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Avatar #847865
am Freitag, 6. November 2020 um 11:07

Angaben zur Prävalenz transidenter Personen

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Geschlechtsangleichende Hormontherapie bei Geschlechtsinkongruenz
aus Deutsches Ärzteblatt 43/2020 vom Freitag, 23. Oktober 2020
Geschlechtliche Inkongruenz beschränkt sich nicht auf Personen, die medizinische Interventionen benötigen.
Dies Gesamtzahl aller jemals durchgeführten Vornamens- und Personenstandsänderungen seit 1991 liegt bei 29549, Stand 31.12.2019

Darin sind entsprechende Verfahren aus der Zeit vor 1991 und aus den neuen Bundesländern nicht enthalten.
Quellen:
https://www.bundesjustizamt.de/DE/SharedDocs/Publikationen/Justizstatistik/Geschaeftsentwicklung_Amtsgerichte.pdf?__blob=publicationFile&v=9
https://dgti.org/4-dgtihomepage/leitartikel/166-zahlenspiele.html

Die Zahl der TSG Verfahren für 2019 wurde der dgti e.V. am 4.11.2020 vom Bundesjustizamt mitgeteilt, 2582.

Wir haben also eine seit 1981 steigende Zahl solcher Verfahren, also seit vier Jahrzehnten,
die auf eine Geschlechtsinkongruenz hindeuten. Daher finden wir es zulässig die Relation zu den jährlichen Geburten als Bevölkerungsanteil oder „Prävalenz“ zu werten.

Die Frage wie weit diese geschlechtliche Inkongruenz geht spielt dabei erst einmal keine Rolle. Auch eine rein soziale geschlechtliche Inkongruenz ist eine geschlechtliche Inkongruenz.

Bezogen auf die Geburten (781000 in 2019, stat. Bundesamt) entsprechen 2582 TSG Verfahren einem Bevölkerungsanteil von 0,33%. Das sind rund 248000 Personen.
Wir gehen davon aus, dass auch nicht-binäre trans* Personen von der erst seit dem 22.4.2020 bestehenden Möglichkeit Gebrauch machen werden,
ihren Personenstand über das TSG zu ändern (BGH Az. XII ZB 383/19, RN53), was sich auf die Zahl der TSG Anträge in 2020 sicher auswirkt.
Das Williams Institute (USA) führte 2011 und 2016 im Auftrag der US Gesundheitsbehörde CDC eine landesweite Studie durch:
https://williamsinstitute.law.ucla.edu/publications/trans-adults-united-states/
bei der sich 0,58% der Bevölkerung als transgender identifizierten.

Wenn man die „geschlechtliche Inkongruenz“ auf Menschen beschränken wil, die medizinische Maßnahmen in Anspruch nehmen, das sind
nach P. Cohen-Kettenis, Niederlande zwei Drittel aller trans* Personen, sind wir von den Angaben in dieser Arbeit immer noch sehr weit entfernt.
Gibt man also Zahlen von- bis an, ist es mit den hier angegebenen Quellen vertretbar von 160000 bis 250000 Personen in Deutschland zu sprechen,
mithin das Zehnfache.
Avatar #592022
am Freitag, 6. November 2020 um 13:42

Das Problem beginnt oft im Kindesalter, nicht erst in der Pubertät!

Typischerweise entsteht der Leidensdruck der Betroffenen nicht mit dem Beginn der Pubertät, sondern tritt im Rahmen der psychosexuellen Entwicklung schon sehr früh im Kindesalter auf.
Hier findet ab dem 4. bis 5. Lebensjahr, eine „Störung der Geschlechtsidentität des Kindesalters“ nach ICD 10, die sich dann im Jugendalter zur Transsexualität oder in Zukunft zur „Geschlechtsinkongruenz des Jugend- und Erwachsenenalters“ (nach ICD 11) wandelt.
Das lässt sich bei den Betroffenen gut erfragen, die sehr genau berichten können, sich bereits seit dem frühen Kindesalter „in falschem Körper geboren“ zu erleben und die die ihnen zugewiesene Geschlechterrolle deutlich ablehnen, sei es in der Bekleidung, im kindlichen Spielverhalten oder der elterlichen und sozialen Ansprache. Ab diesem Zeitpunkt wäre eine gute therapeutische, aber auch ärztliche Begleitung der Kinder und ihrer Familien notwendig, die Praxis zeigt aber, dass die betroffenen Kinder selten in der kinder- und jugendpsychiatrischen Sprechstunde vorgestellt werden.
In der Pubertät treten dann erschwerende komorbide Störungen, wie Anpassungsstörungen, depressive Verstimmungen, selbstverletzendes Verhalten oder gar Suizidversuche hinzu. Jugendliche neigen dazu, das nicht immer offen im Gespräch zu erzählen, oft auch Gründen der Scham und der Angst des Unverständnisses des Gegenübers. Hier ist ein feinfühliges Nachfragen notwendig, auch ist hilfreich, darauf hinzuweisen, dass es sich hier um ein, dem Untersucher, nicht unbekanntes medizinisches Problem handelt, bei dem es durchaus Handlungsstrategien gibt, die zielführend sein können.
Eine frühzeitige Zuweisung, noch vor dem Einsetzen der vollen Pubertät an eine endokrinologische Fachambulanz, mit begleitender psychotherapeutischer und ärztlicher Begleitung (in der Regel Kinder- und Jugendpsychotherapeuten und –psychiater) ist meines Erachtens derzeit die beste Strategie, um den Betroffenen eine sinnvolle Hilfe und einen Ausblick in eine gute Zukunft, egal welchen Geschlechts, zu ermöglichen.

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