erneuten zum Vortrag gelangte.

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